In seinem Fastenvortrag in der Luzerner Jesuitenkirche legte Christian Rutishauser dar, dass es interessant sein kann, die neutestamentlichen Schriften aus jüdischer Perspektive zu lesen. Es eröffne sich so eine Dimension, die lange unentdeckt geblieben sei, erklärte der an der theologischen Fakultät der Universität Luzern tätige Judaistik-Professor.
Francesco Papagni
Das Alte Testament (AT) ist Teil der Bibel, das Christentum liest es mit christlichen Augen. Mittlerweile ist ein Bewusstsein dafür entstanden, dass es auch eine jüdische Lesart gibt. Doch lässt sich auch das Neue Testament (NT) als jüdischer Text lesen? Das ist ein Zugang, der erst in kleinen, akademischen Zirkeln praktiziert wird.
In der Jesuitenkirche Luzern anlässlich des dritten und letzten Fastenvortrags am Sonntag zeigte Christian Rutishauser anschaulich, welche Erkenntnisse sich durch diesen Zugang gewinnen lassen. Rutishauser leitet als Professor an der theologischen Fakultät der Universität Luzern das Institut für Jüdisch-Christliche Forschung.
1938 in einer Zeit der sich verschärfenden Judenverfolgung in Deutschland schrieb der Rabbiner Leo Baeck über «Die Evangelien als jüdische Glaubenszeugnisse». In den USA wird dieser Ansatz heute breit diskutiert unter dem Titel «New Testament within Judaism». Das NT als Ganzes ist christlich und wird vom Judentum nicht geteilt, die Autoren waren jedoch messianische Juden. Ihre heilige Schrift war die hebräische Bibel, das gilt namentlich auch für Paulus.
Das lange gängige Urteil, Paulus habe das Christentum begründet, gilt heute als widerlegt. Jesus war Haaretz-Jude, im Land selbst lebend, während Paulus Diaspora-Jude war. Aber Paulus hat das Judentum nicht verlassen, es gibt keine Bekehrung. Vielmehr erkannte er als Pharisäer in Jesus den Messias. Das Christentum, das daraus entstand, ist ein «Judentum für Nicht-Juden», so die prägnante Formel von David Flusser.
Christian Rutishauser legte im Vortrag auch die biographische Seite des Themas offen: Während eines Studienaufenthaltes in den USA entdeckte er das Buch «A Radical Jew. Paul an the Politics of Identity» von Daniel Boyarin, der Professor in Berkeley war. Rutishauser steigt kurzentschlossen ins Flugzeug und fliegt nach Kalifornien zum Autor, wo er mehrere Wochen bleibt.
So sehr hat das Buch seine bisherigen Überzeugungen erschüttert. Denn Boyarin rekonstruiert die ursprüngliche Frage, um die es Paulus ging: Müssen Nicht-Juden jüdisch werden, um an Christus zu glauben? Die Antwort des Paulus ist «nein». Wie Paulus sein eigenes Judentum sah, darüber wird heute intensiv debattiert. Die alte These, Paulus habe mit dem Judentum gebrochen, ist heute aber vom Tisch.
Dass es vier Evangelien gibt, ist nur auf dem jüdischen Hintergrund zu erklären: Es wird ein Diskussionsraum eröffnet. Wer die Evangelien liest, tritt in diesen Diskussionsraum ein. Die Unstimmigkeiten zwischen den Texten initiieren Debatten, so wie der Talmud eine ewige Debatte darstellt. Schon in der Antike gab es Versuche, eine Evangelienharmonie zu schaffen, also aus den vier Schriften eine einzige zu machen. Die Alte Kirche hat aber an den vier kanonischen Evangelien festgehalten. Im 19. Jahrhundert waren solche Harmonien als Unterrichtsinstrumente beliebt. Vor wenigen Jahren hat der Herder-Verlag gegen Rutishausers Rat wieder eine solche herausgebracht. Das zeigt, wie tief das christliche Bedürfnis nach Eindeutigkeit sitzt.
Wie sehr die Evangelien einen jüdischen Horizont reflektieren, zeigt sich besonders gut bei Matthäus, der häufig – explizit oder implizit – auf das AT verweist. Die Zitate wollen nicht nur anschliessen an die Verheissungen des Alten Testaments, vielmehr bestätigen sie diese. So wird das Wirken Jesu als Erfüllung des Exodus verstanden, wobei der See Genezareth das Rote Meer symbolisiert.
Bei Matthäus übt Jesus zwei Brotwunder (Mt 14,13-21 und 15, 32-39): Bei dem einen bleiben zwölf Körbe übrig, beim anderen sieben. Das ist nicht zufällig, denn zwölf steht für die zwölf Stämme Israels, sieben für die Ganzheit, also für alle Völker. Der Evangelist signalisiert damit, dass alle zu Christus kommen. Das Brot spielt auf das Manna an, mit dem Gott in der Wüste die Israeliten genährt hat. So kann das Evangelium auf zwei Ebenen gelesen werden: Als Re-Inszenierung und als Weiterführung des Exodus.
Auch bei Markus ergibt die Lektüre als jüdischer Text neue Einsichten. Die Heilung in der Synagoge am Sabbat (Mk 3,1-6) hat eine ganz eigene Bewandtnis: Der geheilte Mann kann wieder an der Liturgie teilnehmen und kann damit seine religiöse Pflicht wieder erfüllen. Genauso bei der Heilung der Schwiegermutter des Petrus: Frauen kommt die Aufgabe zu, die Sabbatfeier zuhause zu leiten, auch sie kann wieder ihre Rolle ausfüllen. Bisher wurden diese Heilungen als Akt der Menschenfreundlichkeit Jesu gesehen, die liturgische Dimension blieb unbeachtet.
Ebenso aufschlussreich ist die Szene mit der Ehebrecherin (Joh 8,1-11). Immer wird gefragt, was denn Jesus im Sand schreibt. Aus einer jüdischen Perspektive wird der Text sprechend: Der Finger Jesu verweist an den Finger Gottes, mit dem dieser die zehn Gebote auf die Tafeln geschrieben hat (Ex 31,18). Jesus schreibt die Tora weiter, wie das Judentum die schriftliche Tora in der mündlichen weiterschreibt. Die Heilige Schrift lebt in der talmudischen Debatte. Dass Jesus schreibt, nicht was er schreibt, ist die Botschaft des Textes.
Christian Rutishauser hat vor kurzem die Buber-Rosenzweig-Medaille für seine Verdineste im jüdisch-christlichen Dialog verliehen bekommen. Er ist beseelt von einem feu sacré, und während des Vortrags wurde dieses Feuer spürbar.
Die Fastenvorträge werden traditionell von den Professorinnen und Professoren der Theologischen Fakultät der Universität Luzern gehalten. Dieses Jahr standen sie unter dem zusammen mit dem Präfekten der Jesuitenkirche Hansruedi Kleiber ausgewählten Titel «Erbe und Herausforderung – Antisemitismus in der christlichen Tradition.» Luzern hat sich damit erneut als das Schweizer Zentrum des jüdisch-christlichen Dialogs wie auch der christlichen Selbstreflexion bewiesen. Es geht nicht nur darum, antijüdische Stereotype zu erkennen und abzulegen sondern auch darum, ein positives Verhältnis zum Judentum zu entwickeln, erklärte der Vortragende.
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