Morgen begeht Caritas Schweiz in Bern ihr 125-jähriges Bestehen. Was dies für die Schweiz bedeutet, erklärt Bundesrätin Elisabeth Baume-Schneider, die am Jubiläumsevent als Rednerin auftritt, im Interview mit kath.ch. Ihrer Meinung nach schliesst die Caritas Lücken im sozialen Gefüge der Gesellschaft.
Jacqueline Straub
Frau Bundesrätin, die Caritas feiert 125-jähriges Bestehen. Was bedeutet die Caritas für die Schweiz?
Elisabeth Baume-Schneider: Caritas ist ein unverzichtbares Netzwerk von Professionellen und Freiwilligen, das sich Tag für Tag in der ganzen Schweiz für eine solidarische Gesellschaft einsetzt. Und dies schon seit 125 Jahren. Caritas ist in dieser Zeit zu einer Marke geworden, einem Gütesiegel. Es steht für Seriosität, Sorgfalt, Pragmatismus und Zugänglichkeit.
«Ohne die Caritas gäbe es mehr Einsamkeit und weniger Anerkennung für die Diversität unserer Gesellschaft.»
Wie würde eine Gesellschaft ohne die Caritas aussehen?
Baume-Schneider: Da Caritas auf so vielen Ebenen tätig ist, ist es gar nicht so einfach, eine kurze Antwort auf diese Frage zu geben. Was sicher ist: Ohne Caritas gäbe es bedeutende Lücken im sozialen Gefüge der Schweiz. Es gäbe mehr Einsamkeit und weniger Anerkennung für die Diversität unserer Gesellschaft und für die Schwierigkeiten, mit denen sich die Menschen in unserem Land konfrontiert sehen können.
Haben Sie persönliche Berührungspunkte mit der Caritas?
Baume-Schneider: Ja. Schon in meinen früheren Tätigkeiten hatte ich viel Kontakt mit der Caritas. Als Sozialarbeiterin im Kanton Jura halfen ihre Fachleute etwa bei der beruflichen Wiedereingliederung meiner Klientinnen und Klienten. Auch als ich eine lokale Organisation für Lebensmittelabgabe präsidierte, konnten wir auf die Unterstützung von Caritas zählen. Heute, als Bundesrätin, nehme ich die Caritas als bedeutende Stimme in der Sozialpolitik wahr, deren Arbeit sich durch hohe Professionalität und Expertise auszeichnet.
«Es ist stossend, dass in unserem Land so viele Menschen in Prekarität leben oder Gefahr laufen, durch eine unvorhergesehene Ausgabe in die Armut abzurutschen.»
Sie sprechen bei der Fachtagung der Caritas über die Armutspolitik und die Rolle des Bundes. Wie sieht Armut in der Schweiz aus?
Baume-Schneider: Armut hat viele Gesichter. Und sie kommt überall in unserer Gesellschaft vor. Es ist stossend, dass in unserem Land so viele Menschen in Prekarität leben oder Gefahr laufen, durch eine unvorhergesehene Ausgabe in die Armut abzurutschen.
«Das wichtigste Instrument in der Armutsbekämpfung ist meines Erachtens aber die Bildungspolitik.»
Was muss getan werden, um diese zu minimieren?
Baume-Schneider: Zum einen müssen wir die soziale Unterstützung enttabuisieren. Jeder Mensch kann in eine Situation kommen, in welcher er oder sie auf Hilfe angewiesen ist. Dafür braucht man sich ebenso wenig zu schämen, wie wenn man als Student ein Stipendium bezieht. Das wichtigste Instrument in der Armutsbekämpfung ist meines Erachtens aber die Bildungspolitik. Sie ist der stärkste Hebel, um Ungleichheiten effektiv zu bekämpfen. Wir müssen den Zugang zu Bildung – und Weiterbildung – erleichtern und so Chancengleichheit ermöglichen.
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