Neues Buch von Erwin Kräutler füllt hierzulande eine Lücke

In seinem Buch über die «Prophetische Kirche in Amazonien» beschreibt der im Vorarlbergischen aufgewachsene emeritierte brasilianische Bischof Erwin Kräutler den Kampf der Kirche für Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung. Da die Befreiungstheologie in der Öffentlichkeit bei uns kaum noch wahrgenommen wird, leistet das Buch einen wichtigen Beitrag.

Walter Ludin

Propheten sagen die Zukunft voraus: Ein Blick in die Bibel – und auf die biblisch geprägte Spiritualität – zeigt allerdings, dass diese landläufige Auffassung falsch ist. Anders fasst der emeritierte brasilianische Bischof Erwin Kräutler die Aufgabe des Propheten.

In seinem Mitte März in Luzern erschienenen Buch* schreibt er: Ein prophetischer Mensch «ist von Gott dazu berufen, jemandem oder dem Volk dessen Plan zu übermitteln». Dazu gehört wesentlich die Kritik an menschenfeindlichen Zuständen.

Das soziale Engagement der Kirche

Aus eigener Erfahrung weiss der Bischof, dass eine Kirche, die in diesem Sinne prophetisch ist, auf teilweise lebensbedrohliche Widerstände stösst. Manche verwechseln prophetisch mit politisch, politisierend. Sie klagen die Kirche an, «revolutionäre Ideen zu unterstützen». Ihr Motiv: Sie wollen ein System aufrechterhalten, das verantwortlich ist für die Armut und das Elend vieler Menschen.

Der Hauptteil des vorliegenden Buches zeigt anhand zahlreicher Beispiele auf, wie die lateinamerikanische Kirche in vielen Versammlungen die menschunwürdigen Zustände auf dem Kontinent kritisierte und dabei unermüdlich Lösungsvorschläge erarbeitete. Im Laufe der Jahrzehnte kam dabei immer mehr das Schicksal der bedrohten indigenen Völker und der Schöpfung ins Blickfeld.

Die grossen Leitlinien Kräutlers

Die in Peru Theologie dozierende Ordensfrau Birgit Weiler schrieb die knapp 20seitige Hinführung ins Buch. Es gelingt ihr hervorragend, das 60 Jahre umfassende Wirken des «in Österreich geborenen Brasilianers» (Eigenbezeichnung Erwin Kräutlers) in seinen grossen Leitlinien zu skizzieren.

Zuerst erklärt sie die Spiritualität seiner Ordensgemeinschaft der «Missionare vom Kostbaren Blut», deren Name hierzulande vielen seltsam anmutet. Sie bedeute für ihn, «Jesus Christus nachzufolgen, der sein Blut am Kreuz vergossen hat, um die Mauern der Feindschaft niederzureissen, uns von Gewalt und allem Bösen sowie vom Tod zu befreien und uns Leben in Fülle zu schenken».

Priester als Helfer der Armen

Die besondere Aufmerksamkeit von «Dom Erwin» galt von Anfang an den indigenen Völkern. Wie er anlässlich seiner Dankesrede für den ihm verliehenen Herbert Haag-Preis (22. März in Luzern) erzählte, wollte man ihm gleich nach seiner Ankunft in Brasilien beibringen, er möge die «Indianer» vergessen, da sie ja bald ausgerottet wären.

Dies war für ihn erst recht eine Motivation, für ihr menschenwürdiges Überleben zu kämpfen. Er wurde Mitbegründer des einflussreichen katholischen Missionsrates für die indigenen Völker (CIMI) und war während 17 Jahren dessen äusserst aktiver Präsident. Bald wurde er ein enger Vertrauter der Indigenas. Sie betonten: «Der Bischof ist kein Weisser. Er ist unser Verwandter.»

Weiter erinnert Birgit Weiler daran, dass neben der Option für die Armen und die Urvölker bald der Einsatz für die Bewahrung der Schöpfung ein Schwerpunkt von Kräutlers Wirken wurde. Er erkannte früh, dass die Gewalt gegen die Armen «eng mit der Unterdrückung und Ausbeutung der Erde zusammenhängt und es darum notwendig ist, auf den Schrei der Erde und den Schrei der Armen zu hören und im Geiste Jesu darauf zu antworten». Bekanntlich vertrat diese Position auch Papst Franziskus, wohl auch unter dem Einfluss Kräutlers.

Märtyrerinnen und Märtyrer Amazoniens

Nach der Hinführung durch Birgit Weiler beginnt der Autor seine Ausführungen unter dem Titel «Verachtet prophetisches Reden nicht» (1 Thess 5.20).

Nach den bibeltheologischen Grundlagen folgt der Hauptteil des Buches «Prophetische Reden in der Kirche Amazoniens» (49–106). Erwin Kräutler skizziert die Inhalte zahlreicher Pastoral- und Bischofstreffen. An den meisten hat er selbst teilgenommen und sie vielfach durch wesentlich Beiträge bereichert.

Bei der Vorstellung vieler weiterer Treffen gelingt es dem Bischof, ganz konkret die Missstände zu benennen, unter denen der Kontinent, vor allem Amazonien leidet. Zu kurz kommen aber auch die Auswege nicht, welche die Bischöfe unter Beizug von Fachleuten arbeitet haben. Abgerundet wird die Darstellung prophetischen Redens durch Hinweise auf entsprechende Beiträge von Päpsten, besonders von Papst Franziskus, der die Amazonas-Synode einberufen und das nachsynodale Schreiben «Querida Amazonia/Geliebtes Amazonien» verfasst hat.

Nicht unerwähnt sie hier das kurze, aber äusserst eindrückliche Kapitel über die Märtyrerinnen und Märtyrer Amazoniens (107–116). Sie wurden umgebracht, weil sie sich für soziale Gerechtigkeit und den Erhalt der Amazonas-Region für kommende Generationen eingesetzt haben. Kräutler beschränkt sich hier auf sechs Personen, mit denen er zusammengearbeitet hat. Und wie er an anderer Stelle erzählt, haben seine Gegner zwei Mal es fast geschafft, ihn umzubringen.

Ruheloser Bischof

Erwin Kräutler lässt sein Buch mit einer amüsanten Anekdote enden: Als er vor Jahren in Deutschland sich auf die Fragen einer Journalistin einliess, ergab sich folgender Dialog: «‹Ihr Alter?› – ‹Zweiundsiebzig!› – ‹Also im Ruhestand?› ‹Nein, noch immer aktiv!›. Die Dame war überrascht und reagierte etwas schroff: ‹Sie kleben also an Ihrem Sessel und nehmen damit andern den Arbeitsplatz weg!› – ‹Gute Antwort›, erwiderte ich, ‹aber dort, wo ich lebe und arbeite, reisst sich niemand um meinen Job.›»

*Erwin Kräutler: Prophetische Kirche in Amazonien. Indigene Völker und Ökologie.  Edition Exodus Luzern 2026, 152 Seiten.


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