Caritas Schweiz: In Ukraine wächst die humanitäre Not im fünften Kriegsjahr

Am 24. Februar beginnt in der Ukraine das fünfte Kriegsjahr seit der Invasion Russlands. 2025 war das Jahr mit den meisten zivilen Opfern, und die aktuellen Angriffe auf die Energie-Infrastruktur zehren an den Kräften der Zivilbevölkerung. Ein Gespräch mit Caritas-Vertretern aus der Ukraine erlaubt bei einer Pressekonferenz Einblicke in die tägliche Not, aber auch in die Art und Weise, wie Hilfe die wirtschaftliche und berufliche Existenz der Menschen fördert.

Wolfgang Holz

Man kennt die erschreckenden Bilder aus der Ukraine aus dem Fernsehen: Menschen frieren im Winter bei Temperaturen von bis zum Teil minus 20 Grad Celsius – weil die russische Armee systematisch die Energie-Infrastruktur angreift. Sie kochen draussen, sie wärmen sich in aufgestellten Zelten, sie suchen Schutz vor russischen Angriffen und nächtigen in Metrostationen in der Hauptstadt Kyiv.

2500 Tote und 12’000 Verletzte

Das Leben der Ukrainerinnen und Ukrainer im fünften Kriegsjahr ist definitiv nicht besser geworden. Im Gegenteil, es hat sich weiter drastisch verschlechtert, wie Andrea Berardi, Länderdirektor Ukraine in Kyiv von der Caritas Schweiz, bei einer Zoom-Pressekonferenz berichtet. Er sitzt warm eingepackt in seinem Büro in Kyiv. Normalerweise trage er auch eine Wollmütze auf dem Kopf, erklärt er.

«Aufgrund der nicht nachlassenden russischen Angriffe und Drohnenangriffe an der Front, aber auch im ganzen Land hat sich die Opferzahl von Zivilisten vom Januar bis Dezember 2025 um 31 Prozent im Vergleich zu 2024 erhöht: Es gibt 2500 Tote und 12’500 Verletzte zu beklagen», sagt Berardi. Es sei zu erwarten, dass 2026 jeder dritte Ukrainer – umgerechnet geschätzte 12,7 Millionen Personen – auf humanitäre Hilfe angewiesen ist. Ein Viertel der Menschen befinde sich unter der Armutsgrenze. 

250’000 Haushalte ohne Strom, Wasser, Heizung

Vor allem die intensivierten Angriffe der russischen Streitkräfte auf die Energie-Infrastruktur belaste die Ukraine immer mehr. Rund 250’000 Haushalte seien ohne Elektrizität, ohne Wasser, ohne Heizung, so Berardi. Die Caritas Schweiz, die seit 2015 in der Ukraine hilft und seit Kriegsbeginn 2022 konkret vor Ort ist, versucht mit ihren Partnern, der Caritas Ukraine und der Caritas Spes, die Not der Menschen zu lindern. Dabei hat die Caritas Schweiz seit 2022 35 Millionen Franken investiert und fördert zahlreiche Projekte.

Da gibt es zum Beispiel das Projekt «Bargeld und Widerstandsfähigkeit», das seit November 2025 läuft, bis April 2027 terminiert ist und ein Budget von rund drei Millionen Franken umfasst. Neben konkreter finanzieller Unterstützung werden hier auch Schutz- und Gebäudemöglichkeiten angeboten.

«Die Resilienz der Menschen ist längst nicht mehr nur individuell, sondern gemeinschaftlich, pragmatisch und tief im Alltag verankert.»

«Das ukrainische Durchhaltevermögen und die gegenseitige Solidarität ist bewundernswert», wie Andrea Berardi schildert. «Die Menschen machen Picknicks im Freien, spielen miteinander in der Not draussen – und das bei dieser extremen Kälte. «Die Resilienz der Menschen ist längst nicht mehr nur individuell, sondern gemeinschaftlich, pragmatisch und tief im Alltag verankert.»

Anhaltende Unterfinanzierung

Wie die Caritas-Vertreter aber klarmachen, steht derzeit nur etwa die Hälfte der dringend benötigten Hilfsgelder bereit – die anhaltende Unterfinanzierung zwingt humanitäre Organisationen wie die Caritas Schweiz, ihre Projekte zu priorisieren. Wobei die Schweiz selbst zu den grössten Unterstützern im internationalen Vergleich gehöre.

Die humanitäre Hilfe der Caritas Schweiz konzentriert sich zum einen auf die Konfliktzonen an den Frontlinien im Osten und Süden des Landes sowie auf Existenzgrundlage-Projekte in der Westukraine, wo weniger militärische Kampfaktionen stattfinden.

In Kharkiv und in Dnipropetrovsk, im Osten des Landes, dort wo der Krieg am ärgsten tobt, benötigen regelmässig rund 1,54 Millionen Menschen humanitäre Hilfe. Wobei rund ein Drittel der Menschen in der Ukraine Binnenflüchtlinge sind, weil sie aufgrund des Kriegs ihre Heimat verloren haben.

Förderung kleiner Unternehmen

Doch was die wenigsten wissen – die Caritas Schweiz kümmert sich mit ihren Partnern vor Ort nicht nur um humanitäre und finanzielle Soforthilfe. Wie Yulia Pyndus, Projektmanagerin in Kyiv für Caritas Schweiz, berichtet, wird viel Geld in die berufliche und unternehmerische Zukunft der Ukrainer investiert. Dabei werden besonders vulnerable Bevölkerungsgruppen unterstützt, ein eigenständiges Einkommen zu erwirtschaften. Mit Förderbeiträgen können kleine Unternehmen ihre Tätigkeit weiterführen, die Produktivität steigern oder neue Arbeitsplätze schaffen.

«Wiederaufbau und Stärkung durch Marktzugang und widerstandsfähige wirtschaftliche Transformation» nennt sich dieses Programm, das 2024 aufgegleist wurde und mit einem Budget von 7,5 Millionen Franken dotiert ist. Unternehmenszuschüsse, Cash-for-Jobs, berufliche Bildung, Entwicklung von Marktsystemen umfasst dieses Projekt.

Oksana Chabaniuk, eine Bäckerin aus Kolomyia beispielsweise, nimmt an diesem «Remarket»-Programm der Caritas Schweiz teil. Dank dieser Unterstützung konnte sie ihr Geschäft ausdehnen, Arbeitsplätze schaffen für Frauen und Binnenvertriebene und ihr sozial ausgerichtetes Wirtschaftsunternehmen auch während des Krieges ausbauen. Sie glaubt, dass «gute Taten sich wie ein Bumerang erweisen». Im Rahmen dieses Programms werden nicht nur Geschäfts-Zuschüsse in Höhe von 5000 bis 20’000 Franken gewährt. Es werden auch Berufsausbildungen und Fortbildungen angeboten.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/caritas-schweiz-in-ukraine-waechst-die-humanitaere-not-im-fuenften-kriegsjahr/