Die Urkirche war ähnlich wie das Schweizer Gemeindemodell: Nicht immer hatte ein Priester das Sagen, sondern Gemeindeleiterinnen. Die Kirche kann heute noch viel von frühchristlichen Gemeinden in Bezug auf Reformen lernen, sagt der Neutestamentler Martin Ebner. Es braucht ein «ständiges Ausprobieren» und das Loslassen von Traditionen.
Jacqueline Straub
Sie haben ein Buch über frühchristliche Gemeinden geschrieben. Wie haben sich diese organisiert?
Martin Ebner*: Ganz einfach. Für ihre eigene Organisation haben die frühchristlichen Gemeinden die Verwaltungsstrukturen und Abläufe übernommen, wie sie in den Städten üblich waren, in denen sie lebten. Allerdings mit kleinen, aber entscheidenden Veränderungen. Auf die kommt es an. Denn daran lässt sich das eigentlich unterscheidend Christliche ablesen.
Und welche wären diese?
Ebner: Von Anfang an nennen sich christusgläubige Gemeinden «Ekklesia». Das ist die Bezeichnung für die Volksversammlung in den Städten. Dort werden die Belange der Stadt beraten und dazu Beschlüsse gefasst. Allerdings haben nur frei geborene Männer mit dem Bürgerrecht der Stadt, also Alteingesessene, Zutritt und Stimmrecht.
In einer christlichen Ekklesia ist das aber anders.
Ebner: Genau. Alle Getauften sind Vollmitglieder. Und weil die Taufe alle gesellschaftlich und religiös geprägten Unterschiede aufhebt, gehören auch Frauen und Sklaven dazu und haben gleiches Rede- und Stimmrecht. So jedenfalls ist es in den paulinischen Gemeinden.
«Einige Schriften des Neuen Testaments beziehen Gegenposition gegen das monarchische Modell.»
Gab es auch andere Modelle?
Ebner: Ja, es gibt Variationen. In lukanischen Gemeinden und in den Gemeinden, an die sich die katholischen Briefe wenden, also überall dort, wo von «Ältesten» die Rede ist, wurden die Weichen von einem Ältestenrat gestellt, also einem Leitungsteam. Nur und einzig in den sogenannten Pastoralbriefen an Timotheus und Titus, die Mitte des zweiten Jahrhunderts entstanden sind, ist ein Bischof für alles zuständig: Er bestimmt den Inhalt der Lehre und wer lehren darf. Frauen verbietet er das (1 Tim 2,11-12). Er ist der Chef der Finanzen und gleichzeitig Personalchef. Er wählt die Ältesten aus und setzt sie ein. Also letztlich ein Monarch. Alle diese unterschiedlichen Gemeindeverfassungen bestehen jedoch nebeneinander und gleichzeitig. Und dabei beziehen einige Schriften des Neuen Testaments deutlich Gegenposition gegen das monarchische Modell.
In der Schweiz sind Gemeindeleiterinnen neben dem Priester, der nicht das letzte Sagen hat, normal – kann man sich so die Urkirche vorstellen?
Ebner: Ja, dieses Modell kommt der Mehrzahl der frühchristlichen Gemeinden sehr nahe: Die Aufgaben sind auf viele Schultern verteilt. Es geht darum, dass natürliche Fähigkeiten und erworbene Kompetenzen an der richtigen Stelle zum Einsatz kommen. Paulus spricht von «Charismen» und betont: Jede und jeder hat etwas von Gott geschenkt bekommen, das den anderen «guttut» und dem Aufbau der Gemeinde nützt.
Sie schreiben in Ihrem Buch «Mitreden, mitentscheiden, mitgestalten», dass priesterlose Gottesdienste früher ganz normal waren. Erläutern Sie das bitte etwas.
Ebner: Auch das ist ganz einfach: Es gab keine Priester in frühchristlichen Gemeinden. Die Apostelgeschichte erzählt zwar, dass sich «eine grosse Menge (jüdischer) Priester dem Glauben unterstellte» (Apg 6,7), aber eine Funktion als Priester hatten sie in den christlichen Gemeinden nicht. Aus diesem Grund sind alle Gottesdienste, sagen wir besser: Versammlungen zum Herrenmahl, «priesterlos». Die Frage des «Vorsitzes» wird nirgends zum Problem, wohl aber, wer hier lehren darf und ob alle das Gleiche bei der gemeinsamen Mahlzeit zum Essen bekommen, sich also wirklich als Brüder und Schwestern fühlen können, egal welchen Stand sie in der Alltagsgesellschaft haben.
«Seitdem gibt es die Zweiteilung der Gläubigen in Kleriker und Laien.»
Und wie kommen dann die Priester ins Spiel?
Ebner: Erst Ende des zweiten bzw. Anfang des dritten Jahrhunderts beginnen Gemeindeleiter, sich Priester zu nennen, obwohl sie keine Tieropfer darbringen, wie es sich für «richtige» Priester eigentlich gehört. Aber die Bezeichnung als Priester hat auf ihre liturgischen Tätigkeiten abgefärbt: Der Tisch für Brot und Wein wurde zum «Altar» und die Mahlfeier zum «Opfer». Das war der Anfang ihrer privilegierten Stellung. Und seitdem gibt es die Zweiteilung der Gläubigen in Kleriker und Laien.
Wie gingen die frühchristlichen Gemeinden mit Konflikten um?
