Mehr als 100 Betroffene und 98 Tatverdächtige seit 1945: Bei der Aufklärung sexualisierter Gewalt stellt sich der Franziskanerorden in Deutschland ein Armutszeugnis aus. Kein einziger Fall wurde aus eigenen Reihen aufgedeckt.
(KNA) Opfer ignoriert, Täter gedeckt, Aufarbeitung verschleppt – die deutschen Franziskaner haben ein Komplettversagen im Umgang mit sexualisierter Gewalt eingeräumt. Bei der Vorstellung einer Aufarbeitungsstudie bat Provinzialminister Markus Fuhrmann bei einer Pressekonferenz am Mittwoch in München alle Betroffenen um Vergebung «für die entsetzlichen Taten». Ein Verschweigen solcher Verbrechen «darf es nie wieder geben».
In der wissenschaftlichen Studie ermittelten Sozialpsychologen vom IPP-Institut mehr als 100 Betroffene sexualisierter Gewalt seit 1945.
Als Tatverdächtige seien 98 Ordensmänner namentlich identifiziert worden. Dies entspreche bei einer Gesamtzahl von 2500 Franziskanern im Betrachtungszeitraum einer Täterquote von vier Prozent. Das Dunkelfeld sei «um ein Vielfaches grösser», sagte Studienautor Peter Caspari.
Für die Standorte Vossenack und Dorsten (Nordrhein-Westfalen) Ottbergen (Niedersachsen) sowie Vlodrop in den Niederlanden liegen der Studie zufolge Hinweise auf jahrelange sexualisierte Gewalt an Jungen vor. Bei der Hälfte aller dokumentierten Fälle handle es sich um schwere Gewalt.
«Es ist kein Fall bekannt, in dem ein Mitbruder sexuellen Missbrauch aufdeckte», erläuterte Caspari. Bis 2011 hätten sich Ordensverantwortliche in keiner Weise für das Schicksal Betroffener interessiert. Bis 2010 sei auch kein einziges Strafverfahren oder eine kirchenrechtliche Sanktion proaktiv veranlasst worden. Insgesamt habe der Prozess der Aufarbeitung «viel zu spät» begonnen.
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