Thomas Münch: «Das Alleinstellungsmerkmal tötet die Ökumene»

Angesichts düsterer Perspektiven sucht manch eine Kirchgemeinde nach einem Alleinstellungsmerkmal der eigenen Konfession. Weshalb der katholische Theologe Thomas Münch dies gefährlich findet, sagt er im Podcast «Laut + Leis».

«Heute spüre ich auch in Zürich, dass die grossen Konfessionen, also die römisch-katholische und die evangelisch-reformierte, sich überlegen, warum braucht es meine Konfession noch? Und das führt zu einer Art Alleinstellungsmerkmal-Suche. In dem Moment, wo ich für meine Konfession ein Alleinstellungsmerkmal suche, vielleicht auch finde, töte ich damit – ich drücke es sehr plastisch aus – die Ökumene.

Denn die Ökumene baut ja darauf, dass es kein Alleinstellungsmerkmal gibt. Es gibt unterschiedliche Traditionen in den Liturgien, die Art und Weise, wie wir die Bibel lesen, wie wir den Zugang zu den biblischen Texten finden, aber nicht im Grundsätzlichen. Wenn ich jetzt aber sage, eigentlich hat meine Kirche schon recht und die andere müssten das auch so machen wie wir, dann wird der Dialog schwierig.

Eine noch grössere Rolle spielt die politische Dimension. Inzwischen gibt es in allen europäischen Ländern politische Parteien, die das Gefühl haben, das Christliche wieder in den Vordergrund stellen zu müssen als Ausschlusskriterium für all jene Menschen, die nicht christlich sind. Damit werden die Zuwanderungsdebatten angeheizt.

Das sind Gruppen, die vor fünf Jahren bei der Konzernverantwortungsinitiative noch gesagt haben, die Kirchen haben zu schweigen. Jetzt sollen wir das Christentum plötzlich verteidigen, damit nicht so viele kommen. Die politische Instrumentalisierung des Christentums steht der Ökumene sehr im Wege.»

Das sagt Thomas Münch im Podcast «Laut + Leis». Der katholische Theologe hat sich in Zürich 37 Jahre lang für die Ökumene engagiert – die letzten acht Jahre in der evangelisch-reformierten Predigerkirche, einem Unikum in der Zürcher Kirchenlandschaft. Ende August geht er in Pension. Sein Nachfolger wird der Jesuit Franz-Xaver Hiestand. (sl)


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