Bei der Petrusbruderschaft und den Piusbrüdern boomen Priesterweihen – während es in der offiziellen römisch-katholischen Kirche immer weniger Neupriester gibt. Warum üben konservativ-traditionelle Kirchenmilieus so eine Faszination auf junge Männer aus? Der deutsche Theologe und Männerexperte Andreas Heek versucht, diese Frage im Interview mit kath.ch zu klären.
Wolfgang Holz
Herr Heek, wie erklären Sie sich, dass noch so viele junge Männer bei der Petrusbruderschaft und den Piusbrüdern Priester werden wollen, während der Priestermangel in der offiziellen römisch-katholischen Kirche immer krasser wird?
Andreas Heek*: In ganz Deutschland gab es insgesamt im letzten Jahr nur 30 Priesterweihen. Davon fiel ein Anteil auch auf Mitglieder aus den genannten Priestergemeinschaften. Dabei muss man beachten, dass bei allen Priesterweihen der Anteil der Männer aus der Weltkirche hoch ist. Allein aus Reihen der Geburtsdeutschen ist die Anzahl der Priesterweihen sehr gering, sowohl bei denen, die direkt in den Diözesen antreten, als auch bei den Priestergemeinschaften. Also: Insgesamt läuft die katholische Kirche auf eine priesterlose Kirche zu, zumindest was die konkrete Seelsorge vor Ort angeht.
Glauben Sie, dass der Priesterberuf in einem eher katholisch-traditionellen, konservativen Umfeld attraktiver als Beruf vom Image her erscheint als in einer reformorientierten Kirche mit vielen Neuerungen und Relativierungen?
Heek: Wir sprechen doch noch, wie gesagt, insgesamt von einer kleinen Anzahl an Priesterweihen in Deutschland, gemessen an der Gesamtzahl der Katholiken. Aber es kann gut sein, dass sich der eine oder andere Mann mit seinem Wunsch, Priester zu werden, sich besser im traditionalistischen Milieu wohlfühlt. Ich würde das aber in keiner Weise als einen Trend ansehen.
«Die allermeisten jungen Männer in Deutschland, die der Kirche tief verbunden sind, können sich schlicht die Übernahme des Zölibats nicht vorstellen.»
Warum?
Heek: Insgesamt geht die Anzahl der Katholikinnen und Katholiken in Deutschland allein durch Austritte enorm zurück; 2025 traten rund 300’000 Personen aus der katholischen Kirche aus. Eine grosse Zahl an neugeborenen Kindern wird nicht mehr getauft. Der Trend geht in Richtung rasanter Verkleinerung der katholischen Kirche. Hinzu kommt, dass sich die allermeisten jungen Männer in Deutschland, die der Kirche tief verbunden sind, schlicht die Übernahme des Zölibats nicht vorstellen können. Ausserdem darf man nicht vergessen, dass in den ersten zehn Jahren nach der Priesterweihe die Hälfte ihr Amt wieder aufgibt. Ob das für die Piusbrüder auch gilt, kann ich allerdings nicht sagen.
Haben Sie die Erfahrung gemacht, dass beispielsweise solche neuen Eignungstests für künftige Priester zur Prävention gegen Missbrauch in der katholischen Kirche potentielle Kandidaten eher abschrecken als motivieren?
Heek: Gegenfrage: Stellen Sie sich vor, Sie müssten sich als Journalist Tiefenbohrungen in Ihren intimsten Bereichen gefallen lassen, was würden Sie tun, wenn Sie fest entschlossen sind, Journalist zu werden?
«Ich fürchte, dass solche Eignungstests deshalb erstens wenig nützen und zweitens, ja, zusätzlich abschreckend wirken.»
Sie würden taktieren und versuchen, so wenig wie möglich preiszugeben. Ich fürchte, dass solche Eignungstests deshalb erstens wenig nützen und zweitens, ja, zusätzlich abschreckend wirken. Aber dass deswegen noch weniger junge Männer Priester werden wollen, halte ich für eine gewagte These. Das grundsätzliche Festhalten am Zölibat lässt keine wirkliche Reflexion über Sexualität in der Priesterausbildung zu. In anderen Berufen gibt es Präventionsschulungen, aber keine psychischen Tests, um mögliche Täter zu identifizieren. Ich wüsste gern, wie diese Tests das herausbekommen wollen.
Was, würden Sie sagen, macht generell die Attraktivität für junge Männer in konservativen Glaubenskongregationen aus, wenn sie Priester werden wollen? Was sind die Hauptgründe?
Heek: Ich glaube, darin steckt eine tiefe Sehnsucht nach Sicherheit und Identität. Diese jungen Männer gehen voller Idealismus in diese Gemeinschaften hinein. Idealismus ist jugendgemäss eigentlich ein sympathischer Zug, der die Zukunft gestalten will.
«Das willkürliche «Ende der Geschichte» übt für manche einen Reiz aus. Man wähnt sich in einem Hort der Sicherheit.»
Für die Traditionalisten-Gemeinschaften hört die kirchliche Entwicklung allerdings mit dem Zweiten Vatikanum auf. Das willkürliche «Ende der Geschichte» übt für manche einen Reiz aus. Man wähnt sich in einem Hort der Sicherheit. «Glaube» wird da wirklich radikal gelebt: Man glaubt den Leitenden in solchen Gemeinschaften, dass die Feier der «alten» Messe einschliesslich der Gesamtästhetik des 19. Jahrhunderts die letzte Offenbarung ist. Aber wo steht genau, dass Spitzenrochetts und Casel zum Glaubensgut der Kirche gehören? Wo steht, dass es nach den Papst-Piussen des ausgehenden 19. und angehenden 20. Jahrhunderts keine wahrhaften Päpste mehr gibt, nur weil das Zweite Vatikanische Konzil dazwischen liegt? Ich finde es theologisch unverantwortbar, jungen Menschen so etwas vorzustellen.
