Synodaler Weg in Stuttgart: Katholischer Reformdialog auf der Zielgeraden

Fortschritte, Defizite, offene Fragen prägen die Debatte: Die Teilnehmer der letzten Vollversammlung des Synodalen Wegs blicken unterschiedlich unter anderem auf die Missbrauchsaufarbeitung in der katholischen Kirche.

(KNA) Nach rund sechs Jahren biegt der Synodale Weg auf die Zielgerade ein. Die bis Samstag dauernde letzte Vollversammlung in Stuttgart sei jedoch kein Finale des Dialogs zu Reformen in der katholischen Kirche in Deutschland, sondern lediglich das Ende einer Etappe auf einem längeren Weg, sagte die Generalsekretärin der Deutschen Bischofskonferenz, Beate Gilles, am Freitag. Zuvor hatten die anwesenden 177 Synodalen eine Bilanz des Projekts gezogen, das die Bischöfe zusammen mit dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) 2019 unter dem Eindruck des Missbrauchsskandals gestartet hatten.

Über die Fortschritte bei der Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche gehen die Meinungen weiterhin auseinander. Teilnehmer des Synodalen Wegs zur Zukunft der katholischen Kirche in Deutschland zogen bei der Abschlusssitzung des Reformprojekts am Freitag in Stuttgart eine gemischte Bilanz.

Erreichtes geht nicht allen weit genug

Nicht allen geht das Erreichte weit genug. Der Missbrauchsskandal zählte zu den Auslösern für den Synodalen Weg; die systemischen Faktoren, die Missbrauch in der Kirche begünstigt haben, waren in den vergangenen rund sechs Jahren immer wieder Thema in den Debatten.

«Dass wir heute hier sitzen und offen über Macht und Gewaltenteilung, über Geschlechtergerechtigkeit, über die Sexuallehre dieser Kirche und über die Lebensform des Klerus sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit.»

Johannes Norpoth, Mitglied im Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz, beklagte teils weiterhin bestehende massive Defizite. Es gebe aber auch einige positive Effekte: «Dass wir heute hier sitzen und offen über Macht und Gewaltenteilung, über Geschlechtergerechtigkeit, über die Sexuallehre dieser Kirche und über die Lebensform des Klerus sprechen, ist keine Selbstverständlichkeit.»

Fortschritte bei der Prävention

Auch im Bereich der Prävention habe sich einiges getan, tausende Menschen seien geschult und sensibilisiert worden, so Norpoth. «Der Weg zu einer wirklich Betroffenen orientierten inneren Haltung ist trotz aller Mühen immer noch ein sehr weiter.» Kritisch äusserte er sich etwa über das von der Kirche verantwortete System der Anerkennungsleistungen. Es sei unzureichend und berge die Gefahr einer Retraumatisierung der Betroffenen.

Am Vorabend war bei der letzten Synodalversammlung eine Evaluation der Katholischen Universität Eichstätt vorgestellt worden, in der die Effekte des Synodalen Wegs aus Sicht der Teilnehmer untersucht wurden. Etwa die Hälfte der Synodalen hatte sich daran beteiligt.

«Grosser Beitrag zu Enttabuisierung»

Demnach hatten diese mehrheitlich den Eindruck, dass der Synodale Weg nur «einen geringen Beitrag zur Behebung systemischer Ursachen sexualisierter Gewalt oder im Wiedergewinnen verloren gegangenen Vertrauens in der Kirche» erbracht habe. Einen «grossen Beitrag» habe der Synodale Weg hingegen zur Enttabuisierung von Themen und zur Anerkennung diskriminierter Gruppen geleistet.

Jährliche Tiefenbohrungen

Der Aachener Bischof Helmut Dieser zeigte am Freitag noch einmal die Entwicklungen zur Aufarbeitungsarbeit der vergangenen Jahre auf. Seit 2020 ist ein Betroffenenbeirat bei der Deutschen Bischofskonferenz ein Beratungsgremium. Ende 2024 nahm ein Sachverständigenrat seine Arbeit auf, dessen Mitglieder durch eine unabhängige Auswahlkommission ohne kirchliche Beteiligung bestimmt werden.

Aufgabe ist ein Monitoring der bestehenden Massnahmen in den Bistümern zum Schutz vor sexuellem Missbrauch und Gewalterfahrungen. Dazu gehören eine jährliche Datenerhebung und sogenannte Tiefenbohrungen, wie Dieser es nannte, in drei Bistümern pro Jahr.

«Es wird wichtig bleiben, dass wir uns immer wieder Expertise von aussen holen.»

In nahezu allen Bistümern sind inzwischen unabhängige Aufarbeitungskommissionen installiert. Dieser erklärte: «Es wird wichtig bleiben, dass wir uns immer wieder Expertise von aussen holen.» Die Beteiligung der Betroffenen sei inzwischen fest verankert. «Wir verstehen uns in diesem Feld als lernende Organisation.»

Zugleich bekräftigten Bischöfe und Laien, ihre Beratungen fortsetzen zu wollen. Das soll ab Herbst in einem neuen Gremium, der Synodalkonferenz, geschehen. Dazu bedarf es allerdings noch einer Zustimmung der Bischöfe und des Vatikans.

Der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck zeigte sich im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA) zuversichtlich, «dass Rom die Satzung der künftigen Synodalkonferenz für die Kirche in Deutschland genehmigen wird». Er werde in wenigen Wochen nach Rom reisen, um die Anerkennung des Gremiums in einem abschliessenden Klärungsgespräch vorzubereiten.

Weltsynode und Synodaler Weg passt

Generalsekretärin Gilles hob in Stuttgart noch einmal hervor, dass sich die von Papst Franziskus angestossene Weltsynode und der Synodale Weg nicht widersprächen. Es handle sich vielmehr um «zwei vielleicht sehr unterschiedlich gestartete Wege, aber sie passen sehr gut zusammen». Mit Blick auf die mitunter zutage getretenen Differenzen zwischen dem Vatikan und deutschen Kirchenvertretern sprach sie von produktiven Spannungen. Zum Abschluss ihrer letzten Synodalversammlung wollen die Teilnehmer am Samstag eine abschliessende Erklärung verabschieden.


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