Die deutsche katholische Theologin und Kirchenrechtlerin Michaela Lomb holt am Forum Christlicher Führungskräfte die Weisheit von frühchristlichen Wüstenvätern und Wüstenmütter zuhilfe – um Führungskräften Wege aus Krisensituationen aufzuzeigen. Die Tagung findet am Freitag in Winterthur statt.
Regula Pfeifer
Weshalb treten Sie am Freitag am Forum Christlicher Führungskräfte in Winterthur auf?
Michaela Lomb: Ich bin katholische Theologin und habe auch in der Schweiz gute Freunde, so wurde ich angefragt. Ich lehre an der Vinzenz Pallotti University in Vallendar bei Koblenz in Rheinland-Pfalz. Da bilden sich Unternehmerinnen und Unternehmer in Coaching- und Leadership-Studiengängen weiter. Wir merken, dass wirklich erfolgreiche Führungskräfte nach geistlichen Quellen suchen, nach etwas, das sie trägt in ihrem jeweils eigenem Leadership-Entwurf.
«Vielen Menschen in Leitungsfunktionen geht es aktuell sehr schlecht.»
Vielen Menschen in Leitungsfunktionen geht es aktuell sehr schlecht, sie finden keine Kraft, keinen Ausgleich mehr. Wir sind in wüsten Zeiten unterwegs, deshalb nenne ich meine Breakout-Session «Durch Wüste(n) Zeiten».
Sie werden in einem Kurzworkshop namens «Breakout-Session» über Wüstenväter und Wüstenmütter berichten. Welche Personen kommen da vor?
Lomb: Ich habe den sehr bekannten Evagrius Ponticus aus dem vierten Jahrhundert gewählt und seine Zeitgenossin Amma Syncletica. Zum Abschluss der Breakout-Session beten wir gemeinsam ein Gebet, das von ihr überliefert ist. Beide haben Zeiten in der Wüste verbracht. Sie waren kluge und weise Menschen. Sie zogen sich zurück, isolierten sich aber nicht. Vielmehr haben sie Menschen beraten und sie mit ihren Erfahrungen bereichert. Sie waren für andere da.
«Die Wüstenväter und Wüstenmütter entwickelten eine Weisheit, von der wir heute wieder profitieren.»
Weshalb gingen diese Menschen in die Wüste?
Lomb: Die ersten Christen hatten die Vorstellung: Christus kommt bald wieder, wir müssen uns intensiv darauf vorbereiten. Also gingen sie in die Wüste, an diesen Ort der Wandlung, der auch lebensgefährlich war. Da machten sie oft harte Lebenserfahrungen und mussten persönliche Krisen bewältigen. Aber sie lernten, dies als Ressource wahrzunehmen. Die Wüste stand auch für positiven Wandel, Aufbruch. Sie entwickelten eine grundlegende Weisheit, von der wir heute wieder profitieren. Das möchte ich in dieser Breakout-Session darstellen.
Was vermitteln diese Wüstenväter oder Wüstenmütter konkret?
Lomb: Evagrius Ponticus ist in den letzten Jahren von Gabriel Bunge, einem zeitgenössischen Eremiten, der im Tessin lebt, wieder entdeckt worden. Er hat Evagrius in einer zugänglichen Sprache übersetzt. Evagrius Ponticus analysierte seine eigenen Gedanken wie ein Arzt oder Psychologe. Er spricht von einem Logismos, einer inneren Denkbewegung, die versucht, das Herz in eine bestimmte Richtung zu lenken. Nach ihm gibt es acht grosse, fehlgeleitete Gedanken, also acht Logismoi. Das sind Völlerei, Unzucht, Habsucht, Traurigkeit, Zorn, Akedia (die Krankheit der Sinnlosigkeit), Ruhmsucht und Stolz.
Was helfen diese Kategorien?
Lomb: Bei der Habsucht etwa geht es um den Gedanken: Ich brauche immer mehr. Evagrius Ponticus sagt: Es geht nicht um das Materielle, von dem der Mensch meint, zu wenig zu haben. Vielmehr hängt er am Materiellen, weil er Angst davor hat, frei zu werden. Als geistliches Mittel, um sich von dieser Angst zu befreien, empfiehlt Ponticus dem Menschen, Vertrauen und Grosszügigkeit zu erlernen.
«Nach Evagrius Ponticus soll der Mensch eine innere Freiheit erlangen, um vor Gott stehen zu können.»
Es geht Evagrius Ponticus dabei nicht um eine moralische Erziehung. Nach ihm soll der Mensch eine innere Freiheit erlangen, um vor Gott stehen, um auf Christus eingehen zu können, auf den er wartet und der seine Schwächen in Stärke umwandeln kann.
Dieses Gefühl der Freiheit heisst Apathie (Apatheia). Es geht nicht um Gefühllosigkeit, sondern um Freiheit von beherrschenden Leidenschaften. Der Mensch steht also über seinen eigenen Gedanken, er kann seine Gedanken auf Gott hinlenken. Er verfügt über die «Trotzmacht des Geistes». Das sagt auch der Begründer der Logotherapie und Existenzanalyse Viktor E. Frankl (1905-1997), der dem Menschen die Sinnhaftigkeit seines Handelns vermitteln will. Und darauf gründen auch die moderne Leadership-Theorien.
