Verzeihen ist ein oft langwieriger und schmerzhafter Prozess. Warum das so ist und wie Verzeihen gelingen kann, darüber spricht der Basler Psychiater und Buchautor Joachim Küchenhoff im Podcast «Laut + Leis». Auch am Beispiel von Gisèle Pelicot.
Sandra Leis
Bis vor acht Jahren war Joachim Küchenhoff Direktor der Erwachsenenpsychiatrie Baselland in Liestal. Seither betreibt der Psychiater und Psychoanalytiker eine Praxis in Binningen bei Basel.
Weshalb er nun ein Buch übers Verzeihen geschrieben hat, erklärt er so: «Ich bin in meiner Praxis vielen Menschen begegnet, die trauern. Trauerarbeit ist ein geläufiger Terminus, aber oft reicht das nicht aus.» Verzeihen ergänze das Trauern und sei eine unverzichtbare Fähigkeit. «Es geht darum, einem Gegenüber zu verzeihen, aber auch sich selbst.»
Das ist leichter gesagt als getan. Denn Rache ist bekanntlich süss. «Verzeihen ist das Pendant zur Rache und deshalb ein enorm hoher Anspruch. Verzeihen ist Verzicht auf eine schnelle Reaktion und auf Rache.»
Ein beeindruckendes Beispiel liefert Richard Howard, während des Zweiten Weltkriegs Pfarrer in der britischen Grossstadt Coventry. Im November 1940 bombardieren die Nazis die Stadt. Zerstört wird auch die Kathedrale, eine der grössten Kirchen Englands.
Winston Churchill, der britische Premier, verspricht umgehend Rache. Ganz anders der Pfarrer der Kathedrale: Er steht gleich nach der Zerstörung mitten in den Trümmern und schreibt auf die Reste einer Wand: «Vater vergib.»
Das empört und schockiert viele Menschen, doch der Pfarrer bleibt dabei und sagt wenige Wochen danach in seiner Weihnachtsansprache auf BBC: «Es geht darum, die Racheimpulse zu verbannen und eine einfachere, konfliktfreie Welt zu schaffen.»
Joachim Küchenhoff formuliert es im Podcast «Laut + Leis» so: «Wenn das Verzeihen nicht möglich wird, kann es in kriegerischen Auseinandersetzungen keine Zukunft geben. Dann muss man sich gegenseitig in Grund und Boden bombardieren.»
Wie unendlich schwierig Völkerverständigung ist, sieht man an den zahlreichen Kriegsschauplätzen dieser Welt. «Weil Rache verletzt oder zerstört, schafft sie Opfer, die sich rächen wollen. Daher tendiert Rache zur unendlichen Wiederholung», sagt Küchenhoff.
Wichtig sei, dass Täter zur Rechenschaft gezogen und bestraft werden. «Verzeihen und strafen sind also keine Gegensätze.» Genauso wenig heisse, jemandem zu verzeihen, sich mit ihm zu versöhnen. «Sondern benennen und anerkennen, was passiert ist, und damit einen Umgang finden.»
Ein Vorbild ist die Französin Gisèle Pelicot: Sie wurde von ihrem eigenen Mann jahrelang sediert und vergewaltigt und mindestens siebzig anderen Männern zur Verfügung gestellt. Sie wollte, dass der Prozess gegen ihren Ex-Mann öffentlich geführt wird, und prägte den Satz «Die Scham muss die Seite wechseln».
Küchenhoff geht in seinem Buch ausführlich auf diesen monströsen Fall ein und sagt im Podcast «Laut + Leis», was ihn an Gisèle Pelicot besonders beeindruckt: «Sie hat klar gemacht, dass er ein Verbrecher ist und dass sie persönlich nichts mehr mit ihm zu tun haben will. Trotzdem hat sie ihm Kleider ins Gefängnis geschickt.»
Das zeuge von einer enormen Stärke: «Sie verurteilt seine Verbrechen, aber sie dehumanisiert ihn nicht. Er bleibt ein Mensch, der Klamotten braucht.»
Gisèle Pelicot schafft es, aus der Opferrolle rauszukommen und ihr Leben wieder selber in die Hand zu nehmen. Mit ihrem Buch «Eine Hymne an das Leben» macht sie anderen Menschen Mut, selbstwirksam zu handeln und die Zukunft nicht restlos an die Vergangenheit zu ketten.
Das falle vielen Menschen, die Opfer eines Verbrechens geworden sind, schwer, berichtet Küchenhoff aus seinem Praxis-Alltag. «Menschen, die als Kinder missbraucht worden sind, neigen später dazu, sich selbst zu verletzen. Sich zu schneiden, zu brennen, den eigenen Körper zu schädigen. Da ist es überlebensnotwendig, aus diesem Opferstatus wirklich rauszufinden.»
Ebenfalls grosse Mühe bereite es vielen Menschen, sich selber zu verzeihen, was man verfehlt, falsch gemacht oder anderen angetan habe. «Es geht nicht darum, sich zum reumütigen Sünder zu erklären. Sondern es ist hilfreich, wenn ein Mensch sein Tun verstehen kann und damit einen Zugang zu sich selbst findet.»
Als krasses Beispiel nennt Küchenhoff eine Patientin, die zehn Jahre lang an einer schweren Essstörung litt und nachher, als es ihr wieder besser ging, feststellen musste: «Ich habe viel Lebenszeit verschenkt.»
Die Folge seien heftige Selbstvorwürfe. «Es braucht seelische Arbeit, um Verzeihen überhaupt leisten zu können», sagt Küchenhoff. «Dabei ist es wichtig, dass man nicht von Beginn weg zu viel von sich verlangt, sondern diesen Prozess ernst nimmt und sich Zeit lässt.»
Der Weg lohne sich, ist er überzeugt. «Für mich hat Verzeihen etwas mit Hoffnung und der Eröffnung von Zukunft zu tun.»
Das Buch von Joachim Küchenhoff: «Verzeihen. Plädoyer für eine unverzichtbare psychosoziale Fähigkeit. 160 Seiten. Psychosozial-Verlag 2026.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/joachim-kuechenhoff-verzeihen-ist-das-pendant-zur-rache/