Der Fussball rollt wieder in den Ligen in ganz Europa. Auch die Kirchen sind manchenorts mit von der Partie – gibt es doch in den deutschen Bundesligen fünf Stadionkapellen. In der Schweiz herrscht diesbezüglich Fehlanzeige.
Wolfgang Holz
Schalke 04, Eintracht Frankfurt, RB Leipzig, VfL Wolfsburg und Hertha BSC – dies sind die deutschen Bundesligisten in der ersten und zweiten Liga, die über eine Stadionkapelle verfügen. Auch im «Camp Nou» des FC Barcelona gehört eine Stadionkapelle zur Fussballkultur.
In den bestehenden Schweizer Fussballstadien gibt es aktuell dagegen weder eine einzige klassische Stadionkapelle noch einen Gebetsraum – obwohl es auch einige Arenen hat, in die mehrere tausend Besuchende passen. Doch diese spirituelle Brücke zwischen Fussball (gott), Fans und den Kirchen scheint bislang noch auf wenig Gegenliebe gestossen zu sein.
«Die Rituale auf dem Rasen und in der Kirche ähneln sich durchaus, Fans wie Gläubige pilgern wöchentlich in ihre wichtigsten Stätten, um dort zu hoffen, zu glauben oder zu trauern.»
Dabei muss man eigentlich nicht lange nach Parallelen zwischen Fussball und Kirche suchen. «Fussball und Religion können beide sinnstiftende Aufgaben erfüllen», wie Mämä Sykora, Chefredaktor des Fussballmagazins «Zwölf», einmal in einem Beitrag für die Katholische Kantonalkirche in Zürich geschrieben hat. «Die Rituale auf dem Rasen und in der Kirche ähneln sich durchaus, Fans wie Gläubige pilgern wöchentlich in ihre wichtigsten Stätten, um dort zu hoffen, zu glauben oder zu trauern. Nicht umsonst nennt man die Fussballstadien gerne Kathedralen des Sports.»
Es gibt zahlreiche leidenschaftliche Fussballfans im Schweizer Fussball: Die Fans von Basel, dem FC Zürich, dem FC Luzern, St. Gallen und anderen Vereinen frönen dem Fussball mit Herz und Seele. Doch spirituelle Bedürfnisse scheinen hierzulande weder bei den Fans, noch bei den einzelnen Fussballvereinen zu existieren.
Dabei geht es zwischen Fussballfans und Kirche in manchen deutschen Stadionkapellen richtig lebendig zu. Beispiel Schalke 04. Die älteste und wohl bekannteste Stadionkapelle befindet sich in der Veltins-Arena des Ruhrpottklubs. Das Stadion feierte jüngst sein 25-jähriges Jubiläum, die Kapelle wurde am 12. August 2001 eingeweiht. Laut Verein wurden dort seitdem mehr als 2000 Kinder getauft, 700 Trauungen und Jubiläen gefeiert sowie Verstorbener gedacht und für Opfer von Katastrophen gebetet. Die Kapelle versteht sich als «ökumenische Begegnungsstätte» über die Konfessionen hinweg.
Und Stadionkapellen können gerade jene Menschen wieder für die Kirche interessieren, die mit Kirche nichts mehr oder nicht mehr viel, mit Fussball aber sehr viel am Hut haben. «Wir treffen in der Kapelle auch diejenigen, die keine Beziehung zu ihren Kirchgemeinden mehr haben», so Pfarrer Ernst-Martin Barth, Pfarrer der Stadionkapelle in der Fussball-Arena «Auf Schalke».
In Zürich kursiert zwar seit einigen Jahren das Stadion-Projekt «Ensemble» durch die Gazetten, welches einen solchen spirituellen Ort vorsieht. Für das geplante neue Hardturm-Fussballstadion in Zürich-West wurde nämlich die Integration der ersten Stadionkirche bzw. eines «Raums der Stille» in der Schweiz 2018 angekündigt.
Die Pläne sehen einen rund 120 Quadratmeter grossen Bereich vor, der einen Empfangs- und einen Andachtsraum umfasst. Dieser Ort soll an Spieltagen für Menschen aller Konfessionen und Religionen offenstehen, um Momente der Ruhe, des Gebets oder des interkulturellen Austauschs zu ermöglichen. Doch fix ist bislang gar nichts. Hauptgrund: Es ist noch überhaupt nicht klar, wann das neue Hardturmstadion denn nun konkret gebaut wird. Ausser dem Abbruch der alten Heimstätte des Grasshoppers Zürich ist bis jetzt noch nichts passiert.
«Hinzu kommt, dass das neugeplante Zürcher Stadion beiden Stadtklubs, also GC und dem FCZ, als Heimstätte dienen soll, wodurch es den Fans wohl weniger nahe sein wird als etwa das Olympiastadion den Fans von Hertha BSC Berlin», so Mämä Sykora.
Doch es gibt ja nicht nur den FC Zürich und die Grasshoppers Zürich, die in einer reformierten Stadt ihr Dasein führen. Es gibt ja auch Städte mit traditionellem katholischen Background, die in der Super League spielen – etwa der FC Luzern, der FC St. Gallen oder der FC Lugano. Warum verfügen diese Vereine über keine Stadionkapellen in ihren Mauern?
