Wie die Wende zum Guten gelang

Vor 500 Jahren wäre die Geschichte des Klosters Einsiedeln fast zu Ende gewesen. Doch dann gelang die Wende. Das Schicksalsjahr 1526 ist Anlass für eine Feier am Samstag in Einsiedeln – inklusive feierliche Pontifikalvesper mit Bischof Beat Grögli von St. Gallen. Eine Festschrift gibt Einblick in die damalige Situation.

Stefan Betschon

Alles fing damit an, dass ein Mensch allein sein wollte. Er suchte in einem Wald hinter der Krete oberhalb des  Zürichsees die Einsamkeit, um sich der Beziehung zu Gott ganz hingeben zu können. Doch weil dieser Einsiedler ein weiser Mann war, kamen viele zu ihm, um in schwierigen Lebenssituationen seinen Rat zu hören. Dann wurde er von Landstreichern ermordet. Meinrad von Einsiedeln, so wird der Mann heute genannt, darf als Gründer des Klosters Einsiedeln verehrt werden, solange man nicht vergisst, dass es auch noch andere Gründer gegeben hat.

Die Lehren der Geschichte

1934 wurde das 1000-Jahr-Jubiliäum des Klosters Einsiedeln gefeiert. In wenigen Jahren – 2034 – wird man das 1100- oder auch das 1200-Jahr-Jubiläum feiern können. Nun zwischendurch ein 500-Jahr-Jubiläum. Diese unterschiedlichen Feierlichkeiten machen deutlich, dass dieses bedeutende Kloster eine wechselhafte Geschichte hinter sich hat.

Aus dieser Geschichte kann man lernen, dass es mit christlichen Institutionen nicht immer nur bergauf geht und auch nicht immer nur bergab. Manchmal wähnt man sich auf der Erfolgsstrasse, und dann plötzlich gibt es einen Unfall. Manchmal scheint es, alles sei verloren, bald müssten in den Kirchen die Lichter gelöscht, die Türen verriegelt werden. Und dann gelingt doch wieder der Aufstieg.

Und noch etwas kann man aus dieser Geschichte lernen: Es sind oft nicht in den fernen Metropolen die höchsten Obrigkeiten, Papst und Kaiser, die für eine Wende zum Guten verantwortlich sind. Oft sind es einzelne Menschen aus der Nachbarschaft, die durch ihr beherztes Zupacken dafür sorgen, dass eine altehrwürdige Institution wieder auflebt.

Pontifikalvesper mit Bischof

Am kommenden Samstag gibt es in Einsiedeln wieder einmal eine Jubiläumsfeier. Vor 500 Jahren wäre die Geschichte des Kloster fast zu Ende gewesen. Doch dann kam die Wende. Zum Festprogramm gehört um 16.30 Uhr eine feierliche Pontifikalvesper, der Bischof Beat Grögli vorstehen wird.

Nach der Messe wird das Erscheinen der Festschrift* «1526 – Ende oder Wende» mit Ansprachen und mit einem Apéro gefeiert. Herausgeber des 450 Seiten starken Buches ist Thomas Fässler. Der Benediktinerpater im Kloster Einsiedeln hat sich bereits in seiner Doktorarbeit (2019) an der Universität Bern auf wissenschaftlich hohem Niveau mit der Geschichte des Klosters Einsiedeln beschäftigt. Nun fokussiert er sich auf das «Schicksalsjahr» 1526.

«Geschichte ist die beständige Abfolge von Entstehen und Vergehen», so schreibt Fässler in der Einleitung zu dem von ihm herausgegebenen Buch. «Dabei sind es nicht selten Zufälle oder die Handlungen von lediglich einzelnen Personen, die entscheidend sind. Wenig nur kann den Ausschlag geben, ob etwas entsteht oder nicht, ob etwas weiter existiert oder vielmehr untergeht. Einen solchen Moment der zukunftsweisenden Weggabelung erlebte die Schweizer Benediktinerabtei Einsiedeln im Jahre 1526.»

Es sah nicht gut aus damals. Nur ein einziger Mönch lebte noch im Kloster, der 86-jährige Abt Konrad III. von Hohenrechberg. Der letzte Konventuale Diebold von Geroldseck hatte das Kloster 1525 verlassen, um sich in Zürich der Bewegung Zwinglis anzuschliessen. Es gab Befürchtungen, dass reformationsfreundliche Kräfte aus Zürich das führungslose Kloster übernehmen könnten. Deshalb sah sich die Schwyzer Obrigkeit zum Eingreifen gezwungen.

Fast schon handstreichartig klärten Schwyzer Politiker die Situation. Auf «unkonventionelle, rechtlich durchaus fragwürdige Art», so schreibt in seinem Beitrag der emeritierte Geschichtsprofessor André Holenstein, sei es den Schwyzern gelungen, im Kloster St. Gallen einen neuen Abt für Einsiedeln zu rekrutieren. Er hiess Ludwig Blarer.

Ein «eidgenössischer Sinngebungsgenerator»

Es war nicht nur einfach christliche Nächstenliebe, die einige Schwyzer Lokalpolitiker dazu brachte, sich für die Zukunft des Klosters Einsiedeln zu engagieren. Diese Institution besass als geistliches Zentrum und als Wirtschaftsfaktor überregionale politische Bedeutung.

