Der Bischof von St. Gallen, Beat Grögli, hat den letzten Samstag in der Wiborada-Zelle an der St. Galler Kirche Mangen verbracht. Er habe den Tag als Geschenk erlebt, sagt Grögli nachträglich. Zum Jubiläum 1100 Jahre Wiborada ist die Zelle das ganze Jahr über besetzt – mit meist täglich wechselnden Bewohnenden aus Kirche, Kultur und Politik.
Regula Pfeifer
Weshalb haben Sie den letzten Samstag in der Wiborada-Zelle verbracht?
Beat Grögli: Das Wiborada-Projekt hat mich, nach anfänglicher Skepsis, immer mehr fasziniert – vor allem die Vielfalt der Aspekte, die im Lebenszeugnis von Wiborada zusammenkommen: ihr konsequentes Da-Sein vor Gott und für die Menschen, ihr eigenständiges Leben als Frau, ihre historische Nachwirkung im Kloster St. Gallen und als erste Frau, die von der Kirche offiziell heiliggesprochen wurde. Ich wollte diesen Aspekten nachspüren – vor allem dem Da-Sein an den beiden Fenstern, zur Kirche und zur Stadt.
«Ich stehe mitten im Umzug von der Dompfarrer-Wohnung ins Bischofshaus.»
Welche Erfahrungen haben Sie dabei gemacht?
Grögli: Ich stehe mitten im Umzug von der Dompfarrer-Wohnung ins Bischofshaus. So war der Tag in der Wiborada-Zelle für mich ein Geschenk, in einem überschaubaren Raum zu mir zu kommen, Zeit zu haben für das Gebet und für spontane Begegnungen. Ich konnte gut Da-sein.
Wie haben Sie das Alleinsein erlebt?
Grögli: Ich hatte ziemlich viel Besuch, ohne dass es hektisch wurde. Zwischendrin gab es auch ruhige Zeiten für mich und fürs Gebet. Das hat mir gutgetan.
«Den Termin für meinen Wiborada-Tag habe ich bewusst in der Fastenzeit gewählt.»
Erlebten Sie neue spirituelle Erfahrungen?
Grögli: Den Termin für meinen Wiborada-Tag habe ich bewusst in der Fastenzeit gewählt, wo wir uns auf das Wesentliche besinnen. Die Zelle ist sehr einfach eingerichtet. Dieses Wenige, das mit Liebe gestaltet ist, hat «mein Zerstreutes gesammelt».
«Einige Personen kamen bewusst ‹zum Bischof›, andere haben mich als Kollegen besucht.»
War Ihr Kontakt zu den Mitmenschen anders als in Ihrer Rolle als Bischof sonst?
Grögli: Die Kontakte habe ich nicht wesentlich anders erlebt. Einige Personen kamen bewusst «zum Bischof», andere haben mich als Kollegen besucht. Schön war für mich, dass ich nach den Begegnungen jeweils ins Gebet gehen konnte, wo das Gesprochene – und mehr noch das Unausgesprochene – nachklingen konnte. Im Arbeitsalltag ist das meistens nicht so möglich.
Wiborada gab gute Ratschläge. Was für Ratschläge haben Sie gegeben?
Grögli: Wiborada war vor allem da; sie hat viel gebetet und gut zugehört. Darin liegt schon viel «Rat», auch ohne konkrete «Rat-Schläge», die manchmal «er-schlagen». Ich wurde in den Begegnungen nicht um Ratschläge gebeten – und ich habe auch keine gegeben.
Haben Sie die Heilige Wiborada so neu kennen gelernt?
Grögli: Das Wiborada-Projekt ist ein Segen für die Stadt, für unser Bistum und weit darüber hinaus. Es verbindet unterschiedliche Menschen: kirchennahe und kirchenferne, Katholiken, Reformierte, Menschen anderer Religionen und Konfessionslose. Ich bin dankbar für alles, was da seit 2021 durch das Projekt gewachsen ist. Sonst wäre Wiborada vermutlich weiter im Verborgenen und ihr Schatz unbemerkt geblieben.
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