Bischof Erwin Kräutler: «Was ich tun kann, werde ich für die Indios tun»

Am Sonntag ist Erwin Kräutler mit dem Herbert-Haag-Preis ausgezeichnet worden. Jetzt spricht er im Podcast «Laut + Leis» über sein lebenslanges Engagement für den Regenwald in Amazonien und die Rechte der Indios und sagt, weshalb er heute auf Polizeischutz verzichtet.

Sandra Leis

Bis am Abend vor dem vereinbarten Interview-Termin war nicht definitiv klar, ob es tatsächlich klappen würde. Denn die Reise von Brasilien ins österreichische Bundesland Vorarlberg, wo er aufgewachsen ist, und die damit verbundene Klimaveränderung setzten Bischof Erwin Kräutler zu.

Der 86-Jährige musste seine Kräfte bündeln und vor allem fit sein für die Verleihung des Herbert-Haag-Preises in der Luzerner Lukaskirche. Am Morgen danach treffen wir uns im Hotel, und Dom Erwin, wie er liebevoll von den Einheimischen in seinem Bistum Xingu genannt wird, ist parat.

Von Koblach nach Brasilien

Aufgewachsen ist er mit fünf Geschwistern in Koblach, wo Brasilien geografisch weit weg ist und dank Erzählungen zweier Onkel doch vertraut. Die beiden reisten 1934 nach Brasilien aus; der eine war Priester und wurde später Bischof, der andere «war so etwas wie Laienhelfer», sagt Kräutler.

Einunddreissig Jahre später tut er es den beiden Onkel gleich: Vier Monate nach der Priesterweihe reist Erwin Kräutler nach Brasilien. Damals habe es in Österreich noch genügend Priester gegeben. «Jeder ist dem anderen auf die Zehen getreten. Für mich war klar: Ich will dorthin, wo kaum Priester sind und Feuer im Dach ist.»

Überraschende Prognose

Er habe gewusst: «Das ist meine Berufung. Hier, im brasilianischen Amazonien, will ich mein Leben verbringen und mich für die indigenen Völker und den Regenwald einsetzen.» Um so überraschter sei er gewesen, als zwei Männer zu ihm sagten, das lohne sich nicht, in zwanzig Jahren gebe es die Indios sowieso nicht mehr. 

«Das war ein Schock für mich.» Er habe sich gesagt: «Es hängt nicht von mir ab, aber was ich tun kann, werde ich für die Indios tun, damit sie leben und überleben können.»

«Der jetzige Kongress ist eine Katastrophe»

Das hat er gemeinsam mit vielen Brüdern und Schwestern gemacht. Noch heute empfindet er es «als ein Wunder», dass 1988 die Rechte der indigenen Bevölkerung in die brasilianische Verfassung aufgenommen wurden. 

Diese Gesetze sind bis heute in Kraft, und der Oberste Gerichtshof lehne konsequent jede Änderung ab, denn «Abgeordnete im Kongress versuchen die Verfassungsartikel 231 und 232 auszuhebeln oder wenigstens zu lockern. Der jetzige Kongress ist eine Katastrophe. Wir hoffen, dass er heuer ein anderes Gesicht bekommt.»

An Leib und Leben bedroht

Das Engagement für die Rechte der Indios und den Regenwald, von dem heute etwa die Hälfte «noch mehr oder weniger intakt» sei, hatte seinen Preis. «Es floss Blut, einige Brüder und Schwestern wurden brutal ermordet», sagt Kräutler.

Er selbst überlebt 1987 einen inszenierten Autounfall nur knapp, während sein Mitbruder auf der Stelle tot ist. Kräutler erinnert sich noch heute daran, wie er nach sechs Wochen Spital in den Spiegel blickt und sagt: «Hoffentlich schau ich eines Tages wieder normal aus.»

16 Jahre unter Polizeischutz

Als schliesslich ein Kopfgeld auf Bischof Kräutler ausgesetzt wird, erhält er Polizeischutz. Tag und Nacht begleiten ihn zwei bis vier «sehr gut ausgebildete» Polizisten zu Land und auf dem Wasser durch sein Bistum, das so gross war wie Deutschland.

16 Jahre lang lebt er unter Polizeischutz, seit 2022 verzichtet er darauf: «Menschen, die mich früher bedroht haben, klopfen mir heute auf die Schultern und sagen: ‹Sie haben recht gehabt. Was Sie prophezeit haben, ist eingetroffen.›» Deshalb habe er gedacht, «jetzt schützen mich auch meine einstigen Gegner».

Er schreibt auf Portugiesisch

Ans Aufgeben habe er nie gedacht – auch nicht in den härtesten Zeiten. «Ich bin seit vielen Jahren so gut integriert bei den Indios und den anderen Bewohnern am Xingu, da gibt es kein Zurück mehr.»

Sein neustes Buch mit dem Titel «Prophetische Kirche in Amazonien» ist auf Deutsch übersetzt seit wenigen Tagen im Handel. Geschrieben hat Kräutler es auf Portugiesisch.

Das ist typisch für ihn. Er spricht fliessend portugiesisch und hat auch mehrere Sprachen der Indios gelernt. «Ich muss mich mit den Menschen in ihrer Muttersprache verständigen können», sagt Kräutler und schreibt mit Blick auf das Evangelium im Buch an mehreren Stellen von «Inkulturation».

Was er damit meint, fasst er im Podcast «Laut + Leis» so zusammen: «Inkulturation verlangt, dass ich von der Kultur und den Erfahrungen der Indios ausgehe und ihnen das Evangelium vorstelle als etwas, das bereichert und nicht ihre kulturellen Ausdrucksformen ersetzen will.» Er wolle absolut nicht, dass die Indios ihre Kultur aufgeben müssen, wenn sie sagen: Ich werde Christ.

Die Bedeutung von Karfreitag

In den nächsten Tagen fliegt Bischof Kräutler zurück nach Brasilien, um mit den Gläubigen die Karwoche zu feiern. Karfreitag sei immer ein Höhepunkt. «Denn die Leute identifizieren sich viel mehr mit dem Leiden und dem gekreuzigten Herrn als mit dem auferstandenen.»

Das sei verständlich, denn für viele Indios sei Jesus zwar auferstanden, doch ihre Auferstehung von all ihrem Leid sei noch nicht erfolgt. «Sie kennen das Leiden unseres Herrn aus eigener Erfahrung.»

Das neue Buch von Erwin Kräutler:
«Prophetische Kirche in Amazonien. Indigene Völker und Ökologie». Aus dem Portugiesischen von Monika Ottermann. 152 Seiten, Edition Exodus, Luzern 2026.


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