Die Apokalypse auf der Leinwand

Filme nehmen oft biblische Motive auf und verwenden diese auf ihre Weise. Gian Rudin, Seelsorger der Pfarrei St. Josef Zürich, hat eine Reihe zu dieser Verbindung konzipiert. Kürzlich war die Apokalypse im Film Thema.

Francesco Papagni

Der Weltuntergang ist in den Filmstudios ein beliebtes Thema. Was macht dieses Genre so erfolgreich? Der Buchtitel «Schiffbruch mit Zuschauer» des Philosophen Hans Blumenberg gibt auf diese Frage eine Antwort: Steht man auf sicherem Boden, hat der Untergang eines grossen Schiffes etwas Erhabenes an sich. Es ist also die sichere Distanz, welche aus der Katastrophe ein Schauspiel werden lässt. Das Gleiche gilt bei Katastrophenfilmen: Aus dem bequemen Sofa betrachtet, überkommt einem die Angslust, diesen seltsamen Reiz, der zwei gegensätzliche Gefühle vermischt.

Bombastisches versus genau Beobachtetes

Der Theologe Gian Rudin von der Pfarrei St. Josef Zürich hat sich eine ganze Reihe zu biblischen Themen im Film ausgedacht. Kürzlich fand der Abend zum apokalyptischen Film statt. Dabei wurden eine amerikanische Produktion, «The Day after Tomorrow» von Roland Emmerich, und Lars van Triers «Melancholia» einander gegenübergestellt.

Während der bombastische amerikanische Film absehbar verläuft, ist der zweite raffiniert. Ein riesiger Himmelskörper steuert auf die Erde zu, aber das ist nur der Rahmen, um gestörte menschliche Beziehungen darzustellen. Eine Hochzeitsgesellschaft trifft sich zum Fest, wo Ressentiments, alte Rechnungen und Desorientierung aufbrechen. Mitten im Fest zieht sich die Braut zurück und sinkt ermattet ins Bett – Sinnbild der allgemeinen menschlichen Erschöpfung. Die Zerstörung ist schon da, bevor der Himmelskörper einschlägt.

Ein Anzeiger gesellschaftlicher Ängste

Katastrophenfilme sind nicht nur Unterhaltung, sie spiegeln gesellschaftliche Ängste. In früheren Jahrzehnten spielten viele Geschichten während und nach einem Atomkrieg, weil dies die allgemeine Angst der Menschen darstellte. Heute bildet die Klimaerwärmung eine zeitgemässe Kulisse.

Apokalypse in ihrer ursprünglichen Bedeutung  heisst eine jüdische und dann auch christliche Gattung von Texten, die nicht den Weltuntergang im heutigen Sinne beschreiben. Vielmehr präsentieren sie eine Vision der Geschichte, die auf eine Zeit der Prüfung und der Läuterung zuläuft.

Im Gegensatz zum Film, wo entweder die Menschen die Katastrophe durch ihr Handeln herbeiführen oder eine natürliche Ursache das Weltende einleitet, ist es in der apokalyptischen Literatur Gott selbst oder sein Bote, der handelt.

Apokalypse und Hoffnung

Beim heutigen Katastrophenfilm geht es darum zu retten, was zu retten ist. Eine andere Wirklichkeit gibt es nicht. Die Apokalypse, wörtlich Enthüllung, ist demgegenüber eine schmerzliche Zwischenzeit zwischen unserer korrupten Welt und einem endzeitlichen Zustand, wo Gewalt nicht mehr sein und Gerechtigkeit herrschen wird.

Während die jüdische und christliche Apokalypse zwar einen «Tag des Herrn» ankündigt, aber auch die Hoffnung auf eine bessere Zeit nährt, kennt der Katastrophenfilm nur die Rettung von Zivilisationsbruchstücken. Es gibt nichts ausserhalb unserer Welt, so lautet die subkutane Botschaft. Vor allem nichts Besseres. So gesehen bedient sich die filmische Apokalypse der Bilder des Unheils, kennt aber die biblische Hoffnung auf eine Vollendung der Welt in der Endzeit nicht.

*«Filmsequenzen im Zwiegespräch mit der Bibel»: Pfarrei St. Josef in Zürich: 8. April, Roadmovie; 29. April: Neo-Western. Jeweils um 19:00 Uhr im Pfarreisaal.


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