Gläubige Menschen werden teilweise kontrolliert, fremdbestimmt, vom Umfeld abgeschottet. Was früher als Sektenproblem galt, wird heute auch in Landeskirchen als spirituelle Gewalt wahrgenommen. Die Präventionsbeauftragte der Bistümer Chur und St. Gallen, Dolores Waser Balmer, lobt die Kirche für ihr aktuelles Vorgehen gegen Missbrauch.
Regula Pfeifer
Sie sind seit zehn Jahren in der katholischen Kirche in der Thematik Missbrauch tätig. Wie kamen Sie dazu?
Dolores Waser Balmer: Ich war als Blauring-Leiterin erstmals mit einem sexuellen Übergriff in einer Familie konfrontiert. Von da an begann ich mich mit Missbrauch auseinanderzusetzen. Als Pflegefachfrau arbeitete ich später auf einer medizinischen Abteilung des Ostschweizer Kinderspitals. Dort wurden Kinder behandelt, die Gewalt oder sexuellen Missbrauch erlebt haben. 2002 übernahm die Stiftung Ostschweizer Kinderspital den Auftrag, ein Kinderschutzzentrum zu betreiben. Mit der Erfahrung aus dem Spital durfte ich das «Schlupfhuus» aufbauen und leiten, eine Notunterkunft für Kinder und Jugendliche.
«Ich merkte: Der sexuelle Missbrauch in der Kirche ist ein Thema, das aufgearbeitet werden muss.»
Und ich begleitete das Bistum St. Gallen bei der Ausarbeitung seines ersten Schutzkonzepts. Dabei merkte ich: Der sexuelle Missbrauch in der Kirche ist ein dunkles Thema, das aufgearbeitet werden muss. Und ich kann etwas dazu beitragen. Das Thema Gewalt an Kindern war also in meiner ganzen Berufsbiografie präsent. Bei meiner Arbeit in der Kirche kam dann sexuelle Gewalt gegenüber Erwachsenen und spirituelle Gewalt hinzu.
Sie sagten im Vorfeld, dass Sie sich ins Thema spiritueller Missbrauch einarbeiten…
Waser Balmer: Der spirituelle Missbrauch ist eine eher junge Thematik in der Öffentlichkeit. Im ersten Schutzkonzept des Bistums St. Gallen von 2016 ist er noch nicht erwähnt, in jenem des Bistums Chur von 2018 schon. Bis heute bilde ich mich diesbezüglich weiter und bin in Kontakt mit Menschen, die spirituelle Übergriffe erlebt haben. Doch bin ich da weniger sattelfest als bei sexuellem Missbrauch, mit dem ich mich seit 40 Jahren beschäftige.
Weshalb hinkt der spirituelle Missbrauch hinten nach in der Wahrnehmung?
Waser Balmer: Es geht immer erst darum, die Wahrnehmung für ein Problem zu schärfen – und die Grenzüberschreitungen zu definieren, um darüber reden zu können. Im Kinderschutzzentrum taten wir dies vor rund 25 Jahren bezüglich sexuellen Missbrauchs. Vergewaltigung ist klar sexuelle Gewalt. Aber ob auch das auch für das Versenden von Nacktbildern, despektierliche Witze oder unerlaubte Berührungen gilt, darüber begann die Diskussion. Dabei merkten wir, dass körperliche und sexuelle Gewalt teilweise sicht- und nachweisbar ist. Gleichzeitig nahmen wir eine weitere, unsichtbare Gewalt wahr, die wir erst emotionale oder psychische Gewalt nannten und die unter anderem von Eltern ausgeübt wurde.
Den Missbrauch spiritueller Macht nahm ich erst im kirchlichen Umfeld wahr. In der Schweiz sprechen wir seit etwa zehn Jahren öffentlich darüber. Auch da musste uns erst klar werden, was das war. Als Doris Reisinger von ihren Missbrauchserfahrungen erzählte, war völlig einleuchtend, dass dies spiritueller Missbrauch war. Mit «überstülpenden» Predigten und strikten Glaubensvorgaben müssen wir uns seither auseinandersetzen.
Da bei Doris Reisinger der Missbrauch in einer Gemeinschaft passierte, meinten wir anfänglich, so etwas geschehe nur dort. Erst später wurde uns bewusst: Das kann auch in Pfarreien passieren, etwa in Pfarreigruppierungen.
Die deutsche Missbrauchsexpertin Ute Leimgruber definiert spirituellen Missbrauch als «Verletzung des spirituellen Selbstbestimmungsrechts einer Person». Wie wäre Ihre Definition?
