Locarno Filmfestival: Das Prinzip Hoffnung

Gluthitze, internationale Stars und 233 Filme: Das 79. Locarno Filmfestival feiert das Kino. Filmjournalistin Sarah Stutte erlebt es erstmals aus neuer Perspektive – als Mitglied der Ökumenischen Jury. Bei 17 Wettbewerbsfilmen sucht sie nicht nach dem «christlichsten» Werk, sondern nach Menschenwürde, Gerechtigkeit und Hoffnung.

Sarah Stutte

So heiss wie in diesem Jahr war es in Locarno seit langem nicht mehr. In früheren Jahren wurde die Piazza Grande zwischendurch regelrecht geflutet. Dann harrten nur noch die Tapfersten auf den gelb-schwarzen Plastikstühlen aus. Diesmal sind die Temperaturen unerbittlich, selbst abends kühlt es kaum ab. Die Hitze setzt vielen so zu, dass sie sich abends lieber ins klimatisierte Hotel oder Ferienhaus zurückziehen.

Die Stimmung ist trotzdem sommerlich gelassen. Es wird gut gegessen, viel gelacht und über das gerade Gesehene diskutiert. Etwa beim Eiscafé im Spazio Cinema, wo auch Q&As und öffentliche Gespräche mit den Stars stattfinden. An diesen mangelt es der 79. Ausgabe nicht: Oscarpreisträgerin Zoe Saldaña («Emilia Pérez»), Isabella Rossellini («Conclave»), Olivia Wilde, Asia Argento oder «Black Swan»-Regisseur Darren Aronofsky gehören zu den prominenten Gästen.

Filmgeschichte gehört ebenfalls zum Programm. Die Retrospektive «Red & Black» widmet sich Hollywoods Schwarzer Liste während der McCarthy-Ära. Zu sehen sind Werke von John Garfield, Joseph Losey, Dalton Trumbo, Dorothy Parker, Richard Wright oder Charlie Chaplin – Zeugnisse einer repressiven und zugleich künstlerisch produktiven Epoche.

103 Weltpremieren in Locarno

Insgesamt zeigt Locarno 233 Filme aus 69 Ländern, darunter 103 Weltpremieren. 17 Werke konkurrieren im «Concorso Internazionale» um den Goldenen Leoparden. Genau diese bestimmen für einige Tage auch mein Leben – denn diesmal bin ich nicht nur als Filmjournalistin in Locarno, sondern Mitglied der Ökumenischen Jury.

Und diese 17 Filme führen uns in sehr unterschiedliche Welten. Wir begegnen Krokodilen, Blumen und sogar einem modernen Peter Pan. Erzählt wird von Familie und Gemeinschaft, von Natur und Verlust, aber auch von der Unmöglichkeit, einander wirklich zu erreichen. Und immer wieder von Hoffnung und dem Wunsch nach Versöhnung – wenn schon nicht mit dem anderen, dann wenigstens mit sich selbst.

Keine «christlichen Filme»

Was davon passt nun zu einer Ökumenischen Jury? Wir sind ein internationales Viererteam aus Mitgliedern von Interfilm und Signis, zwei Organisationen, die aus der reformierten und katholischen Filmarbeit hervorgegangen sind. In Locarno führte diese Zusammenarbeit 1973 zur ersten gemeinsamen Ökumenischen Jury eines Filmfestivals – sie ist damit die älteste der Welt.

Wir suchen dabei sicher nicht den «christlichsten» Film. Beim Ökumenischen Empfang wird ausdrücklich daran erinnert: Entscheidend sei, was dieser Film mit uns macht und wem er eine Stimme gibt. Das verändert auch meinen Blick. Als Filmjournalistin achte ich auf Dramaturgie, Kamera, Licht, Sound und Schnitt.

Als Jurymitglied frage ich stärker: Wie geht ein Film mit seinen Figuren um? Was erzählt er über uns und unsere Gesellschaft? Welche Fragen stellt er nach Würde, Verantwortung, Gerechtigkeit, Versöhnung und Hoffnung? Dafür braucht es kein hoffnungsvolles Ende. Auch ein bitterer Film kann einen humanistischen Blick besitzen.