Im erwähnten Buch beschreibt Thomas Lau es so: Das Kloster habe «eine sich verdichtende Forums- und Markplatzposition» innegehabt, es sei das Zentrum einer «fein austarierten Ehrökonomie» gewesen, eng verflochten mit der «europäischen Sakrallandschaft», es habe als «eidgenössischer Sinngebungsgenerator» funktioniert und als «Clearingstelle» gedient bei Konflikten zwischen eidgenössischen Akteuren und der Kurie».

Diese Zitate aus dem Aufsatz von Lau – er ist Titularprofessor an der Universität Freiburg i.Ü. – zeigen, dass den Autoren des Buches hohe wissenschaftliche Genauigkeit wichtiger ist als einfache Lesbarkeit. Die meisten Texte sind flüssig geschrieben, alle sind sie – mit vielen Fussnoten und ausführlichen Literaturangaben versehen – sehr informativ. Doch es ist ein wissenschaftliches Werk, kein Unterhaltungsroman.

Blick zurück aufs Jahr 1526

Die 14 Beiträge des Buches nehmen aus verschiedenen Richtungen die Ereignisse des Jahres 1526 in den Blick: Voraussetzungen und Nachwirkungen werden analysiert, lokalpolitische und europäische Verhältnisse in ihren wirtschaftlichen und politischen Zusammenhängen werden thematisiert. So entsteht ein reichhaltiges Bild der schicksalshaften Jahres 1526. Viele Beiträge fokussieren auf obrigkeitliches Handeln.

Doch die Frömmigkeitsgeschichte wird nicht ganz ausgeblendet. Sie wird zum Thema, wenn die beiden Einsiedler Patres Fässler und Meinrad Hötzel in einem gemeinsam geschriebenen Beitrag über den «steinigen Weg zum Wiederaufblühen» die Frage stellen: «Wer aber war das Kloster Einsiedeln?»

Der zweite Gründer

Ein Kloster ist ja nicht nur ein Betrieb und eine juristische Person, ein wirtschaftlicher Machtfaktor und ein Player auf der politischen Bühne. Ein Kloster ist zuallererst eine Gemeinschaft von Gläubigen. Es brauchte Zeit, bis sich die Stimmen beim gemeinsamen Chorgebet vervielfältigten. «Die Einsiedler Klostergemeinschaft blieb zunächst ein zartes Pflänzchen, das in den ersten Jahren nach 1526 nur langsam heranwuchs», schreiben Fässler und Hötzel. Das «Wiederaufblühen Einsiedelns» sehen diese Autoren als «Frucht der charismatischen Persönlichkeit» jenes Abtes, der auf Ludwig Blarer folgte: Joachim Eichhorn. Diesem gelang es, «innerhalb von zweieinhalb Jahrzehnten» «dauerhaft» einen «ansehnlichen Konvent» aufzubauen. Er wurde deshalb auch schon bald als der zweite Gründer des Klosters verehrt.

Ein paar Jahrhunderte später, und schon sah es wieder so aus, als sei die Geschichte des Klosters Einsiedeln zu Ende. 1798 eroberten französische Truppen Einsiedeln, und die Mönche des Klosters mussten fliehen. Doch das ist eine andere Geschichte, über die Thomas Fässler an anderer Stelle (2020) geschrieben hat.

Worauf es ankommt

Mordlustige Landstreicher, ausländische Soldaten, Papst und Kaiser, lokalpolitisches Kalkül und Wirtschaftshandeln – all das hat die Geschichte des Klosters geprägt. Doch sein Schicksal ist nicht allein von äusseren Faktoren abhängig. Auch die Mönche und ihr Glauben spielen eine Rolle. Auf das «Glaubensfeuer» komme es an, schreibt im Vorwort der Abt des Klosters Einsiedeln, Urban Federer. Die Schwierigkeiten zu Beginn des 16. Jahrhunderts führt er darauf zurück, dass das Feuer, das Meinrad im 9. Jahrhundert entzündet hatte, später erloschen sei.

«Wo dieses Feuer nicht brennt, wird der Glaube der Kirche müde. Eine müde gewordene Kirche aber richtet sich in der Bequemlichkeit des Alltags ein und beschäftigt sich nur noch mit sich selbst. Sie sieht im Unterhalt der Gebäude einen Selbstzweck und hängt dem falschen Traum vergangener Machtansprüche nach.»

So lässt der Abt den Blick in die Zukunft schweifen und streift auch die Gegenwart: «Brennt das Feuer des Glaubens in Einsiedeln heute noch? Wie steht es um das Glaubens-Feuer von uns Mönchen?» Diese Frage sei wichtiger als die Frage nach dem Unterhalt der Klostergebäude. Es sei nicht die primäre Aufgabe, mit prächtigen Gebäuden die Welt zu beeindrucken, vielmehr gehe es darum, «Raum zu schaffen, in dem wir und andere wertvolle Begegnungen mit uns selbst, mit anderen und mit Gott machen können. Wenn das Klosterleben keinen reinen Selbstzweck hat, sondern auf Gott verweisen kann, wird es auch in Zukunft seine Berechtigung haben.»

*Die Festschrift: Fässler, Thomas (Hrsg.) (2026): 1526 – Ende oder Wende? Wie das Kloster Einsiedeln zu neuer Blüte fand. St. Ottilien: EOS Verlag.

Die Pontifikalvesper mit Bischof Beat Grögli von St. Gallen beginnt am Samstag um 16.30 Uhr. Nach der Messe wird das Erscheinen einer Festschrift gefeiert.


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