Der Körper als Tempel

Dass das Christentum leibfeindlich sei, ist ein oft wiederholter Gemeinplatz. Die Christentumsgeschichte zeigt jedoch eine grosse Bandbreite: Zeiten mit lockeren Sitten wechseln sich mit Zeiten der Sittenstrenge ab, es gibt keine klare Entwicklungsrichtung.

Francesco Papagni

Es ist eine alte Geschichte: Das frühe Christentum sei durch die platonische Leibfeindlichkeit beeinflusst worden, was zu einer Abwertung des menschlichen Körpers geführt habe. Die Bibel jedoch kenne ein anderes, ganzheitliches Verständnis.

Elend der Leibfeindlichkeit überwunden

Eben gerade hat Michael Hartlieb diese Geschichte herumgeboten. Er ist Bereichsleiter beim Theologisch-Pastoralen Bildungsinstitut in Zürich. Sein Text unter dem Titel «Einst verdächtigt, heute wieder wertgeschätzt» erschien auf Online-Plattformen und wurde etwa auch vom Pfarrblatt Bern – in gekürzter Form – weiterverbreitet.

Bei Hartlieb geht die Geschichte gut aus: Das Elend der Leibfeindlichkeit konnte überwunden werden, der Leib werde heute «wieder wertgeschätzt», so behauptet er. Der Text endet so: «Für uns heute kann dies Ansporn sein, unseren Körper/Leib als göttliches Geschenk wiederzuentdecken. Er ist der Träger unserer Identität und dadurch in seiner Gesamtheit wichtig – mit allen schönen und makelbehafteten Stellen, in seinen einzigartigen Fähigkeiten und vor allem auch in der Freude, geliebt und geistig/körperlich berührt zu werden: von Gott, von unseren Partner:innen, von unseren Kindern und Mitmenschen. So, wie wir sind.»

Die Ehe wird Sakrament

Tatsächlich haben die Kirchenväter des Westens insgesamt eine negative Sicht auf Sexualität. Das dürfte mit platonischen Einflüssen zusammenhängen, und es stand in Spannung zu einem biblischen Verständnis des Menschen als einer Einheit von Leib und Geist.

Das Christentum war aber in seiner Geschichte vielgestaltig. Das Mittelalter, das oft als das christliche Zeitalter schlechthin angesehen wird, war freizügiger als die frühe Neuzeit. Der mittelalterliche Angriff auf die Sexualität kam weniger von der Kirche als vielmehr von häretischen Strömungen wie die Albigenser, die eine extrem negative Sicht auf Körperlichkeit hatten. Die Kirche bekämpfte die Albigenser und erhob die Ehe zum Sakrament. Damit anerkannte sie, dass es eine legitime Sexualität gibt. Ja, die würdigte diese durch die Heiligung des Bundes zwischen Mann und Frau.

Auferstehung des Fleisches

In der Neuzeit, vor allem im 19. und im frühen 20. Jahrhundert tat sich die katholische Kirche zunehmend schwer mit der Sexualität. Das Thema Leib/Leibfeindlichkeit hat mit Geschlechtlichkeit zu tun, muss aber gesondert betrachtet werden, denn im Credo bekennen wir die Auferstehung des Leibes.

In der lateinischen Fassung noch konkreter die Auferstehung des Fleisches. Wenn die Kirche leibfeindlich wäre, wie würde sich dieser Passus erklären? Jedenfalls ist das Festhalten an einer umfassenden Auferstehung antiplatonisch und leibfreundlich. Hier überwogen andere Traditionslinien.

Realer und idealer Körper

Auf den ersten Blick leben wir heute in einer befreiten Kultur. Wir stellen unseren Körper zur Schau, kennen keine Schranken für unsere Sexualität, solange die andere Seite einverstanden ist. Auf den zweiten Blick sieht alles ein bisschen anders aus: Viele Menschen jagen einem idealen Körperbild nach und tun alles, um dieses Bild zu erreichen. Der reale Körper wird auf den idealen hin zugerichtet. Aber der Abstand zwischen Ideal und Wirklichkeit ist nicht zu überwinden, was zu Leiden am Ungenügen führt.

Dieses Phänomen kann handfeste, ja lebensgefährliche Formen annehmen. So leiden immer mehr, vor allem junge Menschen an Essstörungen, die ein gestörtes Verhältnis zum eigenen Körper anzeigen. Viele fühlen sich hässlich.

Andere jagen der Longevity nach, dem Trend zum möglichst langen, möglichst gesunden Leben. Ein entspanntes Verhältnis zum eigenen Körper und zu sich selbst würde Alterung als natürliche Erscheinung akzeptieren, mit der man lernt zu leben und die unvermeidbar ist. Hinter dem modernen Körperkult verbirgt sich Leibfeindlichkeit.

Wir sind Leib

Ein untrügliches Indiz ist der Sprachgebrauch. Wenn jemand vom eigenen Leib spricht und «mein Körper» sagt, als seien er oder sie und der eigene Leib zwei verschiedene Dinge, zeigt dies ein Problem an. Und der Satz «Ich bin im falschen Körper» ist ein extremer Ausdruck davon – als ob es ein körperloses Ich neben einem ich-losen Körper gäbe.

Das ist nicht so sehr Platonismus als vielmehr Cartesianismus. René Descartes war es, der in der frühen Neuzeit Körper (res extensa) und Geist (res cogitans) als zwei verschiedene Entitäten dachte. Was wir heute erleben, sind die Spätfolgen dieses Dualismus. Es ist eine elementare Einsicht, dass wir keinen Körper, keinen Gegenstand unter Gegenständen, sondern einen lebendigen Leib haben. Oder besser: Wir sind Leib.

Gott ist Mensch geworden

Das Christentum ist die Religion der Leiblichkeit: Gott ist Mensch geworden, heisst: Er ist Fleisch, also Leib geworden. Für ein rechtes Verständnis der Inkarnation muss die heute vorherrschende Vorstellung vom Körper als eines Privatbesitzes, verworfen werden. Den Leib als «Tempel des Heiligen Geistes» (1 Kor 6,19) behandeln, bedeutet nicht, ihn zuzurichten, vielmehr ihm und uns Sorge zu tragen.

Was kann das Christentum zu einem gelassenen Selbst- und Leibverhältnis beitragen? Sehr viel. Hartlieb hat die alttestamentarische Sicht auf den Menschen erwähnt, wo Leib und Geist nicht auseinanderdividiert werden. Im Laufe der Christentumsgeschichte hat Aristoteles fast stärker gewirkt als Platon. Ersterer hat in seiner Schrift «De Anima» die Seele als das Lebensprinzip des Organismus verstanden, untrennbar mit diesem verbunden.

Die biblische und die aristotelische Tradition bilden ein Bollwerk gegen jene Tendenz zur Verdinglichung, zur Reduktion des Lebendigen auf Gegenständliches, welcher der Neuzeit eigen ist. Das Christentum als Träger dieser anticartesianischen Traditionen ist somit ein –wenn nicht das – Antidot gegen die Entfremdung des Menschen von sich selbst.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/der-koerper-als-tempel/