«Hoffnung ist revolutionär»

Festivaldirektor Giona A. Nazzaro wird beim Ökumenischen Empfang überraschend persönlich. Er erzählt von seiner katholischen Kindheit, gegen die er sich «furchtbar gewehrt» habe und es noch heute tue. Etwas sei geblieben: die Würde des Menschen und sein Respekt vor Menschen, deren Glaube sich im Handeln zeige. Eine fundamentale Lektion seiner Eltern: Man müsse zu den eigenen Worten stehen.

Von dort schlägt Nazzaro den Bogen zum Kino als Ort, der Menschen zusammenbringt. Im November 2025 nahm er im Vatikan an einer Begegnung von Papst Leo XIV. mit mehr als 160 Filmschaffenden teil. Der Papst bezeichnete das Kino dort als «Werkstatt der Hoffnung» und betonte seine Kraft, die menschliche Würde zu schützen.

Nazzaro hat den Gedanken mit nach Locarno genommen: «Hoffnung ist revolutionär.» Nur sie könne ungerechte Zustände verändern und Menschen wieder näher zusammenbringen. Es brauche den Mut zur Auseinandersetzung – mit Respekt. Denn wenn man «die Menschen von den Menschen trennt, dann ist der Abgrund nur ein paar Zentimeter entfernt».

Die Piazza Grande wird damit selbst zum Sinnbild: Tausende sehen gemeinsam einen Film und dürfen danach auch sagen, dass er ihnen nicht gefallen hat. Locarno sei eine Gemeinschaft von Menschen, die mit Hoffnung in die Zukunft schauen. Und manchmal findet sich dieses Prinzip Hoffnung unmittelbar auf der Leinwand wieder.

Mein bisheriges Highlight auf der Piazza ist Peter Brunners «Down the Arm of God». Caleb Landry Jones spielt einen jungen Pastor in Texas, der sich während eines bitterkalten Winters für Obdachlose einsetzt und damit auf den Widerstand seiner Gemeinde stösst. Hoffnung ist hier keine abstrakte Verheissung, sondern zeigt sich im Handeln: in der Frage, was christliche Nächstenliebe bedeutet, wenn sie nicht nur gepredigt, sondern tatsächlich gelebt werden soll. Stark gespielt und authentisch inszeniert, berührt der Film ohne grosse Gesten.

Kino als Kathedrale

Am Sonntagmorgen begegnet uns die Verbindung von Kino und Glauben noch einmal. Beim Gottesdienst in der Chiesa Santa Maria Assunta spricht der Jesuit Franz-Xaver Hiestand, der im September die Nachfolge von Thomas Münch an der Zürcher Predigerkirche antritt.

Liebe, Hoffnung, Treue, Verzweiflung und Sterben, sagt er, seien grosse Themen des Films und zugleich des christlichen Glaubens. Dafür findet Hiestand ein schönes Bild: «Das Kino ist die Kathedrale der Neuzeit.» Wie in der Kirche machen sich die Menschen im dunklen Kinosaal unsichtbar, damit das Licht umso stärker wirken kann.

Vielleicht beschreibt das auch, was ich in diesen Tagen als Jurymitglied erlebe. Einen Film zu sehen ist das eine. Erklären zu müssen, warum er mich berührt, irritiert oder nicht überzeugt hat, etwas anderes. Und dann jemandem zuzuhören, der denselben Film vollkommen anders erlebt hat.

Das ist für mich die Erfahrung dieser Jury: Ökumene im Kino bedeutet nicht, einen Film zu finden, bei dem alle dasselbe glauben. Sondern einen, über den es sich lohnt, miteinander zu streiten – und danach trotzdem gemeinsam weiterzugehen.


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https://www.kath.ch/newsd/locarno-filmfestival-das-prinzip-hoffnung/