Waser Balmer: Ich brauche die Definition von Ute Leimgruber gern. Ebenso jene des deutschen Jesuiten Klaus Mertes. Laut ihm geschieht spiritueller Missbrauch, wenn eine Seelsorgende sich mit Gottes Stimme verwechselt oder die ratsuchende Person dies so wahrnimmt. Dass ich beide Definitionen verwende, zeigt: Wir sind noch auf der Suche.
Sie waren früher Ansprechperson im Bistum St. Gallen und hatten direkten Kontakt zu Missbrauchsbetroffenen. Haben Sie da von spirituellem Missbrauch erfahren?
Waser Balmer: Ich habe von Situationen erfahren, wo es über den spirituellen zum sexuellen Missbrauch kam – was oft geschieht. Ein Priester und eine Seelsorgerin boten von ihnen benannte Herzensgebete an. Auf diesem Weg gelangten sie zu Nähe und Berührungen mit betroffenen Menschen. Auf einen sexuellen Missbrauch kann umgekehrt ein spiritueller folgen. So auferlegte ein priesterlicher Missbrauchstäter den betroffenen Kindern ein Sprechverbot und drohte, der Heilige Geist würde ansonsten ein Loch in den Boden schlagen und sie würden direkt in die Hölle fallen. Für solch doppelten Missbrauch müssen wir in der Kirche besonders sensibilisiert sein.
«Eine Person wurde von der Seelsorgerin aus der psychiatrischen Klinik geholt, weil diese fand, sie könne ebenso gut helfen.»
Auch von rein spirituellen Missbräuchen habe ich erfahren: So hat eine Seelsorgerin eine Bibelgruppenteilnehmerin dazu gedrängt, sich von ihrem Mann zu trennen, dem die Bibelgruppe nicht gefiel. Das ging in Richtung Isolieren. Ein anderer geistlicher Begleiter forderte einen krebskranken Menschen auf, mehr zu beten, statt Medikamente einzunehmen. Eine weitere Person wurde von der Seelsorgerin aus der psychiatrischen Klinik geholt, weil diese fand, sie könne ebenso gut helfen. Eine ältere Frau durfte früher in einer Bewegung keine Zusatzversicherung für alternative Medizin abschliessen, weil das Gebet genauso helfe.
«Das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Person wurde nicht respektiert und Druck aufgebaut.»
Was genau ist an solchen Verhaltensweisen missbräuchlich?
Waser Balmer: In all diesen Fällen ist das Selbstbestimmungsrecht der betroffenen Person nicht respektiert worden. Und es wurde Druck aufgebaut. Es hiess es etwa: Wenn du das nicht machst, bist du nicht genug gläubig und damit nicht auserwählt, Teil unserer Gruppe zu sein. Oder das Geforderte wird nicht direkt ausgesprochen, was besonders perfid ist. Immer wieder werden die Leute auch dazu gedrängt, sich von ihrem bisherigen sozialen Umfeld zu trennen.
Früher hiess es, dass Sekten so funktionieren…
Waser Balmer: Genau, diese Art die Menschen spirituell zu kontrollieren, ist sehr nahe an dem, was in Sekten passiert. Auch neue Gruppierungen in der katholischen Kirche umgarnen ihre Leute, geben einfache Antworten, geben vor genau zu wissen, wie die Welt funktioniert und versuchen die Leute abzuschotten gegenüber der Aussenwelt. Die christlichen und muslimischen Gemeinschaften meinten lange, vor spirituellem Missbrauch gefeit zu sein. Inzwischen wissen wir: Auch wir müssen genau hinschauen.
Sie waren früher Ansprechperson für Missbrauchsbetroffene. Konnten Sie Betroffene von spirituellem Missbrauch unterstützen?
Waser Balmer: Am Anfang nahm ich spirituellen Missbrauch gar nicht wahr. Da stand der sexuelle Missbrauch im Vordergrund. Betroffene Menschen äusserten aber immer wieder, dass ihnen der Halt im Glauben wichtig sei, dass sie weiterhin Teil der Kirche sein wollten. Gemeinsam mit einem theologisch geschulten Kollegen suchten wir nach Wegen. Wir vermittelten eine geistliche oder seelsorgerliche Begleitung, besuchten Gottesdienste sowie Orte, wo Gewalt passiert war, und führten viele Gespräche über drängende religiöse Themen.
Jetzt sind Sie in der Prävention tätig. Wie vermitteln Sie da das Thema spiritueller Missbrauch?
Waser Balmer: Wir thematisieren alle Formen der Gewalt und arbeiten mit verschiedenen Methoden möglichst interaktiv. Die Beispiele stammen aus meinen Erfahrungen als Ansprechperson und jenen von weiteren Fachpersonen.
«Die Seelsorgenden dürfen ihre Glaubensüberzeugung weitergeben. Die Frage ist, wie sie das tun.»
