Vreni Peterer: «Sinnvoll, dass Assessments auf Machtmissbrauch achten»

Vreni Peterer vertritt als Präsidentin der IG-MikU die Betroffenen von sexuellem Missbrauch in der katholischen Kirche. Sie sieht Assessments bei Seelsorgenden als «sinnvollen Baustein der Prävention». Entscheidend seien aber «funktionierende Schutzstrukturen».

Regula Pfeifer

Beteiligte aus Forensik, Regentien und der Assessment-Geprüften haben sich zum neuen Assessmentverfahren geäussert: Haben Sie den Eindruck, die Assessments gehen in die richtige Richtung?

Vreni Peterer: Aus Betroffenenperspektive sind psychologische Assessments grundsätzlich ein sinnvoller Schritt, weil sie fachliche Expertise in kirchliche Entscheidungsprozesse einbringen. Voraussetzung ist jedoch, dass die Assessments unabhängig durchgeführt und in ein umfassendes Schutz- und Präventionskonzept eingebettet werden. Schutz und Begleitung dürfen nicht als einmalige Prüfung verstanden werden, sondern müssen als kontinuierlicher Prozess gedacht werden.

«Wichtig ist, ob aus den Ergebnissen konkrete Massnahmen folgen.»

Vreni Peterer, Präsidentin MiKu

Es wurden vor allem starke Persönlichkeitsdefizite ausgemacht – die zu negativen Beurteilungen führten. Finden Sie den Ansatz gut?

Peterer: Dass Assessments auch Persönlichkeitsmerkmale wie Narzissmus, fehlende Empathie oder mangelnde Selbstreflexion berücksichtigen, ist nachvollziehbar, weil solche Faktoren problematisches Machtverhalten begünstigen können. Wichtig ist jedoch, wie die Ergebnisse eingeordnet werden und ob daraus konkrete Massnahmen für Prävention und kontinuierliche Begleitung folgen.

«Die Erfahrung vieler Betroffener zeigt, dass sexueller Missbrauch häufig in Situationen entsteht, in denen zuvor Macht missbraucht wurde.»

Gesucht wurden Merkmale, die auf möglichen Machtmissbrauch hinweisen. Machtmissbrauch wurde auch schon als möglicher erster Schritt zu sexuellem Missbrauch bezeichnet. Wie sehen Sie das?

Peterer: Die Erfahrung vieler Betroffener zeigt, dass sexueller Missbrauch häufig in Situationen entsteht, in denen zuvor Macht missbraucht wurde. Deshalb ist es sinnvoll, dass Assessments auch auf mögliche Hinweise von Machtmissbrauch achten. Machtmissbrauch ist ein wichtiger Risikofaktor. Umso wichtiger ist es daher, dass kirchliche Strukturen sensibel für solche Dynamiken sind und frühzeitig reagieren.

Denken Sie, dass mit diesen Assessments potenzielle Missbrauchstäter oder Täterinnen gefunden werden können?

Peterer: Psychologische Assessments können Hinweise auf Risiken geben und sind deshalb ein sinnvoller Baustein der Prävention. Entscheidend bleiben jedoch funktionierende Schutzstrukturen: kontinuierliche Begleitung, klare Meldewege, transparente Verfahren und eine konsequente Aufarbeitung von Missbrauch.


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