Wenn ein «gottloser Verrückter» Papst Franziskus in die Mongolei begleitet

Der katalanische Schriftsteller Javier Cercas begleitete Papst Franziskus im September 2023 in die Mongolei. Daraus entstand das Buch «Le fou de Dieu au bout du monde». Es ist Erzählung und Reportage und von einer persönlichen Frage zur Auferstehung durchzogen. Interview mit einem «gottlosen Verrückten», der entdeckte, was Franziskus, den «Gottverrückten», antrieb.

Bernard Litzler, cath.ch

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas wird am 26. Mai in der Société de lecture de Genève zu Gast sein. Er wird mit dem Publikum über sein neuestes Buch sprechen: «Le fou de Dieu au bout du monde» (Ed. Actes Sud; deutsch: Der Gottverrückte am Ende der Welt). Er verrät cath.ch die Beweggründe, zunächst für diese Reise in die Mongolei im Gefolge des Papstes und anschliessend für das Verfassen dieses Buches.

«Es war das erste Mal, dass der Vatikan einem Schriftsteller seine Türen öffnete.

Warum haben Sie zugestimmt, mit Papst Franziskus in die Mongolei zu reisen?

Javier Cercas: Ich habe aus zwei Gründen zugestimmt. Erstens war es das erste Mal, dass der Vatikan einem Schriftsteller seine Türen öffnete. Das war eine aussergewöhnliche Gelegenheit: nicht nur, um in die Mongolei zu reisen, ein sehr exotisches Land. Aber der Vatikan ist noch exotischer als die Mongolei. Denn man vergisst oft, dass die katholische Kirche keine normale Institution ist. Es gibt in der Weltgeschichte keine einzige Institution wie sie: Sie war für unsere Zivilisation in politischer, historischer, kultureller und ethischer Hinsicht entscheidend. Wie hätte ich also dieses einmalige Angebot ablehnen können?

Zweitens hatte ich eine grundlegende Frage. Ich dachte an meine Mutter, die eine tiefgläubige Katholikin war. Als mein Vater starb, nach mehr als fünfzig gemeinsamen Lebensjahren, sagte sie immer wieder, dass sie ihn nach dem Tod wiedersehen würde. Ich fürchte, viele Christen haben diese Dimension vergessen, obwohl sie doch den Kern des Christentums ausmacht.

«Ich stellte dem Papst die Frage: Wird meine Mutter meinen Vater nach dem Tod wiedersehen?»

Das Buch handelt also davon: von einem gottlosen Verrückten wie mir, der wie den meisten von uns im Westen, die im Christentum erzogen wurden, es aber verloren haben, und der dem «Gottesverrückten», Papst Franziskus, folgt. Und ihm wie ein Kind eine Frage stellt, die zugleich einfach und komplex ist: Wird meine Mutter meinen Vater nach dem Tod wiedersehen?

Was bleibt Ihnen von dieser Reise in die Mongolei?

Cercas: Dieses Buch hat mein Leben völlig verändert. Mir bleibt eine völlig andere Sicht auf die katholische Kirche, das Christentum, den Vatikan, Papst Franziskus und mich selbst. Dieses Buch zu schreiben, war eine sehr schwierige Aufgabe. Ich musste meinen Blick reinigen, ohne Vorurteile zum Kern der katholischen Kirche vordringen und in den Vatikan und in die Mongolei reisen, um zu sehen, was die Kirche heute sagt – nicht, was ich glaube, dass sie sagt, nein, sondern was sie ist. Und diese Bemühungen haben dazu geführt, dass für mich alles neu geworden ist. Wäre ich gläubig, würde ich sagen, dass ein Wunder geschehen ist!

Der italienische Autor Enzo Bianchi sagte: Dieser Schriftsteller erinnert die Katholiken an Dinge, die sie vergessen hatten. Der Vatikan suchte jemanden, der den Katholizismus kennt, ihn aber von aussen betrachtet, um Dinge zu erkennen, die von innen schwerer erkennbar sind. Es ging um die Frage: Was sind heute die Schlüsselthemen innerhalb der Kirche? Und darum, grundlegende Fragen anzusprechen, wie die der Auferstehung des Fleisches und des ewigen Lebens.

Versuchen Sie mit Ihrer Untersuchung auch, das «Geheimnis Bergoglio» zu entschlüsseln, diesen Papst, der vom anderen Ende der Welt kam?

Cercas: Es ist eine Art «biografischer Essay» über Franziskus. Ich wollte den Papst so zeigen, wie er war: als Mensch, als sehr komplexen Mann. Ich glaube, er war sich seiner Fehler und Sünden sehr bewusst und hat ständig darum gekämpft, der bestmögliche Mensch zu sein. Aber letztendlich glaube ich, dass Franziskus der bestmögliche Bergoglio war.

