Franz von Assisi – der Mann, der dem Wolf ins Ohr flüsterte

Der heilige Franziskus hat mit dem Wolf von Gubbio einen Pakt geschlossen. Der Poverello ist allerdings nicht der einzige Heilige, der mit Tieren kommunizierte. Doch seiner Beziehung zu den Tieren liegen eine besondere Spiritualität und Weltanschauung zugrunde.

Raphäel Zbinden (cath.ch)

Mit blutunterlaufenen Augen und weit aufgerissenem Maul, aus dem riesige Reisszähne hervorblitzen, stürzt sich der Wolf auf den Mann, der nur wenige Meter von ihm entfernt steht. Da macht Franz von Assisi das Kreuzzeichen und ruft dem Tier zu: «Komm her, Bruder Wolf, ich befehle dir im Namen Christi, weder mir noch irgendjemandem etwas zu tun!»

Der Heilige schliesst daraufhin einen Pakt mit dem Wolf: Wenn er in Gubbio weder Menschen noch Tiere mehr angreift, werden die Einwohner ihn füttern. Beide Seiten stimmen zu, und zwei Jahre lang kommt das Tier regelmässig in die Stadt, geht von Haus zu Haus, ohne dass ihm etwas Böses widerfährt, bis es an Altersschwäche stirbt.

800 Jahre nach dem Tod des Poverello 1226 ist diese Geschichte noch immer weithin bekannt, über die katholische Welt hinaus. Es gibt jedoch weitere hagiografische Erzählungen, in denen es um die Kommunikation mit Tieren geht, auch wenn diese weniger berühmt sind.

Bären, Otter und Löwen

Im 7. Jahrhundert soll der heilige Gallus in der Ostschweiz einen Bären gebeten haben, Holz für den Bau seiner Einsiedelei zu transportieren. Der peruanische Dominikaner Martin de Porres (1579–1639) soll die Mäuse, die in seinem Haus lebten, gebeten haben, sich anderswo niederzulassen.

Otter kamen, um Cuthbert von Lindisfarne (7. Jahrhundert) nach seinen langen Gebeten im Meer die Füsse zu wärmen. Anschliessend segnete sie der englische Mönch und schickte sie zurück in ihre Behausungen. Der Überlieferung zufolge kamen zwei Löwen, um dem heiligen Antonius dem Grossen (4. Jahrhundert) dabei zu helfen, das Grab des heiligen Paulus des Einsiedlers in der Wüste auszuheben.

Wenn sich Legende und Geschichte vermischen

Die Gabe, mit Tieren zu sprechen, ist also nicht das Vorrecht des Heiligen von Assisi. Sowohl bei ihm als auch bei Gallus oder Cuthbert wird diese angebliche Fähigkeit von Fachleuten als nicht-historisches hagiografisches Element betrachtet. Der Wolf von Gubbio fällt in diese Kategorie der «Goldenen Legende». Die Geschichte taucht erst relativ spät, zu Beginn des 14. Jahrhunderts, in den «Actus beati Francisci et sociorum eius» (Taten des seligen Franziskus und seiner Gefährten) auf. Berühmt wurde sie durch die «Fioretti», die mehr als ein Jahrhundert nach dem Tod des Heiligen verfasst wurden und in denen sich wundersame Begebenheiten mit historischen Ereignissen vermischen.

Wolf oder Räuber?

Was den Vorfall von Gubbio angeht, können die Experten daher nur Vermutungen anstellen. Könnte der Wolf tatsächlich von Franziskus gezähmt und an sich gewöhnt worden sein? Handelte es sich um einen Räuber, den man zu jener Zeit oft als «Wolf» bezeichnete? Oder ist die Geschichte eine reine Erfindung? Auch wenn niemand die Antwort kennt, lässt die Tatsache, dass die Erzählung in den frühen Schriften nicht vorkommt, besonders grosse Zweifel aufkommen.

Um zu beurteilen, was an der Geschichte um Franz von Assisi wahr und was falsch ist, muss man die verschiedenen Quellen berücksichtigen. Die von Historikern bevorzugten Dokumente sind die eigenen Schriften von Franziskus sowie die Werke des Chronisten Thomas von Celano, die nur wenige Jahre nach dem Tod des Poverello verfasst wurden. Sie stützen sich zweifellos auf direkte Zeugenaussagen, da der Verfasser einige Gefährten des Heiligen persönlich kannte.

Predigt an die Vögel

Auch wenn es unwahrscheinlich ist, dass der Heilige jemals einem wilden Tier beigebracht hat, ihm die Pfote zu geben, sind andere «Tierwunder» glaubwürdiger. Dies gilt beispielsweise für die «Predigt an die Vögel». Franziskus soll vor einer Schar von Vögeln stehen geblieben sein und sie ermahnt haben, Gott für die empfangenen Gaben zu preisen. Die Vögel sollen regungslos verharrt sein, bis der Heilige sie gesegnet hatte.

Die Episode gilt insbesondere deshalb als zuverlässig, weil sie in dem um 1228/1229 verfassten Werk «Vita Prima S. Francisci» von Thomas von Celano erscheint. Auch wenn diese Episode nicht beweist, dass die Vögel seine Worte tatsächlich verstanden haben, zeigt sie doch, dass der «Poverello» bereits in den 1220er Jahren als jemand bekannt war, der spontan mit Tieren sprach.

