Hans Zollner: «Jede Kultur hat eigene Schutz- und Risikofaktoren»

Teilnehmende aus 69 Ländern diskutierten in Rom über Schutzkonzepte gegen Missbrauch in der Kirche. Zwei Schweizerinnen waren darunter. Hans Zollner, Missbrauchspräventionsexperte, zieht im kath.ch-Interview Bilanz der bislang grössten internationalen Safeguarding-Konferenz.

Jacqueline Straub

Vergangene Woche hat die Safeguarding-Konferenz in Rom an der Päpstlichen Universität Gregoriana stattgefunden. Welche Themen standen in Fokus?

Hans Zollner*: Der Titel der Tagung war «One commitment, many contexts: Safeguarding across cultures». Übertragen könnte man sagen: Safeguarding – sichere Räume, Beziehungen, Strukturen, Prozesse – geht uns alle etwas an, auf jedem Kontinent, in jedem Land, in jeder Kultur, und deshalb muss Safeguarding angepasst werden an die Sprache, die Umgangsformen, die Denk- und Wahrnehmungsmuster, die Bräuche, die Gesetze im jeweiligen Kontext.

Jede Kultur hat eigene Zugänge und Ansätze…

Zollner: … und weist spezifische Schutz-, aber auch Risikofaktoren auf. Es gibt keine universal anwendbaren Ansätze. Deshalb haben wir mit der Konferenz eine Plattform geschaffen, in der die 300 Teilnehmenden aus 69 Ländern miteinander sprechen, sich zuhören und voneinander lernen konnten.

Was hat Sie beeindruckt?

Zollner: Das war unsere grösste und internationalste Tagung bisher. Besonders schön und beeindruckend waren für mich zum einen das grosse Engagement der Safeguarding-Verantwortlichen in Diözesen, Ordensgemeinschaften und Hilfswerken sowie der im akademischen Bereich Tätigen, zum anderen das aufmerksame Zuhören und die positive Energie: «Lasst uns gemeinsam etwas schaffen.» Bei den Hauptvorträgen war zu merken, dass die Eingeladenen sich produktiv mit dem Thema auseinandergesetzt haben, etwa: Was kann Konfuzianismus für Safeguarding bedeuten, oder wie können afrikanische Sprichwörter helfen, Safeguarding-Anliegen nicht nur sprachlich zu übersetzen.

«Dann würde sich zeigen, dass es Licht und Schatten gibt.»

Wie blicken Sie auf die Missbrauchsaufklärung in der Schweiz?

Zollner: Das lässt sich pauschal nicht sagen. Da müsste man auf jede Diözese, Kirchgemeinde, Ordensgemeinschaft und andere katholische Einrichtungen schauen. Dann würde sich zeigen, dass es – wie überall – Licht und Schatten gibt.

War jemand aus der Schweiz bei der Konferenz?

Zollner: Aus der Schweiz waren eine Ordensfrau und eine Frau aus einem nicht-kirchlichen Präventionsbereich dabei.

Anfang 2027 wird die unabhängige, historisch orientierte Untersuchung zu sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche der Schweiz vorgestellt. Was empfehlen Sie schon jetzt Bistümern und Bischöfen?

Zollner: Wie immer ist so eine Untersuchung Anlass, erstens, das Leid der Betroffenen anzuerkennen und gemeinsam mit ihnen einen Weg der Aufarbeitung zu gehen, zweitens, klar zu analysieren, was passiert ist, und, drittens, ehrliche und ernsthafte Konsequenzen zu ziehen.

Was muss die katholische Kirche in Sachen Aufarbeitung und Prävention noch besser lernen?

Zollner: Das Wichtigste ist, dass Safeguarding in alle kirchlichen Handlungen – Liturgie, Soziales, Bildung und so weiter – eingeflochten ist und nicht als Randerscheinung abgetan wird. Jesus Christus zeigt uns, wie die Schwachen geschützt und die Verwundeten geheilt werden. Es braucht einen langen Atem und eine gemeinsame Verantwortung. Gerade die katholische Kirche in der Schweiz, in der Laien viel Macht in der Kirche haben, könnte ein Beispiel dafür sein, dass alle Getauften – nicht nur die Bischöfe – für eine sicherere Kirche verantwortlich sind.

*Hans Zollner ist Jesuit und leitet des IADC – Institute of Anthropology. Interdisciplinary Studies on Human Dignity and Care, ein Institut zum Schutz Minderjähriger vor Missbrauch, das zur Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom gehört. Ausserdem berät er Bischöfe und Priesterausbilder in allen Erdteilen in Sachen Missbrauchs-Prävention.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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