Heute vor 25 Jahren geschah das bis heute Unfassbare: Terroristen rasten mit zwei Flugzeugen in die Zwillingstürme des World Trade Centers in New York. Nach der Brandexplosion stürzten die Wolkenkratzer ein, Tausende von Menschen starben. Paul Martone, Sprecher des Bistums Sitten und katholischer Priester, schildert kath.ch. im Interview, wie er «Nine-Eleven» persönlich erlebte. Auch Bischof Joseph Maria Bonnemain und Bischof Charles Morerod erinnern sich.
Wolfgang Holz
Herr Martone, wie und wo, bzw. bei welcher Gelegenheit haben Sie damals diese schreckliche Katastrophe erlebt?
Paul Martone: Ich kann mich sehr gut an diesen Tag erinnern, der für mich eine «Blitzlicht-Erinnerung» ist, die ich nie vergessen werde. Ich war damals Prior von Kippel und Pfarrer von Ferden im Lötschental. Am Abend des 9. September 2001 hatte ich in Ferden eine Sitzung mit Primarlehrerinnen und -lehrern. Auf meiner Rückfahrt nach Kippel hörte ich im Radio von irgendeinem Anschlag in Amerika, ohne jedoch das Ausmass dieses Angriffs zu realisieren. Erst als ich im Pfarrhaus den Fernseher einschaltete und diese Bilder sah, begriff ich ein wenig, was dort geschehen ist. Die wahre Bedeutung eröffnete sich mir aber erst während der folgenden Tage.
«Es war ein dunkler Moment in der Geschichte der Menschheit!»
Was haben Sie damals persönlich dabei empfunden bzw. wie ist es Ihnen dabei ergangen?
Martone: Ich war schockiert, erschüttert, vor allem als die ersten Meldungen über die Opferzahlen bekannt wurden. Dann aber auch, als Osama Bin Laden wie aus dem Nichts auftauchte und durch die Medien sich nicht nur zu diesem Anschlag bekannte, sondern sich dessen auch noch rühmte.
Es war ein dunkler Moment in der Geschichte der Menschheit! Es war für mich das erste Mal in meinem Leben, mit einem solch gewaltigen Anschlag konfrontiert zu werden. Die Bilder über den Einsturz der Zwillingstürme in New York waren verstörend. Es geschah etwas, das ich – und wohl auch Millionen anderer Menschen – nie für möglich gehalten hätte. Beide Türme waren ja ein Symbol für all das, was den Menschen möglich ist – vor allem auch in den USA, dem Land der unbegrenzten Möglichkeiten.
«Dem islamistischen Terror ist nicht militärisch beizukommen.»
Erlebten Sie in diesen Tagen auch Momente der Furcht?
Martone: Ja, ich hatte in diesen Tagen auch Angst. Die Frage nach den Folgen dieses Anschlages wurde immer drängender: Wie wird Präsident Bush reagieren? Wie die Nato? Wie die Eidgenossenschaft? Wird es zu einem weiteren Weltkrieg kommen? Diese Fragen brannten in meinem Herzen, verbunden mit der Hoffnung, dass letztlich die Vernunft siegen werde. Dass Präsident Bush militärisch reagieren musste, war klar – ebenso klar war und ist jedoch auch, dass Gewalt niemals zu echten Lösungen der Menschheitsprobleme führt. Dem islamistischen Terror ist nicht militärisch beizukommen. Wer die Geschichte der Menschheitsfamilie seit den ersten US-Angriffen auf Afghanistan mitverfolgt, muss feststellen, dass sich die Welt seit den Anschlägen von New York verändert hat – nicht zum Guten.
Wie haben Sie damals im Rahmen der Kirche darauf reagiert? Gab es Gedenkgottesdienste, Gebetsandachten oder ähnliches?
Martone: In den Pfarreien unseres Bistums wurde in den Predigten und vor allem auch in den Fürbitten während der Messen für den Erhalt des Friedens gebetet, aber auch für die Menschen, denen bei diesem Anschlag ihr Leben gewaltsam entrissen worden ist, und last, but not least dafür, dass Osama Bin Laden möglichst rasch gefasst und seiner gerechten Strafe zugeführt werde.
«An diesem Tag ging die Welt nicht unter – aber für viele Menschen sah die Welt danach anders aus als zuvor.»
Kann man sagen, dass dieser Terroranschlag so etwas wie eine Apokalypse war?
Martone: Nicht Apokalypse im Sinne eines Weltuntergangs, sondern im ursprünglichen Sinn einer Enthüllung. An diesem Tag ging die Welt nicht unter – aber für viele Menschen sah die Welt danach anders aus als zuvor. Vieles, was bis dahin als sicher und selbstverständlich gegolten hatte, war mit einem Schlag zerbrochen. Auf erschreckende Weise wurde sichtbar, wie verletzlich diese Welt ist. Seither ist sie leider noch verletzlicher geworden.
«Wenn auch die Mächte der Finsternis überhandzunehmen scheinen, so weiss der Gläubige doch, dass das Böse und der Tod nicht das letzte Wort haben. Hierauf ruht unsere christliche Hoffnung.»
Wie konnten Sie als Christ dieses furchtbare Ereignis verarbeiten – Sie haben ja unmittelbar nach «Nine-Eleven» eine mutige Zeitungskolumne geschrieben?
Martone: Ich schrieb damals und kann es heute nur bekräftigen: Das Wort Christi ist das einzige, das auf diese Frage antworten kann. Wenn auch die Mächte der Finsternis überhandzunehmen scheinen, so weiss der Gläubige doch, dass das Böse und der Tod nicht das letzte Wort haben. Hierauf ruht unsere christliche Hoffnung. Hieraus nährt sich in diesen schrecklichen Momenten unser betendes Vertrauen.
Hier und heute ist keine heile Welt in Sicht, wohl aber dereinst im Himmel ist auch das Heil für diese Welt. Das glaube ich fest. Völlig falsch wäre es auch aus meiner Sicht, den Islam nach dieser Tat zum Feind der Menschheit zu erklären. Religion darf niemals eine Quelle von Konflikten sein. Vielmehr sollen alle Religionen gemeinsam eine Welt ohne Gewalt aufbauen. Wir dürfen nicht bei den Bildern des Schreckens verharren. Wir müssen gerade dann Gedanken des Friedens denken, wenn Gewalt und Hass entflammen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant