Freie Rituale und klassische Kasualien – belebt Konkurrenz das Geschäft?

Während Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen in den Landeskirchen drastisch zurückgehen, wächst der Markt für freie Rituale. Darüber diskutieren im Podcast «Laut + Leis» Christian Walti, Pfarrer am Zürcher Grossmünster, und Philipp Erne, Präsident vom Berufsverband Schweizerischer ZeremonienleiterInnen. 

Sandra Leis

Heute bieten schweizweit rund 250 Zeremonienleiterinnen und Ritualbegleiter ihre Dienste an. Vor zehn Jahren waren es erst 15, wie kurz vor der Adventszeit in einem Artikel der Tamedia-Blätter zu lesen war. Der Beitrag schlug hohe Wellen – auch Christian Walti, seit einem Jahr Pfarrer am Zürcher Grossmünster, hat einen Leserbrief geschrieben. 

Er sagt: «Mich triggert es immer, wenn Menschen versuchen, kirchliche Veranstaltungen und Rituale gegen freie Zeremonien auszuspielen. Ich finde, kirchliche Rituale sind auch sehr frei.»

Das mag zutreffen, doch Tatsache ist, dass es den Landeskirchen nicht gelingt, ihre Angebote einer breiten Öffentlichkeit schmackhaft zu machen. Das weiss auch Philipp Erne, Präsident vom Berufsverband Schweizerischer Zeremonienleiter:innen.

Auf die Firmung verzichtet

Der 47-Jährige ist römisch-katholisch getauft und hat die Erstkommunion empfangen. Auf die Firmung hat er verzichtet: «Es gibt Gott, das war für mich keine Frage. Aber in der Institution Kirche habe ich als Teenager das Gefühl gehabt: Hier kann ich nicht zuhause sein.»

Seine spirituelle Heimat hat er in einer Freikirche gefunden. Später studierte er Theologie an einer höheren Fachhochschule und war bis vor drei Jahren Pastor in einer evangelikalen Gemeinde. Heute hat er eine eigene Firma, nennt sich Krisenbegleiter und hält regelmässig Trauerreden. 

Zwei von drei Beerdigungen ohne Kirche

In der Deutschschweiz finden heute zwei von drei Beerdigungen nicht in der Kirche statt. Wer bucht einen freien Trauerredner wie Philipp Erne? «Menschen, die eine Beerdigung organisieren müssen und über die verstorbene Person sagen: Sie ist nie in die Kirche gegangen.» Deshalb empfänden die Hinterbliebenen eine kirchliche Bestattung als unpassend.

Oder: «Die Angehörigen wollen unbedingt in den Wald oder ans Wasser, doch einzelne Pfarrgemeinden lehnen diesen Wunsch ab.» Entweder sei es die Pfarrperson, die nicht wolle. Oder die Kirchenpflege, die es dem Pfarrer verbiete.

«Katastrophe», sagt Christian Walti im Podcast «Laut + Leis». «Ich und viele meiner Kolleginnen und Kollegen haben noch nie nein gesagt zu einer Beerdigung ausserhalb Friedhofs. Doch ich höre davon und bin entsetzt.»

Selbstkritik der Kirche gegenüber

«Kund:innenzentriert» arbeiten, das sagt nicht etwa der Zeremonienleiter Erne, sondern der Grossmünsterpfarrer Walti. Was er damit meint, erklärt er an einem Beispiel: «Wenn jemand zu mir kommt und sagt, ich möchte getauft werden, dann muss ich ganz viele Rückfragen stellen: Was bedeutet das für dich? Möchtest du einen Segen bekommen oder in eine Gemeinschaft übertreten und dein Leben verändern?»

Diese Zwischenfragen, die Nuancen, das genaue Zuhören, das sei für ihn das Entscheidende, so Walti. Wenn das nicht gemacht werde und es nur um ein Kreuzchen auf einem Formular gehe, dann mache er seinen Job nicht richtig.

«Das ist meine Selbstkritik der Kirche gegenüber. Ich glaube, wir haben Menschen jahrhundertelang vor allem eingeordnet anstatt ihnen Aufmerksamkeit zu schenken.» 

Das sei die Herausforderung, die es jetzt anzupacken gelte. «Wir müssen uns als Landeskirchen und als Persönlichkeiten dem Markt stellen.»

Willkommensfeier ist keine Taufe

Philipp Erne ist auf dem Markt und plädiert dafür, dass sowohl Pfarrerin als auch Ritualbegleiter sich ihrer Rolle bewusst sind: «Ich mag’s nicht, wenn Pfarrer so tun, als wären sie keine. Und ich mag’s nicht, wenn Zeremonienleiter so tun, wie wenn sie auch noch ein bisschen Pfarrer könnten.»

Er findet es zum Beispiel gar nicht gut, wenn seine Branchenvertreter von einer «freien Taufe» sprechen: «Es gibt keine freie Taufe. Ich kann nicht ausserhalb der Kirche getauft sein. Möglich ist eine Willkommensfeier. Da geht es darum, dem Kind einen guten Start zu bieten und gemeinsam zu feiern.»

Vorwurf der Beliebigkeit

Wenn jemand keinen Bezug zum Glauben habe, dann wolle sie oder er auch kein kirchliches Ritual, so Erne. «Ich glaube, Kirche sollte soviel Kirche wie möglich sein, und freie Zeremonien sollten so frei wie möglich sein. Man sollte die Dinge nicht vermischen.»

Eine fundamental andere Vorstellung von Glauben und kirchlichem Auftrag hat Christian Walti: «Wenn nur schon eine Ahnung da ist, dass die Geburt eines Kindes, eine Hochzeit oder Beerdigung über das Normale hinausgeht, dann kann ich mit der christlichen Tradition diese Menschen begleiten, damit dieses Ereignis für sie an Tiefe gewinnt.»

Walti sieht darin einen öffentlichen Auftrag und möchte diese Möglichkeit offenhalten. «Ich teile die Menschen nicht in gläubig und ungläubig ein.»

Den Vorwurf, keine klare Linie zu haben und damit auch beliebig zu sein, weist er dezidiert von sich. Das sei für ihn eine theologische Frage: «Wir müssen waghalsigere Theologinnen und Theologen werden. Unser Glaube sollte ein Glaube sein, der das Risiko wagt. Das Risiko Menschheit.»


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