«Mit der Theologie des Ponticus werden Grenzen gesprengt, wenn man es zulässt.»
Wer lässt sich davon inspirieren? Sind das vor allem katholisch sozialisierte Kaderleute? Oder auch Leute ohne Glaubensbezug?
Lomb: Meine Erfahrung ist, dass gerade Leute, die mit der Amtskirche nicht viel anfangen können, trotzdem sehr auf der Suche sind. Die Wüstenväter haben ein bodenständiges Denken. Da geht es um Krisenbewältigung, um Kernthemen des Menschseins. Jeder Mensch, der versucht, mit sich offen umzugehen, merkt, dass er an Grenzen stösst. Mit der Theologie des Ponticus werden diese Grenzen gesprengt, wenn man es zulässt.
«Als gläubiger Mensch ist dies leichter. Die Wandlung lässt sich erleben.»
Als gläubiger Mensch ist dies leichter. Da kann man sich öffnen, weil man glauben darf, dass da noch «Jemand» ist. Diese Wandlung, diese Transformation, die dann eintritt, lässt sich erleben. Das passiert. Der Heilige Geist ist aktiv.
Sind christliche Führungspersonen die besseren Leader?
Lomb: Das glaube ich nicht. Vielmehr ist entscheidend, wie sich eine Führungsperson den eigenen Stärken und Schwächen stellt. Es ist wichtig, dass der Mensch ehrlich mit sich selbst umgeht. Hier gilt die Demut, ein Wort, das oft falsch verstanden wird. In dem Wort steckt Mut. Es geht darum, den Mut zu haben, sich auf sich selbst einzulassen. Im Lateinischen heisst Demut Humilitas. In diesem Begriff ist das Wort Humus enthalten, was auch Boden heisst. Da sind wir wieder bei der Bodenständigkeit. Wenn ein Mensch versucht bodenständig zu sein und sich nach oben zu öffnen, dann hat er die Möglichkeit, grosse Ressourcen in sich zu entdecken:
Von welchen Ressourcen sprechen Sie?
Lomb: Für mich ist das im idealen Fall der Glaube an Jesus Christus. Ich bin gläubige Katholikin und darf darauf hoffen, dass die Gottesmutter dabei als Mittlerin hilft. So kann eine grosse Transformation stattfinden, die eine Krisenbewältigung im Innern des Menschen ermöglicht. Wir leben in einer schweren Zeit und benötigen Ressourcen, um aktuelle Herausforderungen auszuhalten und um in die Verantwortung gehen zu können.
«Ich bin als Coach im kirchenrechtlichen Bereich unterwegs.»
Sie sind ursprünglich Kirchenrechtlerin. Wie kommt es dazu, dass Sie jetzt als Coach tätig sind?
Lomb: Ich bin quasi als Coach im kirchenrechtlichen Bereich unterwegs. Ich habe in Rom Kirchenrecht studiert, ein Fach innerhalb des Kirchenrechts ist das Recht geweihten Lebens, auch Ordensrecht genannt. Inzwischen habe ich seit vielen Jahren mit verschiedenen Arten von Gemeinschaften des geweihten Lebens zu tun. Diese benötigen oft eine externe Meinung. Ich setze mich mit ihrer Geschichte und ihrem Charisma – ihrem Auftrag – auseinander und habe bemerkt, dass ich sie unterstützen kann.
Erlauben Sie mir, das Kirchenrecht in diesem Zusammenhang mit einem Werkzeugkasten zu vergleichen. Das Ordensrecht kennt gute, erfahrene Werkzeuge, die flexibel betrachtet und gut ausgedeutet werden können, um den Gemeinschaften Stabilität zu vermitteln und Fundamente für die nächste Generation bauen zu können.
Und da sehen Sie sich auch darin?
Lomb: Absolut, ich sehe auch in unserer Ausbildung an der Universität grosse Möglichkeiten. Wir können die Schätze aus der Tradition der Kirche gemeinsam neu entdecken und heute anwenden. Die moderne Leadership-Psychologie, die ich aus meinem Ansatz heraus ergänzend zu anderen Fächern des Studiengangs unterrichte, geht genau wieder in diese Richtung. Und dies 1700 Jahre später.
«Aktuell bin ich in meiner wissenschaftlichen Forschung dem grossen ehemaligen Schweizer Kloster Muri sehr verbunden.»
Sind Sie auch in der Schweiz als Beraterin, als Coach tätig? Wenn ja, in welchen Bereichen?
Lomb: Ich darf immer wieder beratend und unterstützend in verschiedenen Bereichen wirken. Aktuell bin ich besonders in meiner wissenschaftlichen Forschung dem grossen ehemaligen Schweizer Kloster Muri sehr verbunden, das demnächst seine 1000 Jahre feiern wird. Das Kloster wurde staatlicherseits 1841 aufgehoben. Es besteht seither als Kloster Muri-Gries in Bozen weiter.
Diese Geschichte zeigt, dass ein Charisma, ein transzendent mitbegründeter Auftrag, nicht einfach endet, wenn ein Kloster im Kulturkampf vom Staat aufgelöst wird. Die Mönche machen am neuen Ort weiter. Auch hier hat Krisenbewältigung, Transformation stattgefunden. Das fasziniert mich. Es zeigt: Kirche ist auf Ewigkeit ausgerichtet und lässt sich nicht zerschlagen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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