Peter G. Kirchschläger: «Schweiz müsste für deutlich mehr Menschen in Not Asyl bieten»

Europa habe eine «Sündenbock»-Mentalität, wenn es um Asylsuchende geht, sagt Peter G. Kirchschläger. Seine neuste Studie zeigt: Es gibt genügend Platz und Ressourcen, um Menschen aufzunehmen – pro Gemeinde nur zwölf Geflüchtete. Der Luzerner Ethikprofessor übt scharfe Kritik an Politik und Medien.

Jacqueline Straub

Sie haben eine neue auf Englisch erschienene Studie unter dem Titel «Asyl suchen, nicht als Sündenbock herhalten» herausgegeben. Was war der Anlass?

Peter G. Kirchschläger*: Anlass dieser Studie war, dass sehr viele Menschen auf der Flucht und in Migration sterben, dass ihre Menschenrechte verletzt werden und dass sie unfassbare Gewalt, Vergewaltigung, unmenschliche Ausbeutung und Ungerechtigkeit erleiden. Wenn wir die Menschenrechte von Menschen auf der Flucht und in Migration missachten und ihr Leid zulassen, werden eines Tages unsere Kinder, Enkelkinder und Urenkelkinder unsere Menschlichkeit anzweifeln, indem sie uns mit der Frage konfrontieren: Wie konntet ihr dieses Unrecht und Leid nur zulassen?

Wie definieren Sie das «Prinzip der Verletzbarkeit» als Basis zur Begründung von Menschenrechten, insbesondere des Asylrechts?

Kirchschläger: Das Prinzip der Verletzbarkeit umfasst, dass sich Menschen ihrer eigenen Verletzbarkeit bewusstwerden können. Denn beispielsweise kann jeder jederzeit krank oder hilfsbedürftig werden. Weil niemand weiss, wann und wie schwer es ihn trifft, ist es rational, Menschenrechte für alle zu sichern – um im Ernstfall selbst geschützt zu sein.

In Ihrer Studie nennen Sie die Zahl von 981’319 Asylsuchenden in der EU im Jahr 2024. Sie schlagen eine Verteilung auf 86’061 Gemeinden vor – rechnerisch zwölf Personen je Gemeinde. Wie wurde diese Zahl hergeleitet und wie berücksichtigen Sie Grossstädte und sehr kleine Gemeinden?

Kirchschläger: Wenn man alle Menschen auf der Suche nach Asyl gleichmässig auf alle Gemeinden verteilen würde, ergäbe dies zwölf Personen pro Gemeinde. Grossstädte wie Rom mit einer Bevölkerung von 2,76 Millionen oder Berlin von 3,9 Millionen werden dabei ebenfalls als nur eine Gemeinde gerechnet.

«Das ergäbe in der Schweiz zwölf Personen pro Gemeinde»

Es wären also genügend Platz und Ressourcen für Menschen in Not da.

Kirchschläger: Zudem gäbe es, denken Sie beispielsweise an Rom und Berlin, einen erheblichen Spielraum für einen möglichen Ausgleich bei sehr kleinen Gemeinden. Europa – und da gehört die Schweiz dazu – müsste also für noch deutlich mehr Menschen in Not Asyl bieten. 2025 gab es in der Schweiz 25’781 Asylgesuche. Verteilt auf die 2’110 Schweizer Gemeinden, ergäbe das in der Schweiz zwölf Personen pro Gemeinde.

Das Thema Asylsuchende ist ein Dauerbrenner. Obwohl Ihre Zahlen gering erscheinen, ist die öffentliche Wahrnehmung eine ganz andere.

Kirchschläger: Im Jahr 2024 entstanden den EU-Mitgliedstaaten wegen schädlicher Steuervermeidung durch Unternehmen Verluste in der Höhe von 100 Milliarden Euro. Wie oft haben Sie schon von diesem enormen Diebstahl gehört?

Ehrlich gesagt: Nicht sehr oft.

