In seiner ersten Enzyklika beschäftigt sich Papst Leo XIV. mit den neuesten Errungenschaften der Computertechnik. Bei der Künstlichen Intelligenz fordert er neue Regulierungsinstrumente, um die Gefahren in den Griff zu bekommen. Damit greift er einen Vorschlag auf, der vor Jahren am Institut für Sozialethik der Theologischen Fakultät der Universität Luzern ausgearbeitet worden ist.
Peter G. Kirchschläger*
Papst Leo XIV. hat am Pfingstmontag seine erste Enzyklika «Magnifica Humanitas» offiziell präsentiert. Darin setzt er sich mit sogenannter «künstlicher Intelligenz (KI)» auseinander, die ich – basierend auf meiner Forschung – passender als «datenbasierte Systeme (DS)» bezeichnen würde, weil sie keine Intelligenz umfasst.
Papst Leo XIV. machte gleich von Beginn seiner Amtszeit an in der Erklärung seiner Namenswahl klar, dass KI und die damit verbundenen ethischen Fragen für ihn ein besonderes Anliegen darstellen. Angesichts von KI «bietet die Kirche allen den Schatz ihrer Soziallehre an».
Dieses Angebot erfährt nun in «Magnifica Humanitas» eine substanzielle Konkretisierung, wie mit KI als neue industrielle Revolution sowie als neue Herausforderung für die Menschenwürde, Gerechtigkeit und Arbeit umgegangen werden soll. Papst Leo XIV. wendet die Grundlagen und Prinzipien der katholischen Soziallehre Menschenwürde und Menschenrechte sowie das Prinzip des Gemeinwohls, das Prinzip der allgemeinen Bestimmung der Güter, das Subsidiaritätsprinzip, das Solidaritätsprinzip und das Prinzip der sozialen Gerechtigkeit auf KI an.
Diese moralische Reflexion mündet zum einen in der Charakterisierung von KI als «wertvolle Hilfe», zum anderen in der Forderung – wie es Papst Leo XIV. bei der offiziellen Vorstellung seiner ersten Enzyklika formuliert hat –, dass KI «entwaffnet» werden müsse, «befreit von Logiken, die sie in ein Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes verwandeln».
Dabei wird in «Magnifica Humanitas» der Fokus auf den gesamten Lebenszyklus von KI gerichtet und die Ausbeutung von Menschen und Natur bei der Schürfung der für KI notwendigen Rohstoffe, beim menschenrechtsverletzenden und umweltzerstörerischen Design, bei der Herstellung von KI an Billigproduktionsstandorten und bei menschenrechtsverletzender und umweltzerstörerischer Nutzung von KI scharf kritisiert.
«Es reicht nicht aus, sich auf Effizienz zu berufen oder die Vorteile der Innovation zu preisen, wenn diese auf einer Ausbeutungskette beruhen, die bewusst verborgen bleibt. Wenn eine Technologie Emanzipation verspricht, aber weltweit neue Formen der Unterordnung hervorbringt, dann widerspricht sie dem Grundprinzip der Menschenwürde.»
Papst Leo XIV. schreckt also nicht nur nicht davor zurück, Unrechtstaten und verwerfliches wirtschaftliches Handeln im Bereich von KI bzw. durch und mit KI beim Namen zu nennen. Im Rahmen von «Magnifica Humanitas» konkretisiert er auch grundlegende Massnahmen, damit KI nicht nur ein paar wenigen multinationalen Technologiekonzernen, sondern allen Menschen und dem «gemeinsamen Haus» dienen.
«Es ist notwendig, angemessene Regulierungsinstrumente einzuführen, die in der Lage sind, die Gerechtigkeit zu schützen und die verzerrenden Auswirkungen von technologischer Macht einzudämmen.» Immer wieder betont Papst Leo XIV. die Notwendigkeit von globaler Regulierung von KI und einer unabhängigen sowie effektiven Aufsicht. Damit setzt er den Weg von Papst Franziskus fort, der zwei konkrete Handlungsvorschläge aus meiner Forschung – menschenrechtsbasierte KI und die Schaffung einer Internationalen Agentur für datenbasierte Systeme (IDA) bei der UNO zur Durchsetzung der globalen Regulierung für KI – unterstützt hat.
Auch in Bezug auf die Nutzung von digitalen Geräten und «social media», die auf der Grundlage meiner Forschung besser als «asoziale Medien» bezeichnet werden sollten, weil sie von Anfang an als Suchtprodukte konzipiert worden sind, findet Papst Leo XIV. deutliche Worte: «In dieser Hinsicht sind gesetzgeberische Massnahmen angebracht, um Altersgrenzen festzulegen, um Dienstleister in die Verantwortung nehmen, statt die gesamte Last der Kontrolle auf die Familien abzuwälzen, und um speziell Schutz vor allen Formen sexueller Ausbeutung und Gewalt im Internet zu bieten (…) Zugleich ist es nötig, Kinder, Jugendliche und junge Menschen so zu schulen, dass sie lernen, Manipulationen zu erkennen und auch in digitalen Umgebungen ihre eigene Würde zu verteidigen und die Würde anderer zu achten.»
«Magnifica Humanitas» betont, dass nur Menschen – und nicht KI selbst – Verantwortung tragen und ethische Entscheidungen treffen können. Es ist an uns Menschen in unserer einzigartigen, uns von Gott geschenkten «grandeur», uns, in der bildlichen Gegenüberstellung in der Enzyklika, entweder weiter für den Turmbau zu Babel – ein von Herrschaftsstreben geleitetes, entmenschlichendes Gemeinschaftswerk – zu engagieren oder uns für den Wiederaufbau der Mauern Jerusalems unter Nehemia und somit aktiv für eine menschenwürdige und nachhaltige Gegenwart und Zukunft einzusetzen.
*Prof. Dr. theol. lic. phil. Peter G. Kirchschläger ist seit 2017 Ordinarius für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Theologischen Fakultät der Universität Luzern. Seit 2023 wirkt er zudem als Gastprofessor an der Professur für Neuronales Lernen und Intelligente Systeme der ETH Zürich sowie am ETH AI Center, das die Forschungsbemühungen mehrerer ETH-Departemente bündelt und als eines der weltweit grössten Zentren für die Forschung im Bereich der «künstlichen Intelligenz» gilt. Kirchschläger war Visiting Fellow an der Yale University (USA) und ist in vergleichbarer Funktion seit 2024 auch mit dem Weltethos-Institut der Universität Tübingen verbunden.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/ki-als-herausforderung-fuer-die-menschenwuerde/