Langsames Tempo beim Umweltschutz – viele Zürcher Kirchgemeinden haben keinen Nachhaltigkeitsverantwortlichen

Von der Biodiversität über Energie bis zum Abfall. Das Zürcher Modell «Nachhaltig Kirche leben» definiert sieben Bereiche, in denen Kirchgemeinden aktiv werden können. In fast allen 74 Zürcher Kirchgemeinden tut sich auch etwas. Allerdings sind sie unterschiedlich schnell unterwegs.

Barbara Ludwig

Die Katholische Kirche im Kanton Zürich will sich für Klimaschutz und Ökologie einsetzen. Dazu hat sie eigens eine Strategie entwickelt, das sogenannte Zürcher Modell für mehr Nachhaltigkeit in der Kirche oder «Nachhaltig Kirche leben». Dieses definiert sieben Handlungsfelder: Biodiversität, Schöpfungsspiritualität, Energie, Abfall, Konsum, Finanzen und Mobilität.

Die Strategie ist seit 2021 in Kraft und richtet sich an alle inner- und staatskirchlichen Organe und Stellen der Kirche, insbesondere auch an die Kirchgemeinden. Sie sind für vieles verantwortlich, was ökologisch relevant ist.

«Es gibt praktisch keine Kirchgemeinde, in der nichts läuft.»

In den letzten Jahren sei bei den Kirchgemeinden viel in Bewegung gekommen, sagt Markus Staudinger auf Anfrage von kath.ch. Er ist seit 1. April 2025 Nachhaltigkeitsbeauftragter der Kantonalkirche und hat im Juni das Zürcher Modell an einer Tagung präsentiert. Lange habe man allerdings nichts Genaueres über das ökologische Engagement der Kirchgemeinden gewusst und deshalb 2024 gemeinsam mit dem Forschungsbüro Infras alle 74 Kirchgemeinden befragt.

«Das Ergebnis hat uns selbst überrascht», sagt Staudinger, obschon man daraus nicht herauslesen könne, ob eine Kirchgemeinde aufgrund der Strategie aktiv geworden sei. «Es gibt praktisch keine Kirchgemeinde, in der nichts läuft.»

Rund ein Drittel heizt mit erneuerbarer Energie

Der Umweltexperte fasst zusammen: Fast überall werde darauf geachtet, dass keine Lebensmittel im Müll landen. Der Abfall werde getrennt. An Festen komme Mehrweggeschirr auf den Tisch. Gut die Hälfte der Kirchgemeinden gestalte die Fastenzeit mit einem Bezug zur Schöpfung. Zudem würde bereits rund ein Drittel der Gebäude mit erneuerbarer Energie beheizt.

In diesem Bereich werden die Kirchgemeinden durch die Gesetzgebung zu ökologischem Handeln verpflichtet. Seit dem 1. September 2022 müssen sie beim Ersatz einer Heizung auf erneuerbare Energien umzustellen, sofern dies technisch möglich ist und über den Lebenszyklus nicht mehr als fünf Prozent teurer gegenüber einem System mit fossiler Energie.

«Ohne zuständige Person versanden Vorhaben unabhängig von der Motivation.»

Trotz allem gebe es aber «Unterschiede im Tempo», stellt Staudinger fest. Wobei die Gründe meist struktureller Natur seien. «Die Kirchenpflegen arbeiten im Milizsystem. Nachhaltigkeit konkurriert dort mit Themen wie Liegenschaften, Finanzen, Personal und Mitgliederentwicklung.»

Erst 30 Prozent der Kirchgemeinden hätten bislang die Verantwortlichkeiten für das Nachhaltigkeitsmanagement geklärt. Was sich auf das ökologische Engagement auswirkt. «Ohne zuständige Person versanden Vorhaben unabhängig von der Motivation», sagt Staudinger.

Beim Gebäudebestand setzten zudem der Denkmalschutz und lange Investitionszyklen enge Grenzen. Ein neues Heizsystem oder der Einbau einer Photovoltaikanlage «lassen sich nicht beliebig vorziehen, sondern erfolgen im Rhythmus anstehender Sanierungen», erklärt der Experte.

Alle Kirchgemeinden persönlich besuchen

Generell folge das ökologische Engagement der Machbarkeit, nicht der Klimawirkung. «Der grösste Hebel läge bei den Gebäuden», so Staudinger. Genau dort sei aber am wenigsten passiert. Das wundert ihn jedoch nicht. Denn ein Heizungsersatz koste schnell einmal mehrere hunderttausend Franken.

Als eigentliches Problem sieht Staudinger nicht fehlenden Willen, sondern fehlende Zuständigkeit und Strukturen. Mehrfach erwähnt er die Tatsache, dass erst knapp ein Drittel der Kirchgemeinden jemanden benannt hat, der für Nachhaltigkeit zuständig ist. Bei diesem Punkt wolle er ansetzen. Staudingers Ziel ist, alle 74 Kirchgemeinden bis 2027 persönlich zu besuchen.

Beziehungspflege

Bei einem lockeren Gespräch und einem Gebäuderundgang soll zunächst eine Beziehung aufgebaut werden. Erst in einem weiteren Schritt soll eine Fachberatung stattfinden, in der konkrete Massnahmen definiert werden. Besuch, Begleitung und Beratung der Kirchgemeinden laufen unter dem Titel «Roadshow». Dabei gilt das Prinzip «Beziehungspflege vor Fachberatung».

Angesichts der vorhandenen Ressourcen sei dies eine grosse Aufgabe, sagt Staudinger. Zuversichtlich mache ihn aber, dass dabei ein Netzwerk entsteht. «Ich bin dabei, mir die Kontakte zu den Kirchgemeinden Schritt für Schritt zu erschliessen – und wo Vertrauen da ist, folgt auch das Handeln», zeigt sich der Experte überzeugt.


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