Von Kind auf war die nordmazedonische Regisseurin Teona Strugar Mitevska von Mutter Teresa beeindruckt. In ihrem neuen Film «Mother – Die Frau hinter der Ikone» versucht sich die Regisseurin ihrem Idol anzunähern.
Klaus Gasperi*
Das beeindruckende Leben von Mutter Teresa ist schon mehrfach verfilmt worden. Der Film von Teona Strugar Mitevska beschränkt sich auf ein paar wenige Tage im Leben der römisch-katholischen Ordensschwester albanischer Herkunft. Ort der Handlung ist Kolkata im Jahre 1948.
Mutter Teresa ist eine leidenschaftliche Lehrerin. Doch sie will nicht mehr höhere Töchter unterrichten, sie will hinaus in das Elend, das sie umgibt. Sie will den Ärmsten der Armen dienen. «Was ihr dem Geringsten tut, das habt ihr mir getan», so heisst es im Evangelium (Mt 25,40).
«Ein Film muss sich begrenzen, damit eine Geschichte und Intensität entstehen», sagt die Regisseurin. Deshalb erzählt der Film nur die letzten sieben Tage, bevor Teresa die Erlaubnis erhält, das Kloster zu verlassen und ihren eigenen Weg zu gehen.
«Sie war eine rebellische Person», erklärt Regisseurin Mitevska ihr Interesse an Mutter Teresa. Wirklich? Mutter Teresa war gewiss stur, wenn es um ihre Ideen ging. Doch politisch wollte sie nicht sein, hierarchische Ordnungen hat sie nie hinterfragt: «Wir können vielleicht einem helfen, einem einzigen», dem Menschen, der vor dir steht – das war ihre Devise.
Zweifellos: Atmosphäre hat dieser Film viel, auch eine sehr überzeugende Komposition der Bilder und in Noomi Rapace eine eindrucksvolle Hauptdarstellerin. Leider wird Mutter Teresas Leben auf eine blosse Abtreibungsdiskussion reduziert, die recht künstlich konstruiert wirkt.
Mutter Teresa überlegt, wem sie ihr Leitungsamt übergeben kann. Doch Nachfolgerin Agnieszka muss beichten, dass sie schwanger ist. Der Vater des Kindes ist inzwischen verstorben. Agnieszka weiss nicht, wohin sie gehen sollte. Damit sie im Kloster bleiben kann, will sie das Kind nun abtreiben.
Mutter Teresa – «der Engel der Nächstenliebe» – erscheint nun als strenge Oberin, die keinerlei Mitleid kennt. Das Kloster generell erscheint als ein Ort, in dem kritisch fragende Mitschwestern gedemütigt werden. Damit erinnert der Film überraschenderweise an sehr alte Bilder, an den Film «Aus dem Tagebuch einer Nonne» aus dem Jahre 1959. Nur in surrealen Traumszenen wird wie in einer Art Rebellion kurzzeitig ein freies Leben möglich, unterlegt von einem punkigen Hard-Rock-Sound.
Es ist für das Filmpublikum nicht klar ersichtlich, dass die Filmhandlung eine Fiktion ist. Nichts an diesem Film ist historisch, ausser ein paar Requisiten wie das fehlende Telefon oder die zurückgeschickte Rechenmaschine. Aber schon da fehlt jeder Kontext.
Die neue Rechenmaschine, über die sich die Buchhalterin kurz freut, wird zurückgeschickt, nicht primär aus Grausamkeit, sondern weil sie nicht zum Armutsideal des Ordens passt: Nur eine Baumwolltasche, sonst nichts, das war Mutter Teresas Plan. Steht so auch im Evangelium: «Ihr sollt nichts mit auf den Weg nehmen.» (Lk 9,3)
Wahr ist: Heilige sind unbequeme Personen. Sie sind keine Rockidole, die wir feiern, keine Society-Grössen, die wir beneiden können. Sie leben eine Kompromisslosigkeit, vor der uns normalen Gläubigen und auch manchen Bischöfen rasch schwindlig wird.
Teona Strugar Mitevskas Film rückt für einige Stunden Mutter Teresas Leben in den Mittelpunkt. Doch man sollte sich bewusst sein, dass es nur eine erfundene Geschichte ist. Gezeigt wird also nicht «die Frau hinter der Ikone», wie der Filmtitel ankündigt, sondern nur ein weiteres Klischee. So wie bei der russischen Babuschka immer wieder eine neue Puppe zum Vorschein kommt.
Hinter dem Film aber steckt ein Leben, das es zu entdecken gilt. Ein Leben, von dem heute oft nur noch ein paar Bilder vorhanden sind, die einem suggerieren, man wüsste Bescheid. «In Kolkata hilft Schwester Teresa den Bedürftigen», lese ich in einem Text des Filmverleihs. Doch das führt schon in die Irre. Mutter Teresa wollte gar nicht helfen. Sie wollte lediglich Sterbende, die wie Tiere gelebt haben und ausgestossen waren, vor ihrem Tod etwas Liebe und Würde spüren lassen.
«Ich glaube, der grösste Zerstörer des Friedens ist die Abtreibung, denn sie ist eine direkte vorsätzliche Tötung durch die Mutter selbst.» «Wenn eine Mutter ihr eigenes Kind im eigenen Leib umbringen kann, was hält dann Sie und mich noch davon zurück, uns gegenseitig zu töten?» – So sprach Mutter Teresa, als sie den Friedensnobelpreis erhielt. Sätze, für die sie oft kritisiert wurde.
Man mag darüber denken, wie man will. Zumindest hat aber Mutter Teresa die richtige Frage gestellt: Was bedroht den Frieden? Waffen, Klimawandel, Armut? Oder vielleicht auch einfach nur Menschenverachtung und Egoismus? Was liesse sich dagegen tun? Fragen, denen wir nur allzu gerne ausweichen. Die Heiligen nicht.
Der Film «Mother – die Frau hinter der Ikone» läuft aktuell in Basel, Bern, Biel, Glarus, Luzern, St. Gallen, Zürich und weiteren Orten in der Schweiz.
*Klaus Gasperi ist Redaktor beim Pfarreiblatt Uri Schwyz.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/mutter-teresa-das-klischee-hinter-der-ikone/