«Viele besuchen Kirchen aus Neugier – und verlassen sie mit tiefer Erfahrung»

An der Tagung «Sakrale Räume und säkulare Religion – Kulturerbe touristisch erleben» zeigen Christian Cebulj und Michael Landwehr auf, wo die Schnittstellen zwischen Religion und Tourismus liegen. Und welche Chancen sie bergen.

Regula Pfeifer

Christian Cebulj eröffnet am Dienstagmorgen in der Paulus Akademie eine «Liebhaber-Veranstaltung», wie er sie lächelnd nennt. Angesprochen seien «Damen und Herren, die sich für ein exquisites Thema interessieren». Es handelte sich um die zweitägige Tagung «Sakrale Räume und säkulare Religion – Kulturerbe touristisch erleben». Rund 25 Personen bilden aktuell das Publikum.

Der Tagungsleiter Christian Cebulj leitet das interdisziplinäre «Forschungsprojekt: Religion – Kultur – Tourismus», das bereits seit Anfang 2023 am Laufen ist. Und er hat an der Theologischen Hochschule Chur den Lehrstuhl für Religionspädagogik und Katechetik inne.

Ein notwendiger Dialograum

Die Tagung sei eine Mischung aus Praxis und Theoriereflexion, so Cebulj im Hinblick auf das Programm. Dieses sieht neben fachlichen Inputs und Austausch auch einen Besuch im Kloster Einsiedeln und im Zürcher Grossmünster vor. Nach Tagungsende findet die Mitgliederversammlung des Vereins Kirchen und Tourismus Schweiz (KTCH) statt.

Vereinspräsident Michael Landwehr zeigt sich bei Tagungsbeginn überzeugt: Der Anlass fügt Fachleute zusammen und schafft damit «einen Dialograum, den wir dringend brauchen». Mit Bezug auf den Tagungstitel «Sakrale Räume und säkulare Religion – Kulturerbe touristisch erleben» stellt er fest: «In diesen wenigen Worten verdichten sich zentrale Fragen unserer Zeit.»

Diese Fragen formuliert er sogleich:

All diese Fragen betreffen laut Landwehr nicht nur die Theologie, sondern auch die Kulturwissenschaften, die Denkmalpflege, den Tourismus, die Politik und die gesamte Gesellschaft. Der reformierte Pfarrer in Adliswil ZH beschreibt den gesellschaftlich-religiösen Wandel: Die traditionellen kirchlichen Einrichtungen verlören vielerorts an Bedeutung und die religiöse Sozialisation werde vielfältiger, gleichzeitig unvollständiger. Demgegenüber wachse das Interesse an Spiritualität, an Sinnfragen.

Wachsendes touristisches Interesse

Menschen suchten nach Resonanz, Schönheit, Orientierung. «Nicht selten finden sie dies in sakralen Räumen», so Landwehr. Deshalb verzeichneten Kirchen und Klöster und religiöse Kulturlandschaften ein steigendes touristisches Interesse. Sie gehörten zu den wichtigsten Destinationen des Kulturtourismus. «Viele Besucherinnen und Besucher betreten eine Kirche zuerst aus kultureller Neugier. Und verlassen sie mit einer Erfahrung, die tiefer reicht als reine Wissensvermittlung.»

Orte, die für Liturgie und Gemeinschaft geschaffen wurden, seien heute auch für Menschen bedeutsam, die keine kirchliche Heimat haben oder keine mehr oder noch nicht haben. «Der sakrale Raum erzählt Geschichten, vermittelt Werte, eröffnet Perspektiven», so Landwehr. «Und er erinnert daran, dass der Mensch mehr ist als Konsument, Produzent oder Tourist.» Tourismus könne zu einem Medium werden, in dem Erlebnisse der Transzendenz stattfänden.

«Natürlich ersetzt eine Kirchenbesichtigung keinen Gottesdienst.»

«Natürlich ersetzt eine Kirchenbesichtigung keinen Gottesdienst. Und eine Pilgerhandlung ist nicht gleichzeitig ein Glaubensbekenntnis.» Doch an solchen Schnittstellen entstehe Begegnung, so der Präsident von Kirche und Tourismus Schweiz. Deshalb sei die wissenschaftliche Erforschung dieses Gebiets «so wertvoll». Die Theologische Hochschule Chur leiste «Pionierarbeit», die sein Verein sehr schätze.

Dieser verfolge seit seiner Gründung das Ziel, Kirchen und Tourismus miteinander ins Gespräch zu bringen. «Wir möchten kirchliche Perspektiven in touristische Entwicklungen einbringen. Und gleichzeitig touristische Kompetenzen für kirchliche Akteure nutzbar machen.»

Sakralräume als Hotspots des Tourismus

Sakralräume sind Hotspots des Schweizer Tourismus, sagt Cebulj, an der Wand ist eine Fotokollage mit dem Kloster Einsiedeln, Müstair, dem St. Galler Stiftsbezirk und dem Ranft zu sehen. Fünf von zehn der touristischen Hotspots Europas sind ebenfalls Sakralräume – allen voran auf Platz eins die Sagrada Familia in Barcelona, wie der Religionspädagoge mittels Ratespiel aus dem Publikum lockt.

Besichtigungen führten allerdings dazu, dass Orte der Religion zu einem Phänomen der Vergangenheit würden. Damit bestehe die Gefahr der Musealisierung. «Das kann ein Nachteil sein, aber auch eine Chance», so Cebulj. Denn oft würden die Besuchenden erst Informationen über das Gebäude aufnehmen – und dann über ihren eigenen Bezug zur Religion reden. «Das kann zu einem Nachdenken über die eigene gelebte religiöse Praxis führen.»

Kirchen als Kraftspender?

Sakrale Räume seien oft beeindruckend, wegen ihrer Architektur und ihren Gemälden, sagt Cebulj. Gleichzeitig böten sie den Besuchenden Rückzugsmöglichkeiten. «Besuchende sagen oft, Sakralräume hätten ihnen Kraft gegeben», sagt Cebulj. Er selbst findet allerdings: Die Räume allein vermittelten zwar eine Atmosphäre. Aber entscheidend sei, dass auch Ansprechpersonen vor Ort seien – etwa Seelsorgende.

Luis Varandas, Generalvikar des Bistums Chur für die Region Zürich-Glarus, stellt in seinem Grusswort die Stadt Zürich als «nicht besonders religiös» vor. Dennoch biete sie mit ihren historischen Gebäuden – darunter Kirchen – einige touristische Attraktionen mit religiösem Bezug, etwa die Chagall-Fenster im Fraumünster oder aktuell die «wunderbaren mit Rosen geschmückten Brunnen».

Schliesslich zitiert Varandas Worte von Papst Franziskus – aus der Eröffnungsbulle zum Heiligen Jahr. Darin tönt Franziskus eine Verbindung von Tourismus und Religion an. Sinngemäss heisst es: Wer reist, betrachtet die Schöpfung und nimmt die Schönheit der Kulturen wahr. Diese Erfahrungen würden «durch das Gebet in Einklang gebracht» und führten dazu, «dass man Gott für die von ihm verbrachten Wunder dankt.»


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