Ukrainerin will in der Schweiz bleiben: «Wir haben gelernt, das Leben und einander noch mehr zu lieben»

Vor vier Jahren hat Russland die Ukraine angegriffen. Dank einer Hilfsaktion des Pfarreileiters von Teufen ist die Ukrainerin Mariia Shuldyk mit ihren zwei Kindern und Schwiegereltern in die Schweiz geflüchtet. Inzwischen sind auch ihr Ehemann und ihre Mutter nachgekommen. Die 38-Jährige will nun mit ihrer Familie in ihrer neuen Heimat bleiben.

Wolfgang Holz

Eigentlich geht es ihr und ihrer Familie sehr gut. Mariia Shuldyk lebt seit vier Jahren in einem eigenen Haus im appenzellischen Bühler, das ihrer Gastfamilie gehört. «Es funktioniert wirklich sehr gut», sagt die 38-jährige Ukrainerin im Gespräch mit kath.ch.

Stammt aus Saporischschja

Mariia Shuldyk stammt aus Saporischschja. Saporischschja ist eine Industriestadt am Fluss Dnipro im Süden des Landes. «Vor dem Krieg lebten mehr als 800’000 Menschen in meiner Stadt, jetzt sind es weniger als 400’000 Menschen, einschliesslich der Binnenvertriebenen aus den besetzten Gebieten», erzählt sie. «Meine Stadt ist nicht nur für das seit 2022 in Betrieb befindliche Kernkraftwerk Energodar bekannt. Auch das Wasserkraftwerk am Dnipro befindet sich hier.»

Doch nun sei rund 70 Prozent der Region Saporischschja von der russischen Armee besetzt. Nichts sei mehr, wie einmal war, sagt die Ukrainerin. Ihre Familie, Verwandten und Freunde würden einerseits unter der täglichen Lebensgefahr durch militärische Angriffe und andererseits unter der Zerstörung der Energiestruktur durch die Russen leiden.

«Natürlich sind alle sehr erschöpft, aber trotz allem haben die Ukrainer gelernt, das Leben und einander noch mehr zu lieben.»

«Sie haben keine Heizung mehr, kein Wasser, keinen Strom. Das macht die Menschen auf Dauer immer depressiver. Das tut sehr weh.» Trotz allem würden die Menschen weiterleben, sich über jeden Augenblick und jeden Atemzug freuen. «Natürlich sind alle sehr erschöpft, aber trotz allem haben die Ukrainer gelernt, das Leben und einander noch mehr zu lieben.»

Mariia Shuldyk verfolgt derzeit deshalb keine Nachrichten im Fernsehen, um selbst nicht auch noch depressiver zu werden. Sie sei in psychiatrischer Behandlung. Denn sie habe nach wie vor jeden Tag Angst um ihre Angehörigen in der Ukraine. «Die Nachrichten von dort erdrücken mich – ich tausche mich mit meiner Familie und mit meinen Freunden deshalb täglich vor allem per SMS aus.»

Arbeitet im Altersheim

Umso ruhiger kann ihre Familie da in Frieden und Sicherheit in Bühler im Kanton Ausserrhoden leben. Sie, die März 2022 dank von der Schweiz gecharterter Busse aus der Ukraine nach Appenzell flüchten konnte, arbeitet inzwischen in einem 60-Prozent-Pensum als Servicekraft in einem Altersheim in Gais. Die Bussaktion hatte damals Diakon Stefan Staub von der katholischen Pfarrei Teufen initiiert.

Ihre 16-jährige Tochter Anna nimmt an einem schulischen Brückenangebot teil und absolviert gleichzeitig ein Praktikum in einem Altersheim. Ihr elfjähriger Sohn Danyl besucht die Sekundarschule. Seit 2025 ist auch Ehemann Serhii (49) endlich zur Familie gestossen. Er macht gerade einen Deutschkurs.

«Ich konnte mich nur auf Englisch verständigen – auch mit meiner Gastfamilie.»

«Ja, wir wollen jetzt hierbleiben – denn der Krieg wird weitergehen», ist Mariia Shuldyk, die in der Ukraine Ökonomie studiert hat, überzeugt. Am Anfang sei es für sie zwar schwer gewesen – nur mit ein paar Brocken Deutsch in einem fremden Land. «Ich konnte mich nur auf Englisch verständigen – auch mit meiner Gastfamilie.»

Aber sie sei auf viel Hilfsbereitschaft gestossen und habe viele nette Leute kennen gelernt.» Sie selbst hat inzwischen fleissig Deutsch gelernt und spricht die fremde Sprache fliessend. Sie möchte ihre Sprachkenntnisse aber noch weiter verbessern.

«Mein Herz schlägt für die Ukraine»

Gleichzeitig vermisst sie ihre Heimat sehr. «Mein Herz schlägt für die Ukraine», versichert Mariia Shuldyk. Und das nicht nur, weil sie ihre Freunde, ihre Familie und ihre Verwandten vermisst, die dort geblieben sind. «Ich vermisse alles – jeden Baum, alle Flüsse, die ganze Natur.»

Leider sei die heimische Erde durch den Krieg inzwischen teils zerstört und vergiftet. Die schöne Natur in der Schweiz gefällt ihr auch: «Es sieht hier aus wie in der Westukraine – allerdings musste ich mich daran gewöhnen, dass das Wetter hier so schnell wechseln kann.»

Geht in die katholische Kirche

Auch ihr Glaube an Gott hilft ihr dabei, mit Lebensmut vorauszuschauen. «Selbst wenn ich nicht immer in die Kirche gehe, spüre ich, dass Gott bei mir ist – so wie eigentlich jeder Mensch Gott in seiner Seele hat», ist Mariia Shuldyk überzeugt. Wenn sie manchmal einen Gottesdienst besuche, gehe sie in die katholische Kirche: «Katholische Kirchen hat es ja fast überall.»


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