Der Geist weht, wo er will

An Pfingsten feiern Christen die Entsendung des Heiligen Geistes und die Gründung der Kirche. Laut der biblischen Überlieferung geschah dies 50 Tage nach Ostern, als der Heilige Geist in Form von Feuerzungen auf die Jünger herabkam. Eine Meditation zu Pfingsten.

Mariano Delgado*

Die Bibel ist ein Buch mit sieben Siegeln, ihre Interpretation eine schwierige Kunst. Bis zur Renaissance war die antike Väterlehre vom vierfachen Sinn vorherrschend, wonach sich die Texte in einer Kombination des buchstäblichen Sinns mit dem allegorischen (auch mystischen), dem moralischen und dem eschatologischen auslegen liessen.

Instrumentarium für die Analyse

Mit der «wissenschaftlichen» Bibelhermeneutik hat man ein Instrumentarium für die Analyse der Entstehungsgeschichte und des «Sitz-im-Leben» der Texte entwickelt, aber keine Antwort auf die Grundfrage nach dem «Sinn» biblischer Texte für uns heute, hier und jetzt, gefunden.

Viele Seelsorger, mit dem Kopf voll von Bibelwissenschaft, sind oft ratlos, wenn sie bei der Auslegung der Texte in den Zuhörenden das Feuer für die Verwandlung der Welt und der Menschen im Sinne des Reiches Gottes entfachen sollen, das heisst, das Feuer vom Geist Gottes: Am Anfang der Welt schwebte er «über dem Wasser» (Gen 1,2), seine Weisheit hat nicht aufgehört, die «Kraft von einem Ende zum andern» zu entfalten (Weish 8,1).

Weht der Geist vor allem «in der Kirche»?

Für Christen war Jesus von Nazaret ein geisterfüllter Mensch und «Gottes Sohn». Er hat den seinen die Kraft des Heiligen Geistes verheissen (Apg 1,8), und als dieser herabkam, wurden alle «vom Heiligen Geist erfüllt» (Apg 2,4). Der Herr hatte freilich auch gesagt, dass «der Wind (des Geistes) weht, wo er will» (Joh 3,8); und seinen «Vater, Herr des Himmels und der Erde» hatte er gepriesen, «weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast» (Mt 11,25).

Trotzdem entstand in der Kirchengeschichte eine Mentalität, die das Wehen des Heiligen Geistes quasi institutionell band: Er weht zwar in der ganzen Welt, vor allem aber «in der Kirche», und darin besonders durch die institutionellen Vertreter, die am besten den Sinn des biblischen Wortes entschlüsseln können.

«Nein, auch ein Papst kann mit seiner Amtsgewalt den Glauben der Kirche nicht ändern, sondern nur feststellen und verkünden, woran diese glaubt.»

Daher sagte der Theologe Melchor Cano in seinem Werk De locis theologicis (1563) gegenüber dem Protestantismus, der die Bibel dem Volk geben wollte: «Die Kirche hütet also beides und wird immer beides hüten: sowohl das Wort als auch den Geist des Wortes». Sinnbildlich dafür steht die Taube des Heiligen Geistes als Symbol für die Cathedra Petri im Petersdom.

Gewiss, das Unfehlbarkeitsdogma ist eine theologisch komplizierte Angelegenheit, um sie in dieser kleinen Meditation diskutieren zu können. Sicherlich kann es aber nicht so verstanden werden, als könnte der Papst aus der Laune heraus wie ein absolutistischer Herrscher des «Ancien Régime» über Glauben und Moral entscheiden. Nein, auch ein Papst kann mit seiner Amtsgewalt den Glauben der Kirche nicht ändern, sondern nur feststellen und verkünden, woran diese glaubt – wozu nicht nur der Beistand des Heiligen Geistes gehört, sondern auch die nötige Klugheit bei der Unterscheidung der Geister im Volk Gottes.

Aus dem Blickfeld Verlorenes

Bei dieser quasi Institutionalisierung des Wehens des Heiligen Geistes ist die Spannung zwischen Universalismus und Partikularismus zugunsten des letzteren aufgelöst worden, wenn der Geist dann vor allem «in der Kirche» weht.

So tat sich die katholische Kirche oft schwer, wenn sie es mit «Fremdprophetie» in der modernen Welt (Menschenrechte, Religionsfreiheit, Arbeiterbewegung, Frauenbewegung…) oder mit Geistwirken in anderen Konfessionen und Religionen zu tun hatte. Ebenso ist im Schatten des Klerikalismus das Bewusstsein verloren gegangen, dass der Geist oft durch die Unmündigen und Einfältigen (die «Laien» im kirchlichen Sprachgebrauch bis zum 2. Vatikanischen Konzil) spricht.

Und schliesslich ist manchmal vergessen worden, dass zur Kunst der Bibelauslegung die Betrachtung der «gesamten» Bibel gehört, weil manche Aussagen durch andere erklärt werden, wenn man dabei den Grundsatz wahrt, dass wir bei der Bibelauslegung wie bei der Auslegung von wichtigen Texten überhaupt (etwa in Philosophie oder Rechtswissenschaft) «Absurdes» vermeiden sollten.

Dem Herrn die Hände binden?

Dies erfuhr Teresa von Ávila (1515-1582), eine geisterfüllte Person, an ihrem eigenen Leib. Der Theologe Luis de León schrieb 1588 im Vorwort zur ersten Ausgabe ihrer Werke: «Ich halte für sicher, dass an vielen Stellen der Heilige Geist aus ihr spricht, der ihre Hand und Feder führte». Aber zu Lebzeiten hatte sie vielfach mit Misstrauen seitens der Institution zu tun. Diese vertrat eine besondere Bibelauslegung, wonach es nicht Sache einer Frau sei, zu lehren, «sondern belehrt zu werden, wie der Apostel Paulus schreibt».

Bei Teresa von Ávila kann man lernen, dass wir nicht versuchen sollten, dem Herrn und seinem Geist die Hände zu binden. Als sie mit Bezug auf den Apostel Paulus von Klerus und Theologen immer wieder in die Schranken gewiesen wurde, weil sie nur eine Frau war, vernahm sie in einer inneren Audition diese tröstenden Worte des Herrn: «Sag ihnen, dass sie nicht nur auf einem Text der Schrift herumreiten, sondern auch andere anschauen sollen, und ob sie mir denn die Hände binden könnten».

«Die Kirche ist frei. Der Heilige Geist treibt sie an».

Angesichts der nötigen Kirchenreform unserer Zeit sollten wir uns auch fragen, ob diese nicht vorankommt, weil einige immer wieder versuchen, dem Herrn die Hände zu binden. Gottes Geist «weht, wo er will»… aber sein «Brausen» (Joh 3,8) wahrzunehmen, ist eine schwierige Kunst: Man braucht dazu die spirituelle Grundtugend der «Demut», die «Gabe der Unterscheidung der Geister» und, wenn es um Machtstrukturen geht, auch «Helden des Rückzugs» bzw. der Selbstbescheidung unter denjenigen, die die Kontrolle in der Hand halten und die Kirche «entklerikalisieren» könnten.

In der Kraft des Heiligen Geistes

Ein Held des Rückzugs, dem aber der Mut für die nötigen Entscheidungen letztlich fehlte, war Papst Franziskus. In seiner Homilie während der Heiligen Messe in Santa Marta vom 6. Juli 2013 hatte er uns ermutigt, «keine Angst vor der Neuheit des Evangeliums zu haben, keine Angst vor der Erneuerung zu haben, die der Heilige Geist in uns bewirkt, keine Angst vor der Erneuerung der Strukturen zu haben. Die Kirche ist frei. Der Heilige Geist treibt sie an».

Mit einem Wort des Mystikers Johannes vom Kreuz lud er uns in «Evangelii gaudium» (2013) zur immerwährenden kontemplativen Entdeckung der in Christus verborgenen Schätze ein. Johannes vom Kreuz empfiehlt, dass wir die Augen allein auf Christus bzw. auf den «gütigen und demütigen» Jesus (Mt 11,29) richten.

«Nicht das Evangelium ändert sich, sondern wir fangen an, es besser zu verstehen».

Für ihn waren «alle Schätze von Gottes Weisheit und Wissen» (Kol 2,3) in Christus so tief verborgen, «dass eigentlich das meiste noch ungesagt und sogar unverstanden» bisher geblieben ist, «so viele Geheimnisse und Wunderbares die heiligen Kirchenlehrer noch aufgedeckt» haben. Daher kann die Kirche, wenn sie sich in Christus vertieft und die Zeichen der Zeit in der Kraft des Geistes versteht, immer wieder Neues entdecken und sich im Sinne einer lebendigen Überlieferung reformieren oder neuausrichten. Johannes XXIII. sagte bekanntlich: «Nicht das Evangelium ändert sich, sondern wir fangen an, es besser zu verstehen».

Beten wir vielleicht zu wenig?

Was ist denn los mit uns Christen, vor allem mit den Theologen, dem Klerus und den Bischöfen? Beten wir vielleicht zu wenig kontemplativ, wenn wir für unsere Zeit so wenig Neues in Christus und in der Heiligen Schrift entdecken, während die Welt in Flammen steht, Kirche und Theologie an Glaubwürdigkeit verlieren und die Evangelisierung dadurch schwieriger wird?

Was wird man am Ende dieses Jahrhunderts von uns denken? Wird man uns nicht vorwerfen, dass wir bei der Reform der Kirche, die, wie der Mailänder Kardinal Carlo Maria Martini sagte, seit mehr als zweihundert Jahren ansteht, nicht den Sprung nach vorn gewagt haben?

Das wesentliche Problem der Kirchenreform ist dies: Verstehen wir die Kirchengeschichte als die blosse materielle Entfaltung der Substanz oder des Schatzes der Anfänge, so dass Evolutionen oder Neuentwicklungen nur in Kontinuität mit der Tradition bei kleinen Diskontinuitäten im Nebensächlichen möglich sind – oder ist die Kirche angesichts der Zeichen der Zeit auch frei, neue Traditionen zu inaugurieren, weil wir in der Kraft des Geistes aus den in Christus verborgenen Schätzen zum Wohle der Evangelisierung «Neues» (Mt 13,52) zutage fördern können?

Die Antwort darauf kann man nicht mit immer neuen Arbeitsgruppen und Kommissionen vertagen, die dem theologischen Pluralismus nicht entsprechen und letztlich sagen, was man hören möchte. Es ist eine Grundfrage des Überlieferungsverständnisses. Geht es dabei um die Bewahrung der Asche, oder um die Rettung des Feuers, wie Gilbert Keith Chesterton anmahnte?

*Mariano Delgado ist em. Prof. für Kirchengeschichte an der Theologischen Fakultät Freiburg. Vom 11.-13. Juni 2026 hat er gemeinsam mit Volker Leppin und Lorenzo Planzi eine interdisziplinäre Tagung über das «Reformprinzip» in der Kirchengeschichte organisiert.


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