Kirchschläger: Und wie oft pro Woche hören oder lesen Sie von einer politischen Debatte über Menschen, die fliehen und Asyl suchen? Obwohl der finanzielle Raub von Steuergeldern für Europa inklusive Schweiz von so grosser Bedeutung ist, da diese Mittel für die Finanzierung von staatlichen Kernaufgaben wie zum Beispiel Gesundheitsversorgung, Bildung, Forschung und Wissenschaft fehlen, wird er erstaunlicherweise vernachlässigt, während Menschen auf der Flucht und in Migration im öffentlichen und politischen Diskurs sowie medial überrepräsentiert und negativ konnotiert sind. Das Thema Asyl und Migration wird von gewissen politischen Parteien und gewissen Politiker und Politikerinnen gezielt und bewusst künstlich vergrössert.

«Gewisse Medien blasen die Bedeutung des Themas Asyl und Migration künstlich auf.»

Weshalb?

Kirchschläger: Weil es einfacher ist, Unschuldige zu Sündenböcken zu machen, als reale Probleme zu lösen. Gewisse Medien sowie Social Media-Plattformen – Letztere wären besser als asoziale Medien zu bezeichnen, weil sie von Anfang an als Suchtprodukte konzipiert worden sind – blasen die Bedeutung des Themas Asyl und Migration künstlich auf, um Wut, Zorn und Hass zu schüren und so über mehr Klicks mehr Profit zu generieren.

Wo liegt die Verantwortung?

Kirchschläger: Aus ethischer Sicht ist es die Verantwortung eines Staates, einer Regierung, von Politikern sowie aller Menschen, bestehende ethische Probleme konsequent und gewissenhaft anzugehen. Wenn es Bedenken hinsichtlich beispielsweise der Sicherheit, Sorgen um den Arbeitsplatz, mangelnder Inklusion oder unzureichender Sprachkenntnisse geben sollte, sollten nicht Menschen auf der Flucht und in Migration künstlich als Ursache dieser Probleme hingestellt werden. Vielmehr sollte die unzureichende politische Behandlung dieser Themen als eigentliche Wurzel dieser Probleme benannt sowie diese Probleme konkret, professionell und nachhaltig angepackt werden. Zur Veranschaulichung: Wenn es beispielsweise in einer Schulklasse mit Erstsprache Deutsch bei vielen Kindern an Kenntnissen der Erstsprache Deutsch mangelt, sollte man nicht die Kinder selbst künstlich zum Problem machen, sondern vielmehr den Mangel an angemessenen Lernmöglichkeiten.

Was schlagen Sie vor?

Kirchschläger: Diesem Mangel sollte man entgegenwirken, beispielsweise durch die Verbesserung der Lehrpensen und spezifischen Lehrkompetenzen (etwa Vermittlung von Deutsch als Zweitsprache) in diesen Schulklassen. Wenn manche Menschen Vorurteile gegenüber Menschen auf der Flucht und in Migration haben, sollten Bewusstseinsbildungs- und Aufklärungsprogramme zum Abbau dieser Vorurteile durchgeführt werden. Wenn es an Inklusion mangelt, sollten Programme für Menschen auf der Flucht und in Migration sowie für Menschen, die mit ihnen zusammenleben, angeboten werden, die Inklusion fördern und unterstützen.

Welche Rolle spielen dabei mediale Stereotype oder rechte Parteien?

Kirchschläger: Mediale Stereotypen und rechte Parteien spielen dabei leider eine wesentliche, ethisch höchst problematische Rolle und verstärken sich dabei wechselseitig. Mediale Stereotypen erweisen sich leider als entscheidender Faktor, dass Asyl, Flucht und Migration negativ konnotiert sind, obwohl dafür jegliche sachliche Grundlage fehlt und für Asyl, Flucht und Migration ethisch begründbare menschenrechtliche Ansprüche bestehen – zum Schutz der Menschenwürde aller Menschen. Dieses ethisch inakzeptable Handeln erreicht wegen asozialen Medien eine noch verheerendere Wirkung und wird gleichzeitig dadurch noch zusätzlich befeuert, da Menschen wegen Wut, Zorn und Hass länger und aktiver auf diesen Plattformen bleiben und somit die Technologiekonzerne dahinter mehr Geld verdienen.

«Sorgen der Menschen sind aus ethischer Perspektive sehr ernst zu nehmen.»