«Zu den Überlegungen, die seinerzeit beim Bau des Stadions hinsichtlich einer möglichen Kapelle angestellt wurden, kann ich Ihnen leider keine verlässlichen Angaben machen. Das war vor unserer Zeit und entzieht sich deshalb unseren Kenntnissen», räumt Remo Blumenthal, Bereichsleiter Medien und Kommunikation des FC St. Gallen, auf Anfrage von kath.ch ein.
Auch aktuell sei die Einrichtung einer Stadionkapelle kein Thema, mit dem man sich konkret befasse. «Selbstverständlich nehmen wir aber wahr, dass es in anderen Stadien entsprechende ökumenische Angebote gibt. Regelmässige religiöse Angebote wie Gottesdienste im Stadion oder spezifische kirchliche Angebote für Fans vor, während oder nach der Saison bestehen derzeit nicht», so Remo Blumenthal.
Und auch in Luzern scheinen Kirche und Fussball noch nicht zusammengefunden zu haben in Sachen Stadionkapelle. «Die Einrichtung einer Stadionkapelle stand bei der Konzeption und beim Bau des Stadions nicht im Fokus», erklärt die Medienstelle des FC Luzern gegenüber kath.ch.
Entsprechend verfüge die «Thermoplan Arena» über keinen spezifisch religiös ausgerichteten Raum. «Hinzu kommen die bereits heute knappen Raumverhältnisse im Stadion, die uns in verschiedenen Bereichen vor Herausforderungen stellen – beispielsweise bei Garderoben, Regenerationsmöglichkeiten oder Büroräumlichkeiten», so der FC Luzern. Der FC Luzern bietet auch vor, während oder nach der Saison keine eigenen religiösen Veranstaltungen oder Gottesdienste für Fans im Stadion an.
«Der Fussball kann eine ernsthafte Konkurrenz sein zur Religion, er kann Ersatzreligion werden.»
Andererseits: Inwieweit besteht denn eigentlich ein Interesse seitens der katholischen Kirche, sich dem Fussball zuzuwenden. Sei es in Form einer Stadionkapelle oder eines Gebets- und Andachtsraums, wie es sie in deutschen Fussballstadien gibt. Sei es in Form von Gottesdiensten für Fans. Denn zwischen diesen zwei Welten gibt es nach wie vor offensichtlich kaum Berührungspunkte.
Ob das wohl daran liegt, dass schon der Schweizer Theologe Hans Küng um die Vormachtstellung der Kirche fürchtete? «Der Fussball kann eine ernsthafte Konkurrenz sein zur Religion, er kann Ersatzreligion werden», sagte Küng einst der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
«Der Sport als Ort für pastorales Engagement wäre sicherlich grundsätzlich noch eine Option».
Florian Flohr ist Pastoralraumleiter ad interim für die katholische Kirche in der Stadt Luzern. Er sieht derzeit keine Motivation beziehungsweise keinen Grund, sich als Kirche für den professionellen Fussball zu engagieren, wie er gegenüber kath.ch erklärt.
«So wie sich der kommerzielle Fussball und seine nicht selten gewaltbereiten Fans in und um die Stadien präsentieren, macht es wenig Sinn, sich als Kirche in den Dienst einer Religion zu stellen, die die Starken und die Gewinner in den Mittelpunkt stellt.» Aus seiner Sicht wäre es segensreicher, sich als Kirche bei der interkulturellen Ausbildung von Fussballtrainern, so wie es die Caritas in einem Projekt einmal angeregt habe, oder in der Jugendarbeit des Fussballs zu engagieren. Solche Projekte seien aber bislang auch noch nicht realisiert worden, wie Flohr einräumt.
Doch böten solche Gebetsräume oder Stadionkapellen für die Kirchen nicht auch die Möglichkeit, kirchenferne Menschen wieder ins Boot des Glaubens zu holen bzw. in ihrem Lebensalltag dort abzuholen, wo sie sich tatsächlich aufhalten? «Der Sport als Ort für pastorales Engagement wäre sicherlich grundsätzlich noch eine Option», sagt Pastoralraumleiter Florian Flohr. Stadionkapellen in Schweizer Stadien hält er aber eher auch in Zukunft für unwahrscheinlich, weil diese vergleichsweise viel kleiner seien als jene in Deutschland.
Und wie sehen es eigentlich die Fussballfans selbst? David Stucki, Sozialpädagoge und Stellenleiter der Fanarbeit St. Gallen, nimmt Stellung. «Mir ist noch nie ein derartiger Wunsch seitens von Fans für eine Stadionkapelle zu Ohren gekommen. Für die St. Galler Fans ist ihre Messe der jeweilige Match auf dem Fussballplatz», sagt er gegenüber kath.ch. Auch ein Luzerner Fanexperte bestätigt, dass Stadionkapellen oder Gebetsräume bei Luzerner Fans bislang kein Thema gewesen seien.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant