Der Priester- und Personalmangel in der katholischen Kirche führt dazu, dass Gottesdienste entfallen. Alternativen zur Eucharistiefeier, wie sie jüngst ein Zuger Pastralraumleiter in Form von «Gebetszeiten mit musikalischen Elementen» ins Spiel gebracht hat, könnten eine Variante sein. Liturgiewissenschaftlerin Ann-Katrin Gässlein erörtert im Interview mit kath.ch Zukunftsszenarios.
Wolfgang Holz
Frau Gässlein, braucht die katholische Kirche neue Alternativen zur Eucharistiefeier?
Ann-Katrin Gässlein*: Eigentlich geht es ja darum, die Vielfalt liturgischer Formen wiederzuentdecken. Das Spannende ist ja, dass bis vor einigen Jahrzehnten eine solche Vielfalt durchaus existiert hatte: Andachten, Rosenkranzgebet, Prozessionen mit Liedern – dabei waren Menschen aus der ganzen Bevölkerung eingebunden und konnten erleben, dass «Liturgie» auch für sie stimmige Ausdrucksformen bot.
«Die Volksfrömmigkeit ist stark eingebrochen, alles fokussierte sich auf die Eucharistiefeier.»
Und heute?
Gässlein: Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich das stark verändert. Die Volksfrömmigkeit ist stark eingebrochen, alles fokussierte sich auf die Eucharistiefeier. An den Folgen einer «Monokultur» der Eucharistie leiden wir heute: Es gibt immer weniger Priester, unter der Woche findet vielerorts kaum mehr etwas statt, und vielen Menschen fällt es leicht zu sagen, dass sie sich nicht abgeholt fühlen – wenn es kaum Alternativen gibt. Dabei ist das überhaupt nicht zwingend.
«Grundsätzlich sind Gemeinden aber frei, eine für sie passende Form zu finden.»
Warum? Welche liturgischen Formen bieten sich besonders an?
Gässlein: Ein Königsweg zur Weiterentwicklung liturgischer Vielfalt wäre, die Tagzeitenliturgie weiterzuentwickeln. Morgenlob, «Stille mit Impuls» am Mittag, Abendfeier mit Musik, Komplet zum Einbruch der Nacht – das alles gehört zur Liturgie der Tagzeiten. Sie wird in den Orden gepflegt, aber auch für Privatpersonen und zunehmend für Pfarreigemeinden immer stärker empfohlen. Dabei können die offiziell approbierten Bücher als Vorlage dienen. Grundsätzlich sind Gemeinden aber frei, eine für sie passende Form zu finden. Auch wichtig: «Tagzeiten» können problemlos ökumenisch getragen und von Diakonen oder Laien, auch von Ehrenamtlichen, geleitet werden.
Welche Rolle kann dabei die Musik einnehmen?
Gässlein: Die Anglikanische Kirche ist diesen Weg gegangen. Aus den Tagzeiten hat sie die Vesper herausgegriffen und insbesondere in Universitätsstädten und an Kathedralkirchen daraus den «Evensong» entwickelt: eine Feier unter Einbezug von Chor, Schola oder Orchester.
«In der Musikliteratur gibt es hervorragende Kompositionen, und der «Evensong» motiviert auch zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten, für die Vesper neue Werke zu schaffen.»
Mancherorts findet täglich ein «Evensong» statt, an anderen Orten einmal in der Woche. In der Musikliteratur gibt es hervorragende Kompositionen, und der «Evensong» motiviert auch zeitgenössische Komponistinnen und Komponisten, für die Vesper neue Werke zu schaffen. In St. Gallen wird seit mehreren Jahren eine solche Vesper am Dienstagabend im Chorraum der Kathedrale gefeiert. Eine halbe Stunde lang mit sparsamen Gebeten und wunderbarer Musik, einem Magnifikat und einem Segen.
Eine aufwendig musikalisch gestaltete Feier dürfte allerdings nicht für jede Pfarrei umsetzbar sein. Welche einfacheren Formen sind denkbar?
Gässlein: Natürlich muss man die Ressourcen im Blick behalten, vor allem in der Kirchenmusik. Das Spektrum lässt sich weiterdenken: Ich erlebe, dass in der Schweiz an zahlreichen Orten experimentiert wird und Formate entstehen, die mit sehr sparsamen Mitteln auskommen.
«Ein monatliches «Heilsingen» an einem besonders spirituellen Ort kann zum Beispiel von einer Seelsorgerin allein vorbereitet werden.»
Die da wären?
Gässlein: Ein monatliches «Heilsingen» an einem besonders spirituellen Ort kann zum Beispiel von einer Seelsorgerin allein vorbereitet werden, wenn die Musik über eine Spotify-Playlist eingespielt wird. Andere Feiern integrieren Dialogelemente und laden die Mitfeiernden ein, auch einmal den Raum zu wechseln und sich mit anderen auszutauschen. Ich habe auch schon Feiern erlebt, die Workshops mit Tanz und Meditation beinhalten oder unmittelbar im Anschluss mit einer gemeinsamen Teilete enden. Einige sind laut, mit Bühne, Band und Worship, andere still, behutsam und innig.
Wie weit kann man dabei gehen? Lassen sich auch Anlässe, die zunächst gar nicht wie ein klassischer Gottesdienst wirken, liturgisch gestalten?
Gässlein: Grundsätzlich lassen sich viele «typisch kulturelle» Anlässe auch liturgisch gestalten. Ein Märchenabend für Kinder in einer Kirche kann mit einem Segen abgeschlossen werden; im Advent kann das gemeinsame Adventssingen eine ähnliche Wirkung auf das Gemeinschaftsgefühl haben wie eine Rorate-Feier am Morgen.
Es wird nicht alles für jede Pfarrei gleichermassen passen. Ich sehe aber in der zunehmend engeren Zusammenarbeit in Seelsorgeverbänden und Pastoralräumen die Chance, einzelne Orte liturgisch zu profilieren und zu Leuchttürmen zu gestalten.
«Die vielfältigen liturgischen Präferenzen sind nicht zuletzt auch vielfältige Zugänge zum Leben der Kirche, die wertgeschätzt werden sollen.»
Dabei halte ich es für wichtig, dass die Liturgieverantwortlichen sich dabei nicht nur von persönlichen Vorlieben inspirieren lassen, sondern auch etwas ausprobieren, was vielleicht nicht den eigenen Geschmack trifft. Die vielfältigen liturgischen Präferenzen sind nicht zuletzt auch vielfältige Zugänge zum Leben der Kirche, die wertgeschätzt werden sollen.
*Ann-Katrin Gässlein ist Seelsorgerin für Bildung und Kultur bei der Citypastoral in St. Gallen
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant