Der Solidaritätsfonds für Mutter und Kind feiert dieses Jahr seinen 50. Geburtstag. Als das Hilfswerk vom Frauenbund gegründet wurde, befand sich die Schweiz mitten in einer Diskussion über den Schwangerschaftsabbruch. «Dem Frauenbund war es damals wichtig, dass sich Frauen trotz einer Notlage für ihr Kind entscheiden konnten», sagt Liliane Parmiggiani.
Barbara Ludwig
1976 gründete der Schweizerische Katholische Frauenbund (SKF) – heute Frauenbund Schweiz – den «Solidaritätsfonds für werdende Mütter in Bedrängnis». Das Hilfswerk gibt es noch immer, unter dem Namen «Solidaritätsfonds für Mutter und Kind». Liliane Parmiggiani ist zuständig für die Mittelbeschaffung. Zwei Faktoren hätten bei der Gründung eine Rolle gespielt, sagt sie auf Anfrage von kath.ch.
Da war die Wirtschaftskrise anfangs der 1970er Jahre, für die symbolhaft die Ölkrise von 1973 und die autofreien Sonntage stehen. «Für Mütter oder schwangere Frauen war es sehr schwierig, eine Arbeit zu finden. Das führte zu unsicheren Arbeitsverhältnissen.»
Gleichzeitig diskutierte die Schweiz über eine Liberalisierung der Gesetzgebung zur Abtreibung – den straffreien Schwangerschaftsabbruch und die Fristenlösung, die der SKF damals noch ablehnte. «Für den Frauenbund und weitere Organisationen aus dem katholischen Umfeld wie Fastenopfer und Caritas waren die politischen Diskussionen ein Anstoss sich zu fragen, wie schwangeren Frauen und Müttern in Not geholfen werden kann», sagt Parmiggiani. Um Lösungen zu finden, hätten sie eine gemeinsame Arbeitsgruppe gegründet.
Damals habe man zwar begonnen, Beratungsstellen für Schwangere aufzubauen, vor allem im kirchlichen Umfeld. Diese hätten aber keine Mittel gehabt, um Schwangere finanziell zu unterstützen, die nicht wussten, wie sie ihr Kind versorgen konnten.
Als die anderen Organisationen die Idee schliesslich nicht weiterverfolgen wollten, habe der Frauenbund nicht aufgegeben. Parmiggiani erklärt: «Dem Frauenbund war es damals wichtig, dass sich Frauen trotz einer Notlage für ihr Kind entscheiden konnten. Die wirtschaftliche Situation sollte den Entscheid nicht beeinflussen.»
In den Anfängen des Hilfswerks wurden vor allem Schwangere unterstützt. «Heute unterstützen wir auch Frauen, die bereits Mutter sind. Wir helfen nicht nur während der Schwangerschaft oder beim ersten Kind, sondern auch in späteren Phasen», sagt Liliane Parmiggiani.
20 Prozent der unterstützten Frauen waren im vergangenen Jahr Alleinerziehende. Noch immer hilft der Fonds auch jungen Frauen. «Der Anteil junger Frauen beträgt acht Prozent. Jede zwölfte Frau ist 20 Jahre alt oder jünger», so Parmiggiani.
Im Vergleich zu früher erhält der Fonds mehr Gesuche von Working Poor-Familien, also von Familien, deren Einkommen sich trotz Erwerbsarbeit nur knapp über dem Existenzminimum bewegt. Er hilft Familien, die sich nachweislich in einer prekären Lebenssituation befinden. Und: «Wir helfen nur Familien, deren jüngstes Kind nicht älter als zehn ist.»
In den meisten Fällen bekommen die Frauen oder Familien finanzielle Mittel für den Erwerb einer Baby-Grundausstattung. Dazu gehören die wichtigsten Dinge, die ein Kind braucht, wenn es zur Welt kommt: Also ein Kinderwagen, «aus zweiter Hand», wie Parmiggiani betont. Weiter ein Kinderbett mit Matratze, Babykleider, Nuggi, Schoppen, Windeln, eine Wickelauflage.
Massgeblich für die Höhe der Unterstützung sei immer die individuelle Not der Betroffenen, erklärt Parmiggiani. Eine ehrenamtlich tätige Fachkommission des Solidaritätsfonds legt die Beträge nach verschiedenen Kriterien fest.
«Heute übernehmen wir für eine begrenzte Zeit auch die Kosten für die Kita, wenn eine Mutter krank ist und Unterstützung braucht oder damit sie eine Ausbildung abschliessen kann», sagt Parmiggiani. Dies sei in den 1970er Jahren nicht vorgekommen, da damals noch keine Kindertagesstätten existierten.
Falls nötig übernimmt der Fonds auch die Finanzierung von Krankenkassenprämien – ein «grosses Thema», wie Parmiggiani betont – oder den Mietzins einer Wohnung.
Im Bereich Mutterschaft weist das soziale Netz in der Schweiz laut Parmiggiani Lücken auf. Dies könne negative Folgen für eine werdende Mutter haben, wenn das familiäre Netzwerk fehlt, um eine Notsituation zu überbrücken. Ein Beispiel ist die Aussteuerung von Frauen aus der Arbeitslosenversicherung während der Schwangerschaft.
Darauf hat der Frauenbund Schweiz die Mitglieder des Ständerats im vergangenen Jahr gemeinsam mit dem reformierten Dachverband «Femmes protestantes» aufmerksam gemacht. Jährlich werden den Verbänden zufolge 500 schwangere Frauen ausgesteuert. Dadurch würden sie auch den Anspruch auf Mutterschaftsentschädigung verlieren, heisst es in einem Brief an die Parlamentarierinnen und Parlamentarier.
Darin warben der Frauenbund und sein reformiertes Pendant für eine Motion der SP-Ständerätin Flavia Wasserfallen. Eine weitere Lücke: Arbeitslose Schwangere erhalten laut dem Brief bei gesundheitsbedingter Arbeitsunfähigkeit nur 30 Taggelder – obwohl sie im Durchschnitt während sechs Wochen auf Unterstützung angewiesen seien.
Der Solidaritätsfonds unterstützt betroffenen Frauen, die wegen solcher Lücken in Not geraten, finanziell. Das Geld dazu stammt ausschliesslich aus Spenden, unter anderem aus der Kollekte, die in den katholischen Gottesdiensten vom zweiten Januar-Wochenende erhoben werden.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant