Der wahre Gott gegen die falschen Götter

In seinem ersten Lehrschreiben befasste sich Papst Leo XIV. mit künstlicher Intelligenz. Ist es angebracht, dass sich ein Papst mit den gesellschaftlichen Auswirkungen der Technik beschäftigt? Nein, findet Martin Grichting. Der Papst solle sich um die Glaubenswahrheiten kümmern, nicht um Sozialethik. Diese Argumentation zeugt von einer vorkonziliaren Sicht auf die Kirche.

Francesco Papagni

Für Wirtschaftsfreisinnige ist ein Papst, der sich mit Wirtschaftsethik beschäftigt, ein Ärgernis. Es ist deshalb naheliegend, dass sich die «Neue Zürcher Zeitung» (NZZ) bei der Berichterstattung über kirchliche Themen auf einen freien Mitarbeiter verlässt, der sich berufen fühlt, gegen eine sozial engagierte Kirche anzuschreiben.

Eine To-do-Liste für den Papst

Martin Grichting war zur Zeit von Bischof Vitus Huonder Mitglied des Churer Bischofsrates. In der NZZ hat er kürzlich «Magnifica humanitas», die Enzyklika von Papst Leo XIV. kritisiert.

Es sind wesentlich zwei Argumente, die der Prälat ins Feld führt: Papst Leo habe zwar das Thema Künstliche Intelligenz politisch geschickt ausgewählt, weil es viele Menschen verunsichert, doch er hätte sich um die Glaubenslehre kümmern müssen. Denn «die Soziallehre ist nicht die Glaubenslehre, sondern eine Reflexion über diesseitige Gegebenheiten».

Und überhaupt – so das zweite Argument – habe der Philosoph Martin Heidegger, schon alles zur Technik gesagt, was es zu sagen gibt. Die Heidegger›sche «Gelassenheit zu den Dingen» sei nach wie vor die beste Antwort auf die Herausforderung durch die Technik.

Die Zeichen der Zeit erkennen

Grichting denkt und argumentiert in der Dichotomie Glaubenswahrheiten / diesseitige Gegebenheiten, die stark an die Ekklesiologie des 19. Jahrhunderts erinnert, welche die Kirche im Gegensatz zur bösen Welt sah. Das II. Vatikanum führte die katholische Kirche aus dieser Engführung heraus und setzte auf eine Kirche, die in der Welt und auch für die Welt existiert.

Die Progressiven zogen daraus den Schluss, die Kirche solle sich dem Zeitgeist anpassen. Doch das war nie gemeint. Vielmehr hat die «Kirche in der Welt von heute» die «Pflicht, die Zeichen der Zeit zu erforschen und sie im Licht des Evangeliums auszulegen» (Gaudium et Spes 4).

Mit «Zeichen der Zeit» sind Ereignisse gemeint, die zwar im Aussenbereich des Glaubens liegen, aber in der Verkündigung nicht ignoriert werden dürfen, denn in ihnen scheint Gottes Handeln auf. Die Erforschung der Zeichen der Zeit erstreckt sich aber auch auf Entwicklungen, die Gottes Präsenz in der Welt verdunkeln.

Verteidigung des Menschen

Damit hat das II. Vatikanum den Gegensatz Kirche-Welt hinter sich gelassen, ohne jedoch die Kirche in der Welt aufgehen zu lassen. Die Päpste seit Johannes XXIII. orientieren sich mit ihren Lehrschriften am Konzil.

So etwa Papst Paul VI. mit der Rede von der integralen Entwicklung des Menschen, die auch gegen einen materialistischen Fortschrittsbegriff gerichtet ist und eben Leo XIV. mit seiner Antrittsenzyklika. Dass es nicht die Aufgabe des Lehramtes ist, Lösungen vorzulegen, sondern Kriterien für die Beurteilung der Phänomene und Masstäbe für die ethische Bewertung anzubieten, darf heute voraussgesetzt werden.

In «Magnifica humanitas» kommt noch etwas hinzu: Die Verteidigung des Menschen vor der Verführung, sich mittels der Technik vervollkommnen zu wollen. Papst Leo verteidigt den Menschen mit seinen Schwächen, seinem Leiden, seinem Scheitern. Das ist kein seichter Humanismus, das ist theologische Anthropologie. Und es ist der uralte Kampf der Kirche gegen die Gnosis, welche die Selbsterlösung propagiert. Neuerdings mit der Maske des Transhumanismus.

Kontinuität des Lehramtes

Papst Leo plädiert für eine Regulierung der Künstlichen Intelligenz, weil sie sonst zu einer Gefahr für die Menschheit werden könnte. Grichting ortet darin eine «globalistisch-interventionistische Sichtweise». Papst Benedikt XVI., den gerade die Konservativen verehren, plädierte 2009 in der Enzyklika Caritas in veritate für eine internationale Regulierung der Finanzmärkte.

Die Finanzkrise war eben in den USA ausgebrochen und steigerte sich schnell zu einer globalen Bedrohung. Die Staaten hatten es damals nur mit grössten Anstrengungen geschafft, den Kollaps des Finanzsystems zu verhindern. Leos Forderung nach einer Regulierung steht in dieser Kontinuität. Die Kontrolle von Macht ist zudem ein urliberales Thema, das auch Liberalkonservative umtreiben sollte.

Kollektive Imagination

Dass in «Magnifica humanitas» Hannah Arendt, Viktor Frankl und John R.R. Tolkien zitiert werden, interpretiert Grichting als Versuch, ein «vermeintliches Modernitätsdefizit» der Kirche auszugleichen. Was den Autor des «Der Herr der Ringe» angeht, so tritt Papst Leo der Silicon Valley-Mythologie entgegen, die sich gerne bei Tolkien bedient. So ist z.B. die Firma Palantir nach Kugeln benannt, die im genannten Werk diesen Namen tragen und mit denen man die Zukunft voraussehen kann.

Während die Titanen der Künstlichen Intelligenz sich selbst als die Guten in einem planetarischen Kampf gegen das Böse wähnen und ihre Produkte als Mittel zum Guten anpreisen, erinnert der Papst daran, dass unkontrollierte Macht korrumpiert. Die Regulierung, die er will, zielt nicht in erster Linie auf das Wirtschaftliche – es geht um die enorme politische Macht, die sich in den Händen weniger konzentriert.

Postchristliches Denken

Und Marin Heidegger, den Grichting «den wahren Propheten», was die Technik angeht, nennt? Der Rekurs auf den deutschen Philosophen ist insofern paradox, als Heidegger mit seinem Denken die Dichotomie ewige Wahrheiten/vergängliche Urteile liquidiert und einen Standpunkt jenseits von Christentum und abendländischer philosophischer Tradition eingenommen hat. Der Begriff Gelassenheit stammt zwar ursprünglich aus der mittelalterlichen Mystik, markiert aber bei Heidegger eine Position, die keinen Raum mehr für ein ethisches Urteil lässt. Von Heidegger kann man lernen, dass Technik nichts Neutrales ist, sondern eine menschliche Hervorbringung, die den Menschen selbst verändert. Das weiss auch Papst Leo, ohne Heidegger bemühen zu müssen.

Heilsgeschichte

Die Debatte rund um die Enzyklika ist erst angelaufen. Noch scheint niemand das spezifisch Augustinische darin gesucht zu haben. Papst Leo hat sich als Augustiner, Sohn des Augustinus vorgestellt. Dies ist mehr als eine rhetorische Doppelung, es ist ein Signal tiefer Verbundenheit mit dem Kirchenvater. Eines der Hauptwerke von Augustinus trägt den Titel Civitas Dei, im Deutschen anachronistisch mit «Der Gottesstaat» übersetzt.

Dieses Buch deutet die Geschichte theologisch als Heilsgeschichte – eine frühe aber traditionsbildende Form, die Zeichen der Zeit zu erkennen. In dieser Schule steht der aktuelle Papst. Und mit diesem hermeneutischen Schlüssel wird die theologische Tiefe seines Denkens verstehbar.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/der-wahre-gott-gegen-die-falschen-goetter/