Liebfrauen Zürich bekommt einen neuen Organisten

Liebfrauen Zürich ist in der Region der katholische Leuchtturm der sakralen Musik. Jüngst ist der langjährige Hauptorganist, Gregor Ehrsam, pensioniert worden. Auf ihn folgt Adrian Brech (26). Dirigent Bernhard Pfammatter bleibt im Amt. Er leitet drei unterschiedliche Chöre vor Ort – und steht für Kontinuität.

Francesco Papagni*

Die Zürcher Pfarrei Liebfrauen ist weitherum für ihre hochstehende Kirchenmusik bekannt. Hier werden nicht nur Mozart und Bach gepflegt, sondern auch entlegene, ja unbekannte Stücke aufgeführt. Und dies im Rahmen einer gediegenen Liturgie. Deshalb verwundert es nicht, dass Gläubige auch einen weiten Weg in Kauf nehmen.

Geprägt worden ist die Kirchenmusik vom Duo Gregor Ehrsam als Hauptorganist und Bernhard Pfammatter als Chorleiter. Nun ist Gregor Ehrsam in Pension gegangen. Sein Nachfolger steht fest. Es ist der erst sechsundzwanzigjährige Adrian Brech. Er gilt als Ausnahmetalent.

Chorleiter bleibt der Gemeinde erhalten

Gregor Ehrsam wurde nach vielen Jahren als prägende Figur unlängst verabschiedet. Daria Caliandro, verantwortlich für Personal in der Kirchenpflege, fand angemessene Worte der Würdigung und sagte, dass Musik eine Kirche verwandeln könne. Auf das Wirken Gregor Ehrsams trifft dies ohne Zweifel zu.

Der Abschied geriet emotional für alle Seiten, sodass der zelebrierende Jesuit Franz-Xaver Hierstand die Anwesenden mit dem Hinweis zu trösten versuchte, Bernhard Pfammatter bleibe der Gemeinde ja erhalten. Tatsächlich haben Ehrsam und Pfammatter Hand in Hand gearbeitet.

Liturgie als Lackmustest

Einen Nachfolger für den Hauptorganisten zu finden war keine leichte Sache. Caliandro sagt denn auch, die Kirchgemeinde habe die Aufgabe sehr ernst genommen und eine eigene Berufungskommission gebildet, in die auch ein Professor für Kirchenmusik Einsitz nahm. Und Pfammatter verrät, dass die Bewerberinnen und Bewerber unter anderem eine Liturgie entwerfen mussten.

Auf die Frage, ob das denn bei diesem Studium nicht selbstverständlich sei, reagiert Adrian Brech mit einem verlegenen Lächeln und antwortet dann mit Nein, das könne man nicht einfach voraussetzen. Brech hat schon während seines Kirchenmusik-Studiums in Saarbrücken und Hamburg den Gottesdienst in Pfarreien begleitet und dadurch praktische Erfahrungen gesammelt. Jedenfalls hat er sich unter zirka fünfzig Bewerbungen durchgesetzt.

Barock und Zeitgenössisches

Das noch vom Gespann Ehrsam/Pfammatter entworfene Kirchenmusikprogramm für die zweite Hälfte 2027 umfasst Werke von Giacomo Carissimi (1605-1674), Frantisek Xavier Brixi (1732-1771), Valentin Rathgeber (1682-1750) und Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791). Die Vorliebe der beiden für Barockmusik ist erkennbar. Allerdings werde auch zeitgenössische sakrale Musik gepflegt, betont Bernhard Pfammatter. Und welche Vorlieben hat der Neue? Adrian Brech nennt Bach und Mozart sowie die Musik der deutschen Romantik.

In Liebfrauen spielt der Chor eine wesentliche Rolle. Genaugenommen muss man von drei Chören sprechen: Neben dem eigentlichen, aus Laien bestehenden Chor gibt es eine Schola, die vorwiegend Gregorianik singt, und noch ein Vokalensemble. Bei letzterem handelt es sich mehrheitlich um professionelle Sängerinnen und Sänger. Je nach Bedarf werden Chor und Orgel durch ein Instrumentalensemble ergänzt, das auch aus dem grenznahen Ausland rekrutiert wird. In einigen Pfarreien wird die Musik im Gottesdienst gepflegt, aber keine in Zürich und Umgebung verfügt über solche Ressourcen.

Der dritte im Bunde

Hauptorganist und Chorleiter müssen harmonieren, wenn weiterhin Musik in dieser Qualität hervorgebracht werden soll. Der dritte im Bunde ist der Pfarrer, der als Liturg ein Wörtchen mitzureden hat. Doch hier gibt es ein Problem: Seit dem Abgang des langjährigen Pfarrers Josef Karber haben sich in Liebfrauen zwei Pfarradministratoren die Klinke in die Hand gegeben.

Am 1. November wird nun Andreas Fuchs, aktuell noch Pfarrer in Feusisberg SZ, sein Amt antreten. Die Gemeinde hofft, dass die Zeit der Unsicherheit damit ein Ende hat und der dritte Administrator als Pfarrer installiert werden kann.

Musikalisches Christentum

Das Zweite Vatikanische Konzil erteilte den Auftrag, den Tesaurus, also den Schatz des kirchenmusikalischen Erbes zu pflegen. Und Papst Leo XIV. ist jüngst auf die Bedeutung der Kirchenmusik zu sprechen gekommen: Diese sei kein Ornament, sondern bringe die Gläubigen Gott näher. Es macht eben einen wesentlichen Unterschied, ob zum Beispiel eine Mozart-Messe konzertant aufgeführt wird oder im Rahmen einer Festmesse erklingt.

Kirchenmusik strahlt dennoch weit über den Kreis der Kirchgängerinnen und Kirchgänger hinaus. Es gibt das Phänomen musikalisches Christentum – Menschen, die mit der Institution Kirche und dem christlichen Glauben wenig anfangen können, aber von sakraler Musik berührt werden. Dafür kommen sie in die Kirche.

Sind das Trittbrettfahrer? Die katholische Kirche hat sich seit der Spätantike auch als kulturelle Grösse verstanden und Kunst als Mittel der Verkündigung eingesetzt. Noch heute spielt sie als Auftraggeberin in der Musik sowie in den bildenden Künsten eine wichtige Rolle. Damit strahlt sie in die Gesellschaft aus. A propos Auftrag: Der Chor vergibt alle fünf Jahre einen Kompositionsauftrag. Dann wird in der Liebfrauenkirche ein Stück uraufgeführt.

*Francesco Papagni ist Mitglied des Pfarreirats von Liebfrauen.

Am Freitag, 28. August, um 19.30 Uhr gibt Adrian Brech sein Antrittskonzert mit Werken von Vivaldi, Bach, Reger, Duruflè und Vierne.


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