Denken Sie, dass traditionelle Männerbilder in konservativen Kreisen auf junge Männer besonders faszinierend sein können in Zeiten von Genderideologie und «wokism»?
Heek: Bei manchen jungen Männern wirkt möglicherweise ein sehr moderner gesellschaftlichen Trend: nämlich den der «Singularität» wie der Soziologe Andreas Reckwitz dies bezeichnet hat.
«Auf eine bestimmte Weise suchen solche Männer ihre Singularität, indem sie sich stark von anderen abheben. Das ähnelt einer Art Revolte gegen den Mainstream.»
Man sucht nach einem Distinktionsmerkmal, welches das Ich von anderen unterscheidet. Auf eine bestimmte Weise suchen solche Männer ihre Singularität, indem sie sich stark von anderen abheben. Das ähnelt einer Art Revolte gegen den Mainstream. Für manche in der «woken» Szene gilt übrigens Ähnliches. Auch sie suchen das Besondere ihrer Identität in Abgrenzung zur Allgemeinheit. Im Grunde ist dies natürlich die alte Frage in der Adoleszenz: Wer bin ich? Und wie kann ich wirksam werden mit meiner Person? Zusätzlich wirkt dann verstärkend der Traum von Unverwechselbarkeit der eigenen Person in der Digitalmoderne. Äusserlich gesehen, mögen sich Männer, die sich vom traditionalistischen Milieu angezogen fühlen, krass abgrenzen vom woken. Aber die Motivation ist ähnlich.
Und wie stehts mit dem Männerbild bei den katholischen Traditionalisten?
Heek: Das Männerbild im traditionalistischen Milieu gleicht dem Männerbild des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts. Es dockt an ein patriarchales Gesellschaftsbild an, in dem der Mann vorangeht, und die Frauen fraglos folgen. Frauen sind für den Nachwuchs zuständig, Männer für alle anderen gesellschaftlichen und kirchlichen Bereiche. Das ist ein uraltes Muster, das in solchen Kreisen wiederbelebt wird. Angeregt wird dies, so ehrlich muss man sein, von der generellen Verfassung der Kirche in der Zweiständegesellschaft von Klerikern und Laien.
«Weil das patriarchale Muster so lang funktioniert hat und keineswegs vollständig überwunden ist, ist es aber nicht ungefährlich. Es kann junge Männer verführen.»
Die Fixierung auf die vorkonziliare Kirche ist aber der Grund, weshalb ich dieser Richtung wenig Erfolgsaussicht auf das Gesamtsystem der Kirche zutraue. Dieses Geschlechterbild ist gesellschaftlich weitgehend überwunden. Weil das patriarchale Muster so lang funktioniert hat und keineswegs vollständig überwunden ist, ist es aber nicht ungefährlich. Es kann junge Männer verführen, da ihnen versprochen wird, wenn sie dies und das tun oder lassen, werden sie zu «echten» Männern. Die kirchliche patriarchale Grundverfassung gibt dieser klerikalen Übersteigerung leider eine gewisse Legitimität.
Welche Eigenschaften vereinigt denn – falls es so etwas gibt – der moderne katholische Mann idealtypischerweise in sich aus Ihrer Sicht?
Heek: In der Männerarbeit und Männerseelsorge sprechen wir gern im Plural, wenn wir über Männer sprechen. Es gibt vielleicht den idealen Mann, den sich viele wünschen. Im Leben gibt es aber einfach nur verschiedene Männer. Wir stellen dabei fest: Die Vorstellung von Männlichkeit hat sich enorm diversifiziert. Der Anteil Männer, die sich aktiv an der Betreuung und Erziehung auch von sehr jungen Kindern engagieren, hat signifikant zugenommen. Egalitäre Verhältnisse in heterosexuellen Beziehungen sind nicht Ausnahme, sondern die Regel. Homosexualität wird anerkannt und kann auch in Männerkreisen immer mehr und offener gelebt werden. Männer gehen viel öfter als noch vor 20 Jahren freiwillig in Psychotherapie. In der Care-Arbeit übernehmen sie viel stärker Verantwortung für ihre eigenen Eltern. Männer ziehen nicht mit fliegenden Fahnen zur Armee, sondern nehmen das, wenn überhaupt, als notwendiges Übel in Kauf. Aber…
«Da können Männer noch viel mehr lernen über sich: dass es letztlich weder eine Frauen- noch eine Männerseele gibt, sondern nur eine Menschenseele.»
Aber…
Heek: Aber man muss auch weiterhin sagen: Männer füllen die Gefängnisse, suizidieren sich immer noch viel häufiger als Frauen. Dies sind Hinweise darauf, dass viele Männer immer noch nicht klarkommen zwischen den vermeintlichen Erwartungen, wie «Mann» sein sollte und dem, wie die eigene Seele tickt. Da können Männer noch viel mehr lernen über sich: dass es letztlich weder eine Frauen- noch eine Männerseele gibt, sondern nur eine Menschenseele.
*Andreas Heek ist Leiter der kirchlichen Arbeitsstelle für Männerseelsorge und Männerarbeit in den deutschen Diözesen und für das Forum Katholischer Männer (FkM)
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