«Überraschend war für mich zum Beispiel die Tatsache, dass Franziskus antiklerikal war.»

Was hat Sie bei Ihrer Recherchearbeit am meisten überrascht?

Cercas: Alles war für mich überraschend! Zum Beispiel die Tatsache, dass Franziskus antiklerikal war. Und die Kirche ist heute antiklerikal. Für ihn ist einer der Feinde der Kirche der Klerikalismus, der Krebs der Kirche, wie Franziskus sagte, nämlich dass der Klerus über den Gläubigen steht. Der Priester ist Teil der Herde. Er muss gleichzeitig vorne sein, um die Herde zu führen, in der Mitte, weil er Teil davon ist, und hinten, um denen zu helfen, die Mühe haben, mitzukommen. Aber niemals darüber! Das ist eine totale Katastrophe, daher rühren die Missstände in der Kirche, zum Beispiel der sexuelle Missbrauch.

«Diesen Sinn für Humor zu haben, ist revolutionär.»

Papst Franziskus war auch ein radikaler Mann, und er sagte, man könne kein Christ sein ohne Radikalität. Das Christentum ist eine Form der Radikalität, keine lauwarme oder gemässigte Lebensweise.

Cercas: Und was Franziskus auf aussergewöhnliche Weise lebte, war der Humor. Er sagte zu seinem Freund Lucio Connelli: «Das Lachen ist das, was der göttlichen Gnade am nächsten kommt.» Selbst für einen Agnostiker ist das grossartig, denn wenn man lacht, spürt man, dass man die Gnade Gottes hat. Diesen Sinn für Humor zu haben, ist revolutionär, denn man verbindet das Christentum nicht mit Lachen. Sogar das Gegenteil ist der Fall!

Sie waren im Herzen der Kirche, im Vatikan, und in der Mongolei. Ihr Blick verleiht ein breites Blickfeld…

Cercas: Franziskus hatte seinem jesuitischen Mitbruder Antonio Spadaro gesagt, er wolle Christus aus der Sakristei holen und ihn in den Mittelpunkt der Kirche und der Welt stellen. Das ist es, was die Kirche seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil will. Es geht darum, zum Christentum Christi zurückzukehren.

Man muss sich also daran erinnern, dass Christus ein revolutionärer Mann war, der subversive Dinge sagte. Er sagte: «Ich bin nicht gekommen, um Frieden zu bringen, sondern das Schwert.» Oder dass Männer und Frauen gleich sind, in einer Welt, die von Sklaverei beherrscht wird. Sein Umfeld bestand nicht aus Mächtigen, sondern aus demütigen, armen Menschen. Er wurde gekreuzigt, weil er ein gefährlicher Mann war.

Der französische Schriftsteller Charles Péguy schrieb, dem Christentum am fernsten sei der bürgerliche Geist. Wir haben diesen bürgerlichen Katholizismus erlebt, der mit der Macht verbunden war. Franziskus wollte zum ursprünglichen, antibürgerlichen Christentum zurückkehren, zu diesem radikalen Christentum. Und er fand dieses Christentum in der Peripherie, bei den Missionaren.

«Papst Franziskus wollte in seiner Jugend Missionar werden. Aus gesundheitlichen Gründen wurde ihm dies verwehrt.»

War die missionarische Dimension dieser Reise in die Mongolei also wichtig?

Cercas: Wenn man sich mit Missionaren am anderen Ende der Welt zusammenfindet, die bei fünfzig Grad unter Null leben, in einem Land, in dem niemand den Katholizismus kennt – mit jenen also, die ihre Familien, ihr Zuhause und ihre persönlichen Ambitionen aufgegeben haben, um zu helfen -, dann sieht man das ursprüngliche Christentum. Papst Franziskus wollte in seiner Jugend Missionar werden. Aus gesundheitlichen Gründen wurde ihm dies verwehrt. Also reist er in die Mongolei, sicherlich aus geopolitischen Gründen, aber vor allem, weil er dort das Christentum sah, das er sich für die gesamte Kirche wünschte.

Und welche Verbindung sehen Sie zwischen Papst Franziskus und Papst Leo?

Cercas: Franziskus war ein Unruhestifter in der Kirche: Er hatte Feinde, er schuf interne Spaltungen. Der Vatikan hat ihn unterstützt, aber für viele war Franziskus zu radikal. Er präsentierte sich als Mensch und sagte oft: «Betet für mich.» Das überraschte.

Zwischen den beiden Päpsten gibt es eine wichtige Sache, die zu wenig hervorgehoben wird. Papst Leo ist vor allem ein Missionar: Er war in Peru. Es gibt also eine Kontinuität zwischen den beiden Päpsten. Leo schlägt denselben Weg ein, allerdings in traditionellerer Form. (Übersetzung und Adaption: Regula Pfeifer)


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