Ist jetzt ein Baum mein Gott? Jüngst fand anlässlich des 40-Jahr-Jubiläums von Oeku Kirchen für die Umwelt an der Universität Bern eine Veranstaltung zur Zukunft von ökologischer Spiritualität statt. Einer der Referenten, Professor Michael Pfenninger, erklärt im Interview mit kath.ch, was es eigentlich bedeutet, die eigene «Geschöpflichkeit» wahrzunehmen.
Wolfgang Holz
Herr Professor Pfenninger, ist ein Baum mein Gott, salopp gefragt – oder was ist eigentlich, kurz gefasst, unter ökologischer Spiritualität zu verstehen?
Michael Pfenninger*: Nein, ist er nicht! Der Baum ist von Gott geschaffen, er kann uns mit seinen starken Wurzeln und seinem filigranen Astwerk ins Staunen versetzen – und er kann uns an die ökologische Verantwortung erinnern, die wir unserer Mitwelt gegenüber haben. Auch in ihm ist Gott als schöpferische Kraft präsent, aber er ist selbst nicht Gott. Ökologische Spiritualität bedeutet für mich, die Natur in ihrer Verbindung mit Gott wahrzunehmen, und ihre Bedrohung nicht nur als technische Aufgabe anzusehen, sondern auch als religiöse Herausforderung, als spirituelle und, nicht zuletzt, als theologische.
«Die eigene Geschöpflichkeit wahrzunehmen bedeutet, eine Haltung der Zurückhaltung, vielleicht auch der Demut gegenüber der Mitwelt einzuüben.»
In einem Statement von Oeku Kirchen für die Umwelt zum 40. Geburtstag heisst es: «Der Mensch ist ein Geschöpf inmitten von anderen Geschöpfen.» Was soll damit gesagt werden – dass der Mensch nicht mehr das Zentrum der Schöpfung ist und kein Anrecht hat, die Schöpfung nur nach seinem Willen zu formen?
Pfenninger: Als Geschöpfe Gottes stehen wir Menschen neben anderen Geschöpfen, die nach der biblischen Erzählung ebenfalls von Gott geschaffen wurden. Das verbindet uns mit unseren Mitgeschöpfen, gibt uns auch eine grosse Verantwortung für sie. Auch unsere Mitgeschöpfe haben ihre eigene Würde – von der «Würde der Kreatur», also des Geschöpfs, spricht in Artikel 120 sogar unsere Bundesverfassung. Die eigene Geschöpflichkeit wahrzunehmen bedeutet, eine Haltung der Zurückhaltung, vielleicht auch der Demut gegenüber der Mitwelt einzuüben.
Zugleich werden viele Menschen die Frage, wie die Verbundenheit von Geschöpf zu Geschöpf konkret gelebt werden soll, sehr unterschiedlich beantworten. Was heisst es, Tiere, aber auch beispielsweise Flüsse, als Geschöpfe Gottes wahrzunehmen? An der Jubiläumstagung ging es darum, verschiedene Perspektiven auf dieses Thema miteinander ins Gespräch zu bringen.
«Wild Churches sind Kirchen, die beispielsweise im Wald Gottesdienste feiern, deren Herzstück ein meditativer Spaziergang in der Natur ist.»
Welche Ergebnisse bzw. Inputs zeitigte denn – in einer Nussschale – die Veranstaltung Oeku Kirchen für die Umwelt «Wild glauben. Über die Zukunft der ökologischen Spiritualität» vom vergangenen Wochenende?
Pfenninger: Es wurden sehr unterschiedliche Zugänge zum gemeinsamen Thema einer ökologisch sensiblen Spiritualität deutlich. Es gab Stimmen, die stark die Begegnung mit der Natur betonten – man schützt nur, was man liebt, und man liebt nur, was man kennt. Jemand berichtete von der Wild Churches-Bewegung in den USA. Das sind Kirchen, die beispielsweise im Wald Gottesdienste feiern, deren Herzstück ein meditativer Spaziergang in der Natur ist. Ebenfalls diskutiert wurde das Gefühl individueller Ohnmacht etwa angesichts der Klimakrise, und wie Kollektive helfen können, damit umzugehen. Schliesslich ging es auch um den theologischen Umgang mit den Ambivalenzen der Natur, auch mit ihrer Brutalität und dem Leid, welches es in ihr gibt.