Was geben Sie kirchlichen Mitarbeitenden in ihren Weiterbildungen mit?
Waser Balmer: Wenn ich mit Leuten aus dem Pfarreisekretariat arbeite, versuche ich sie zu sensibilisieren, wie sie Übergriffe wahrnehmen können. Mit Seelsorgenden arbeite ich die Grenzen heraus, die sie beachten müssen. Dabei gilt: Die Seelsorgenden dürfen ihre Glaubensüberzeugung weitergeben. Die Frage ist, wie sie das tun. Tun sie es im Namen Gottes, was eine Grenze überschritte? Am besten sie tun dies mit einer Ich-Botschaft, die dem Gegenüber die Entscheidungsfreiheit lässt. Die Herausforderung für Seelsorgende ist also: die eigene Überzeugung klar zu äussern, ohne sie dem anderen überzustülpen.
Wie reagieren die kirchlichen Mitarbeitenden – sind sie offen, gibt es Widerstände?
Waser Balmer: Ich spüre eine enorme Offenheit. Die meisten Mitarbeitenden sind motiviert und sich bewusst, dass man am Thema arbeiten muss. Nur ein verschwindender Anteil will das nicht oder versteht es nicht. Mit Hilfe des Verhaltenskodexes können wir mit ihnen in die Auseinandersetzung gehen.
«Wir können alle stärken, die mit einer Gewalt ausübenden Person zu tun haben.»
Was, wenn ein Täter unter den Kursteilnehmenden ist?
Waser Balmer: Wir müssen leider davon ausgehen, dass es Menschen gibt, die bewusst den Weg in die Kirche nehmen, weil sie übergriffig sein wollen. Die besuchen wahrscheinlich auch die Weiterbildung und verhalten sich so, dass niemand etwas merkt. In solchen Fällen können wir alle stärken, die mit dieser Person zu tun haben. Sie sollen merken können, wenn etwas seltsam läuft. Und wissen, wohin sie sich wenden können. Wir können Manipulation nicht verhindern, aber wir können sie erschweren.
Wo steht die katholische Kirche heute im Umgang mit Missbrauch?
Waser Balmer: Heute passiert nicht mehr, was früher oft geschah: Dass das ganze Dorf von einem Missbrauch wusste und niemand etwas sagte. Es passieren leider noch immer Übergriffe, aber wenn Kinder oder Erwachsene diese ansprechen, nimmt man das heute ernst.
«Kaum eine Institution hat sich so flächendeckend der Missbrauchsthematik gestellt wie die Kirche.»
Das ist wohl nicht nur eine kirchliche, sondern auch eine gesellschaftliche Entwicklung…
Waser Balmer: Ja, natürlich. Aber die Kirche ist diesbezüglich ein Vorbild. Es gibt kaum eine Institution, die sich so flächendeckend der Thematik gestellt hat wie die Kirche. Sie musste es tun, nach öffentlich bekannt gewordenen Missbrauchsfällen. Und sie gab dann ja auch die Studie selber in Auftrag. Und ihre Mitarbeitenden sind verpflichtet, entsprechende Weiterbildungen zu besuchen.
Was ist Ihr Anliegen aktuell, beim Angehen des Missbrauchs, sexuell oder spirituell?
Waser Balmer: Ich hoffe, dass die Studie über Missbrauch in der katholischen Kirche, die im nächsten Jahr publiziert wird, genauso ernst genommen wird wie die Pilotstudie im Herbst 2023. Die problematischen Punkte müssen danach genau analysiert und Lehren daraus gezogen werden. Ich erlebe, dass die Menschen in der Kirche das Thema mit grossem Respekt angehen – und mit der Bereitschaft, die Problematik anzupacken. Darum arbeite ich sehr motiviert hier.
Ich bin nach wie vor überzeugt, dass die Kirche ein wichtiger Teil unserer Gesellschaft ist und eine wichtige Botschaft zu verkünden hat. Aber wir müssen uns so verhalten, dass wir das Recht haben, weiterhin eine solche Rolle zu spielen.
*Dolores Waser Balmer ist seit 2024 Präventionsbeauftragte des Bistums Chur (50 Prozent) und gleichzeitig seit 2016 Mitverantwortlich für Schutz und Prävention (30 Prozent) im Bistum St. Gallen, seit 2025 ebenfalls als Präventionsbeauftragte. Dabei handelt es sich um dieselben Aufgaben in zwei Bistümern, die von der Zusammenarbeit profitieren. Von 2016 bis 2021 war Waser Balmer Ansprechperson des Fachgremiums gegen sexuelle Ausbeutung im Bistum St. Gallen.
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