Robert Redford vor seiner Zeit

Was wäre, wenn die Kommunikation zwischen Mensch und Tier doch möglich wäre? Was wäre, wenn Franziskus – lange vor dem US-amerikanischen  Schauspieler und Filmregisseur Robert Redford («Der Pferdeflüsterer») – der Mann gewesen wäre, der Wölfen und Vögeln ins Ohr flüsterte? Auch wenn es für den telepathischen Austausch mit Tieren keine wissenschaftlichen Belege gibt, ist die artenübergreifende Kommunikation ein nachgewiesenes Phänomen. Viele Tiere kommunizieren effektiv mit Menschen.

Ein 2024 in der Fachzeitschrift «Current Biology» veröffentlichter Artikel belegt, dass Hunde nicht nur auf den Klang von Wörtern reagieren, sondern auch auf deren Bedeutung. Der Haushund versteht es zudem sehr gut, die nonverbale menschliche Sprache zu deuten, wie zum Beispiel Mimik oder emotionale Reaktionen. Es ist ebenfalls erwiesen, dass manche Menschen besondere Fähigkeiten im Umgang mit Tieren besitzen. Könnte der heilige Franziskus in dieser Hinsicht ein Ausnahmetalent gewesen sein? War er in der Lage, spontan einen Wolf zu zähmen oder Finken für das Evangelium zu begeistern?

Glaubensbotschaft ist zentral

Auch hier hat niemand eine Antwort. Doch ob diese Geschichten nun wahr oder falsch sind – das Wesentliche liegt vielleicht woanders. Im Katholizismus liegt der Wert eines Wunders vor allem in der Glaubensbotschaft, die es in sich trägt. Bestimmt haben weder die Otter des Cuthbert noch die Löwen des heiligen Antonius noch der Bär von Gallus jemals objektiv existiert. Sie sollten aber daran erinnern, dass die Heiligkeit eine Wiederherstellung der verlorenen Harmonie zwischen Mensch und Schöpfung ermöglicht: Heilige leben bereits in diesem eschatologischen, zeitlosen Raum, in dem «der Wolf beim Lamm wohnen wird» – wie der Prophet Jesaja in seiner Vision des Friedensreiches schildert.

«Er rief alle Geschöpfe dazu auf, ihren Schöpfer zu preisen, und […] nannte sie alle seine Brüder und Schwestern.»

In der Gemeinschaft der Heiligen sticht Franziskus jedoch als Vermittler zwischen Mensch und Tier hervor. Zwar wird er als Vermittler der Wiedervereinigung mit der Schöpfung dargestellt, doch lässt sich seine Beziehung zu ihr nicht auf einige Wunder reduzieren. Diese Dimension ist ein fester Bestandteil seiner Spiritualität und seiner Weltanschauung. Thomas von Celano schrieb: «Er rief alle Geschöpfe dazu auf, ihren Schöpfer zu preisen, und […] nannte sie alle seine Brüder und Schwestern.»

Die «Wunder» veranschaulichen eine Sichtweise, die bereits in seinen eigenen Schriften, insbesondere im Sonnengesang, zum Ausdruck kommt. Darin entwickelt er die Idee einer Schöpfung als einer grossen Familie, mit «Bruder Sonne», «Schwester Mond» oder auch «unserer Mutter Erde». Eine Vorstellung, die in der Geschichte vom Wolf von Gubbio aufgegriffen wird, der darin als «Bruder» angesprochen wird.

Diese wundersamen Begebenheiten stehen im Einklang mit der allgemeinen Haltung von Franziskus gegenüber der Tierwelt. Thomas von Celano berichtet unter anderem, dass der Heilige Regenwürmer vom Weg aufhob, um zu verhindern, dass sie überfahren würden, dass er darum bat, die Bienen im Winter zu füttern, oder dass er sein gesamtes Geld dafür ausgab, Lämmer zu kaufen, um sie vor dem Metzger zu retten.

Weltanschauung prägt Umgang mit Natur

War Franz von Assisi also ein Veganer oder ein Anhänger der New-Age-Bewegung? Weit gefehlt. In der französischen Zeitschrift «La Vie» sagte der französische Historiker und Franziskus-Kenner Jacques Dalarun im Jahr 2021: «Es geht nicht darum, Franziskus zu einem Umweltschützer zu machen […], denn sein Denken ist ganz und gar von seiner theologischen Weltanschauung geprägt.» Der Heilige preise die Natur nicht um ihrer selbst willen, sondern die Brüderlichkeit aller Geschöpfe, weil sie denselben Schöpfer haben.

Jenseits aller Etikettierungen spricht die Vision des heiligen Franziskus sicherlich auch unsere Zeit an, wie der andere Franziskus in «Laudato si’» (2015) und «Laudate Deum» (2023) festgestellt hat. In einer Zeit, in der «Schwester Wasser» verschwindet und «Mutter Erde» erodiert, müssen wir feststellen, dass die Brüderlichkeit mit der Schöpfung noch lange nicht selbstverständlich ist. Und 800 Jahre nach den Ereignissen von Gubbio finden die Gespräche mit «Bruder Wolf» nach wie vor meist unter dem Einsatz von Gewehren statt. (Übersetzung aus dem Französischen und adaptiert von bal)


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