«Ökologische Spiritualität erschöpft sich keineswegs im moralischen Aufruf, die Schöpfung zu bewahren.»
Dabei wurde deutlich, dass ökologische Spiritualität ein überaus breites Feld ist – das sich keineswegs im moralischen Aufruf erschöpft, die Schöpfung zu bewahren. So wichtig dieser Aufruf auch ist: das Thema ist deutlich vielschichtiger.
Kann man denn sagen, dass ökologische Spiritualität angesichts des Imageverlusts der traditionell institutionellen Kirchen infolge Missbrauchsdiskussion, massenhafter Kirchenaustritte und allgemeiner Säkularisierung der Gesellschaft an Attraktivität und an Bedeutung gewonnen hat?
Pfenninger: Zunächst ist mir wichtig, dass sich ökologische Spiritualität und kirchliche Religiosität keineswegs ausschliessen: Man denke nur an Alp- oder Waldgottesdienste, die vielerorts üblich sind und oft auf sehr viel Zuspruch stossen. Oder an die notwendig sehr naturnahe Praxis des Pilgerns. Auch die Schöpfungszeit ist im Kirchenjahr gut etabliert.
«Es gibt natürlich viele Menschen, denen die Kirchen unglaubwürdig geworden sind und die sagen, dass sie Gott stärker in der Natur erleben als im Gottesdienst.»
Aber natürlich gibt es viele Menschen, denen die Kirchen unglaubwürdig geworden sind und die sagen, dass sie Gott stärker in der Natur erleben als im Gottesdienst. Ich finde es interessant, dann nachzufragen, was genau beispielsweise im Wald an spirituellen Erfahrungen möglich ist, die man in der Kirche nicht findet. Fühlt man sich vielleicht mit der Mitwelt in besonderer Weise verbunden?
Erfährt man sich trotz eigener Grenzen und Fehler als angenommen, wird man getröstet? Diese Erfahrungen finde ich sehr plausibel, und sie stellen zugleich den Kirchen die Rückfrage: Wie können ihre Gottesdienste so gestaltet sein, dass dort in Predigt und Liturgie ebenfalls Verbundenheit, bedingungsloses Angenommensein und echter Trost erlebt werden können?
«Die Kirchen können eine ganze Spiritualität entwickeln, die die Verbundenheit mit der Natur wahrnimmt.»
Apropos. Was können denn die traditionell institutionellen Kirchen überhaupt zur ökologischen Spiritualität beitragen – jenseits von Wärmepumpen, Solardächern und Energiesparprogrammen?
Pfenninger: Ich würde auch diese konkreten Bemühungen nicht unterschätzen – sie haben, über die realen Umweltauswirkungen hinaus, eine wichtige symbolische Kraft. Aber die Kirchen können noch mehr: Sie können Worte bereitstellen, Gesten einüben, Menschen zusammenbringen. Und sie können eine ganze Spiritualität entwickeln, die die Verbundenheit mit der Natur wahrnimmt. Die zu ihrem Schutz aufruft. Die aber zugleich spürt, dass es auch Momente gibt, in der nicht der Aufruf zu Engagement, sondern Trost, Zuspruch und das Anerkennen eigener Grenzen gefragt sind.
*Michael Pfenninger ist seit 2025 Assistenzprofessor für Dogmatik, Religionsphilosophie und Theologie der Religionen am Institut für Systematische Theologie der Theologischen Fakultät der Universität Bern. 2022 promovierte er an der Universität Zürich mit der Arbeit «Die Welt ist Gottes. Karl Barths Theologie der Welt im Kontext der Säkularisierung». Von 2020 bis 2023 arbeitete er als Pfarrer in Teilzeit (20 Prozent-Pensum) in der evangelisch-reformierten Kirchgemeinde Sargans/Mels/Vilters-Wangs (SG). 2017 wurde er zum Verbi Divini Minister der Reformierten Kirche Kanton Zürich ordiniert.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
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