Ebner: Natürlich gab es auch in frühen christlichen Gemeinden Konflikte. Und es ist ein Zeichen besonderer Aufrichtigkeit, insbesondere des Paulus, dass diese Konflikte nicht verschwiegen werden. Je nach Gemeindeverfassung werden sie unterschiedlich gelöst. In paulinischen Gemeinden gab es heftige Auseinandersetzungen, auch mit Paulus selbst, gerade wenn die Gemeinde von ihrem demokratischen Recht Gebrauch machen und von ihm (wohl wegen der Geldsammlung) die Rechenschaftspflicht einfordern wollte (vgl. 1 Kor 4,1-5).
In der Apostelgeschichte 15 wird ein idealisierter Ablauf einer Konfliktlösung erzählt.
Ebner: Es ist ein Modell für später, ein genau geregeltes Verfahren: Wenn die Gemeindeversammlung nicht in der Lage ist, einen Konflikt selbstständig zu lösen, dann tritt der Ältestenrat zusammen. In Anwesenheit der Betroffenen wird der Fall beraten, verschiedene Voten werden eingebracht und diskutiert – und letztlich darüber abgestimmt. Dieser Beschluss wird der Gemeindeversammlung zur Kenntnis gebracht. Alle damit in Verbindung stehenden Personalfragen jedoch werden von der Ekklesia durch Wahlen entschieden. In den Pastoralbriefen übernimmt natürlich der Bischof die Rolle des Schiedsrichters (vgl. 1 Tim 5,19-21).
«Frauenpower ist charakteristisch für das frühe Christentum.»
Welche Rolle spielten die Frauen?
Ebner: In urchristlichen Gemeinden spielten Frauen, anders als im normalen Umfeld, eine tragende Rolle: als Lehrerinnen, als Gastgeberinnen, als Gemeindeleiterinnen oder als Apostelinnen. In Angleichung an die römische Gesellschaft wurden die Frauen jedoch schon sehr früh wieder in den für sie üblichen Bereich zurückgedrängt: die Aufgaben im Haus. Jedoch liessen sich die Frauen nicht so leicht unterkriegen. Davon zeugen die sogenannten Witwen im ersten Timotheusbrief, die ehefrei lebten, also keinen Mann – ausser Christus – über sich haben wollten, und seelsorgerlich tätig waren: Sie machten Hausbesuche, erklärten dabei die christliche Lehre und kümmerten sich um die Kranken. Ein spätes Zeugnis aus dem frühen dritten Jahrhundert belegt, dass in Syrien diese aktiven Frauen ihre Seelsorgerinnen-Stellung sogar noch ausgebaut haben – und deshalb vom Autor dieser Schrift (»Didaskalia»), vermutlich einem Bischof, heftig verunglimpft wurden. Kurz: Frauenpower ist charakteristisch für das frühe Christentum.
«Vielfalt leben ist das Programm des Neuen Testaments.»
Was können wir von frühchristlichen Gemeinden in Bezug auf heutige Reformen lernen?
Ebner: Als Erstes Vielfalt leben. Das ist das Programm des Neuen Testaments. In seinen 27 Schriften stehen völlig unterschiedliche Theologien und Gemeindeverfassungen nebeneinander, ohne vereinheitlicht zu werden. Hinter der Tendenz zur Vereinheitlichung stecken gewöhnlich Machtinteressen. Zweitens: Sich vom normalen Leben etwas abschauen und noch verbessern: Organisationsstrukturen, Feierkultur, Konfliktlösungsmodelle und so weiter. Und drittens: Experimentieren und transformieren. Innerhalb von nur 100 Jahren haben die paulinischen Gemeinden gleich zwei Transformationen erfahren.
Was heisst das für uns?
Ebner: Unsere liturgische Sprache und die Feierformen so zu gestalten, dass sie ohne Erklärungen verständlich sind und zu Herzen gehen können. Dazu braucht es ein ständiges Ausprobieren, um das finden zu können, was sich für die momentane Situation am besten bewährt.
Braucht es neutestamentliche Leitlinien, wenn wir heute in der Kirche um Reformen ringen?
Ebner: Wir haben mit dem Neuen Testament das beste Rezeptbuch in der Hand – und nutzen es viel zu wenig. Nicht, um es eins zu eins zu kopieren, sondern um uns in diesem Geist weiterzuentwickeln. Immer wieder wird gegen den alleinigen Bezug auf das Neue Testament betont, dass die Tradition in der katholischen Kirche gleich wichtig sei. Aber damit ist gewöhnlich gemeint: Alles muss so bleiben, wie es gestern war. Dabei zeigt gerade ein Blick auf die lange Tradition der Kirchen, dass ständig alles im Fluss war. Um diesen Fluss auch heute gezielt zu lenken, könnte das Neue Testament die Richtung vorgeben, aber auch um unangenehme Fragen zu stellen.
Inwiefern?
Ebner: Nicht alle Transformationen atmen wirklich jesuanisch-neutestamentlichen Geist, auch wenn sie zu einer bestimmten Zeit vielleicht das Überleben oder gar das Wachsen der christlichen Gruppen gefördert haben. Kurz: Sowohl das Neue Testament als auch die Tradition unserer Kirchen fordern uns heraus, uns ständig auf die wechselnden Verhältnisse vor Ort einzulassen. Dabei sollten wir uns selbst immer fragen: Lasse ich Vielfalt zu? Schaue ich mir vom normalen Leben etwas ab? Bin ich zum Experimentieren bereit?
*Martin Ebner ist emeritierter Professor für Exegese des Neuen Testaments. Er war zuletzt an der Universität Bonn tätig. Sein neustes Buch heisst «Mitreden, mitentscheiden, mitgestalten. Wie sich frühchristliche Gemeinden organisierten, und was wir daraus lernen können», erschienen im Tyrolia Verlag.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/martin-ebner-neues-testament-ist-bestes-rezeptbuch-fuer-synodalitaet/