Menschen auf der Flucht und in Migration werden für alles Mögliche verantwortlich gemacht, etwa für Folgen der letzten Finanzkrise.

Kirchschläger: Doch dies war kein Werk von Menschen auf der Flucht und in Migration, sondern Folge von fehlender Regulierung von Banken und Finanzinstituten; beispielsweise für Wohnungsnot und hohe Lebenskosten. Oder die Streichung von Jobs. Das ist kein Resultat von Menschen auf der Flucht oder in Migration, sondern eine Folge der Globalisierung sowie des Einsatzes von sogenannter «KI».

Können Sie nachvollziehen, dass hierzulange Menschen «Angst» haben vor Flüchtlingen?

Kirchschläger: Dass Menschen in der Schweiz in ihrem Alltag mit Problemen zu kämpfen haben, sich Sorgen über ihre Zukunft machen und sich möglicherweise nicht sicher fühlen, ist aus ethischer Perspektive sehr ernst zu nehmen. Dass Menschen auf der Flucht und in Migration damit etwas zu tun haben sollen, kann ich nicht verstehen. Stattdessen braucht es konkrete Lösungen, etwa mehr Polizeipräsenz und konsequente Sanktionen im Rahmen des Rechtsstaats. Pauschale Schuldzuweisungen helfen nicht.

Im Jahr 2024 starben mindestens 8938 Menschen auf Migrationsrouten. Inwiefern machen Sie die aktuelle Politik mitverantwortlich?

Kirchschläger: Das ist schrecklich und absolut inakzeptabel! Diese Todesfälle sind leider das Ergebnis der öffentlichen und politischen Debatte sowie derzeitiger politischer Entscheidungen und Handlungen gegenüber von Menschen auf der Flucht und in Migration. Dies muss sich dringend und grundlegend ändern.

Und wie?

Kirchschläger: Ethisch begründbare Massnahmen, darunter unter anderem sichere und humane Transitrouten sowie die Weiterentwicklung des Migrations- und Asylrechts mit erweiterten Schutzgründen (etwa Hunger, Klima), könnten solche Todesfälle in Zukunft verhindern und sollten daher umgehend umgesetzt werden.

Sie sagen, wichtige Werte wie Freiheit, Gleichheit und faire Chancen werden bei Migration oft vergessen. Wie kann man das ändern, sodass diese Werte in der öffentlichen Diskussion wieder stärker berücksichtigt werden?

Kirchschläger: In der Tat werden ethische Werte wie Freiheit, Gleichheit und faire Chancen ethisch begründbar auf alle Menschen angewandt. Bei Menschen auf der Flucht oder in Migration wird jedoch eine willkürliche und ethisch nicht begründbare Ausnahme gemacht.

Wie können wir das ändern?

Kirchschläger: Wir müssen diese Willkür beim Namen nennen. Etwa müssen wir die Willkür von Grenzen aus ethischer Sicht anerkennen und diese Erkenntnis in unseren politischen Entscheiden und Handeln berücksichtigen: Niemand kann sich aussuchen, auf der einen oder der anderen Seite einer Grenze geboren zu werden. Diese Willkür von Grenzen untermauert auch die Willkür der Unterscheidung (und der damit verbundenen Zuteilung von verschiedenen Rechtsansprüchen) zwischen Menschen auf der Flucht und Menschen, die Asyl suchen, einerseits und Menschen in Migration andererseits.

Was erhoffen Sie sich durch Ihre Studie?

Kirchschläger: Ich hoffe, dass diese wissenschaftliche Stimme aus der Ethik in der Politik und Öffentlichkeit Gehör findet und dass Parlamente, Regierungen und Bürgerinnen und Bürger möglichst bald dafür sorgen, dass diese aktuellen Menschenrechtsverletzungen gestoppt werden und Menschen auf der Flucht und in Migration nicht als Zahlen, sondern als Menschen und somit als Trägerinnen und Träger von Menschenwürde und Menschenrechte behandelt und respektiert werden.

* Peter G. Kirchschläger Professor für Theologische Ethik und Leiter des Instituts für Sozialethik ISE an der Universität Luzern.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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