KI sei mit Dir? «Menschen sehnen sich nach echten Begegnungen, nicht nach perfekt formulierten, seelenlosen Texten»

Dürfen Seelsorgende und Priester für ihre Sonntagspredigt auf Künstliche Intelligenz zurükgreifen? Franziskus Knoll ist Professor an der Theologischen Hochschule in Chur und Homiletik-Experte. Er lehnt KI nicht so kategorisch ab wie Papst Leo XIV. und findet ChatGPT als Werkzeug durchaus akteptabel.

Wolfgang Holz

Herr Professor Knoll, kennen Sie Priester, die auf ChatGPT zurückgreifen, wenn sie Ihre Sonntagspredigt vorbereiten?

Franziskus Knoll*: Ehrlich gesagt habe ich noch keinen Prediger und keine Predigerin danach gefragt. Deshalb kann ich nur Vermutungen über den Einsatz von KI bei anderen anstellen. Ich denke schon, dass manche KI nutzen, um erste Gedanken und Ideen zu finden. 

«KI kann inspirieren, aber nicht ersetzen.»

Ist es denn verwerflich, ChatGPT für eine Predigt zu benützen, solange die Predigt gehaltvoll, interessant und ansprechend ist, oder wenn ChatGPT als Themenspender eingesetzt wird?

Knoll: Verwerflich ist ein starkes Wort. Ich würde sagen: Es kommt darauf an. Wenn jemand die Predigt komplett von ChatGPT schreiben lässt und sie dann nur vorliest – ja, das halte ich für problematisch, denn dann fehlt die eigene Motivation und auch die spirituelle Durchdringung. Aber als Werkzeug – etwa um aktuelle Bezüge herzustellen, die Predigt anders zu gliedern, um schwierige Bibelstellen anders zu formulieren – kann es durchaus hilfreich sein. Nichts anderes wollen und sollen ja auch Predigthilfen leisten.  

«KI halluziniert oder konstruiert manchmal Aussagen oder Zusammenhänge, die einfach theologisch nicht stimmen.»

Entscheidend ist also letztlich, dass ich mich als Predigerin und Prediger inspirieren lassen kann und mir zugleich bewusst halte, dass die letzte Verantwortung für Inhalt, Botschaft und pastorale Wirkung bei mir liegt. Oder anders: KI kann inspirieren, aber nicht ersetzen.

Thematisieren Sie in Ihren Homiletik-Seminaren und Vorlesungen das Thema KI und Sonntagspredigt und was empfehlen Sie Ihren Studentinnen und Studenten im Priesterseminar zu diesem Thema?

Knoll: Für das Thema KI und Predigtvorbereitung sollte ich mal eine eigene Einheit in der Lehre ansetzen. Das ist ein guter Impuls. Bisher läuft das Thema irgendwie mit und kommt immer mal wieder zur Sprache.

«Ich kann die apodiktische Ablehnung unseres Papstes in dieser Sache ehrlich gesagt nicht nachvollziehen.»

Ich erkläre den Studierenden, dass es wichtig ist, den KI-Text als Rohmaterial zu nutzen, den ich zu meinem Text machen muss: Berührt mich das, was mir da vorgeschlagen wird? Ist das wirklich meine Art der Auslegung und theologische Position? Kann ich dahinter mit Überzeugung stehen? Habe ich die Fakten überprüft? Denn: KI halluziniert oder konstruiert manchmal Aussagen oder Zusammenhänge, die einfach theologisch nicht stimmen.

Es gibt Theologen, die überzeugt sind, dass KI durchaus in der Lage sei, Bibelauslegungen im Rahmen einer Predigt vorzunehmen, allerdings könne KI nicht verkündigen im Sinne einer Predigt. Sehen Sie das auch so?

Knoll: Ich kann die apodiktische Ablehnung unseres Papstes in dieser Sache ehrlich gesagt nicht nachvollziehen, der sich im Februar 2026 nachdrücklich gegen die Verwendung von Künstlicher Intelligenz beim Schreiben von Predigten ausgesprochen hat. Denn KI – so der Papst – sei nicht in der Lage sei, den Glauben weiterzugeben, was doch die Kernaufgabe einer Predigt darstelle.

«Eine KI kann Worte produzieren, aber sie kann nicht zeugen von dem, was sie selbst erfahren hat.»

Ich bin davon überzeugt, dass eine KI exegetische Daten, verschiedene Auslegungstraditionen zusammenfassen oder sogar sprachliche Verbesserungen vorschlagen kann. Daher ist doch die Frage: Wie nutze ich dieses neue Tool kritisch-konstruktiv für meine Predigtvorbereitung. Und ja natürlich: Die Verkündigung läuft über die jeweilige Person ihren Mut, ihre Empathie, ihre Leidenschaft und der eigenen biographischen Prägung. Oder anders: Eine KI kann Worte produzieren, aber sie kann nicht zeugen von dem, was sie selbst erfahren hat. Sie kann nicht sagen: «Das habe ich an meinem eigenen Leben so und so erfahren.» Aber genau das macht ja eine gute Predigt aus.

Wie lautet Ihre Empfehlung in Sachen KI und Sonntagspredigt unterm Strich?

Knoll: Nutzen Sie KI wie ein Nachschlagewerk, eine Predigthilfe oder andere Ideengeber, aber nicht wie einen Ghostwriter. Bleiben Sie persönlich, bleiben Sie nah an Ihren Zuhörerinnen und Zuhörern.

«Eine Predigt, die aus der Stille der Vorbereitung, aus dem eigenen Ringen mit Gott, der Gesellschaft, der Theologie und Kirche entsteht, wird immer tiefer und überzeugender wirken als die eloquenteste KI-Ausgabe.»

Die Menschen sehnen sich nach echten Begegnungen, nicht nach perfekt formulierten, aber seelenlosen Texten. Eine Predigt, die aus der Stille der Vorbereitung, aus dem eigenen Ringen mit Gott, der Gesellschaft, der Theologie und Kirche entsteht, wird immer tiefer und überzeugender wirken als die eloquenteste KI-Ausgabe.

*Professor Franziskus Knoll OP ist Lehrstuhlinhaber für Pastoraltheologie und Homiletik an der Theologischen Hochschule in Chur.


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