Der Fall Ameti: Die Stunde der Scheinheiligen

Die Juristin Sanija Ameti muss sich am Mittwoch vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Ihr wird vorgeworfen, gegen einen Artikel des schweizerischen Strafgesetzbuches, der die Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit unter Strafe stellt, verstossen zu haben. Die meisten Christinnen und Christen der Schweiz haben der Politikerin vergeben. Warum braucht es dann überhaupt noch einen Prozess?

Stefan Betschon

Der geografische Mittelpunkt der Schweiz liegt auf der Älggi-Alp im Kanton Obwalden. Das wirtschaftliche Zentrum des Landes ist in der Nähe des Paradeplatzes in Zürich zu vermuten. Der Hauptort in Sachen Kultur ist womöglich Berlin, wo viele junge Schweizerinnen und Schweizer ihre künstlerischen Neigungen entdeckten, wo etwa Peter Bieri, Sophie Hunger, Thomas Hürlimann, Gottfried Keller oder Robert Walser prägende Jahre erlebten.

Das religiöse Zentrum der Schweiz lässt sich in der voralpinen Hügellandschaft zwischen Zuger See und Zürichsee, auf einer Anhöhe bei Menzingen verorten. Dieser Hügel heisst Gubel. Hier überraschten vor knapp 500 Jahren katholische Soldaten aus der Innerschweiz mitten in der Nacht die reformierten Gegner aus Zürich. Fast 1000 Schweizer sollen bei dieser Schlacht ihr Leben verloren haben.

Was fühlt der Durchschnittsmensch?

Das Ende der Kampfhandlungen schuf die Voraussetzungen für den Zweiten Kappeler Landfrieden, der in der alten Eidgenossenschaft Regeln festlegte für das Miteinander der Konfessionen. So lernten die Eidgenossen sich grimmig zu lieben, so entdeckten sie die Wichtigkeit des Religionsfriedens.

Seit dieser Zeit ist der Gubel ein Wallfahrtsort. Es gibt hier ein Frauenkloster, eine Einsiedelei und die Ölberg-Kapelle, über deren Tür vor ein paar Jahrzehnten eine Inschrift angebracht wurde. Sie fasst die Kirchengeschichte der Schweiz zusammen mit zwei Worten, die wichtige Entwicklungsstufen benennen: «Gegeneinander – Zueinander».

Es brauchte nach dem zweiten Kappeler Landfrieden noch weitere Friedensbündnisse, um immer wieder aufflackernde, religiös motivierte Scharmützel zu beruhigen. Es brauchte dann auch noch mehrere Revisionen der Bundesverfassung, bis etwa auch die Schweizer Juden als vollwertige Bürger dieses Landes anerkannt waren. Es war ein langer Weg von dem «Gegeneinander» zum «Zueinander». Aber irgendwann kehrte Ruhe ein.

Maria als Zielscheibe

Bis dann im September 2024 im Schiesskeller eines Wohnhauses in der Stadt Zürich Schüsse fallen. Die junge, politisch engagierte Juristin Sanija Ameti macht «Entspannungsübungen» mit einer Druckluftpistole. Als Zielscheibe nimmt sie ein Bild, das die Gottesmutter mit dem Jesuskind zeigt. Sie lässt sich selbst und die Zielscheibe fotografieren und stellt diese Fotos ins Internet.

Schon am anderen Morgen bereut sie diese Tat und löscht die Bilder. Doch es ist zu spät. Ein Shitstorm bricht über die junge Frau herein, die bald ihren Job verliert, aus ihrer Partei ausgeschlossen wird und jede Aussicht auf eine politische Karriere aufgeben muss.

Nachdem die Zürcher Staatsanwaltschaft im Sommer 2025 Anklage erhoben hat, muss sich Ameti morgen Mittwoch vor dem Zürcher Bezirksgericht verantworten. Ihr wird vorgeworfen, gegen Art. 261 des schweizerischen Strafgesetzbuches (StGB), der die Störung der Glaubens- und Kultusfreiheit unter Strafe stellt, verstossen zu haben. Das «Durchschnittsempfinden» von «gläubigen Christen», so der Staatsanwalt, sei verletzt worden durch diese «herabsetzende und verletzende Missachtung und ein Lächerlichmachen ihres Glaubens».

Der Kern europäischer Identität

Das «Gegeneinander» von Gläubigen hat zu Beginn der Neuzeit in Europa Millionen von Opfern gefordert. Der Dreissigjährige Krieg gilt als der «zerstörerischste Konflikt der europäischen Geschichte» (Wikipedia). Diese bitteren Erfahrungen haben den Westen geprägt. Die Menschen hier mussten lernen, religiösen Pluralismus zu akzeptieren, sie mussten lernen, dass religiöse Toleranz guttut, dass Religionsfrieden erstrebenswert ist und dass dieser Frieden nur gewährleistet werden kann, nachdem es gelungen ist, Staat und Religion voneinander zu trennen. Die Bemühungen um diesen Frieden haben den modernen europäischen Staat überhaupt erst hervorgebracht. Und mit ihm die Aufklärung, die industrielle Revolution, die Demokratie, die Menschenrechte und den ganzen Rest.

Juristen mögen Mühe haben, das Konzept des Religionsfriedens zu definieren, doch es macht den Kern dessen aus, was heute der Westen genannt wird.

Die Lehren der Vergangenheit

Sanija Ameti hat einen Blödsinn gemacht. Sie musste dafür büssen. Sie bereut, was sie getan hat, sie hat sich dafür öffentlich entschuldigt. Als Katholik wird man unter diesen Voraussetzungen bereit sein, ihr zu vergeben. Doch als Staatsbürger könnte einem schon daran gelegen sein, über diese Affäre nicht allzu schnell hinwegzugehen.

Denn der Religionsfrieden ist eine wichtige Sache. Zwar kommt es im Zusammenhang mit Art. 261 StGB selten zu Gerichtsverfahren. Es gibt aber schon Anzeichen, dass die Lehren der Vergangenheit zu verblassen drohen. Wenn etwa die Jugendorganisation der Schweizer Sozialdemokraten in Bern schwarz gekleidete Randalierer aufmarschieren lässt, die antisemitische Parolen skandieren. Es wird einem dabei bewusst, dass der Weg vom «Gegeneinander» zum «Zueinander» eben nicht ein gerichteter, linearer Prozess ist, sondern dass es in dieser Entwicklung auch retardierende Bewegungen gibt.

Wer die Geschichte nicht kennt, ist gezwungen, sie zu wiederholen. Niemand kann das wollen. Wer nicht weiss, wie es damals war, kann heute den Fernseher einschalten und sich TV-Nachrichten anschauen. Fast täglich gibt es Berichte über Fundamentalisten, die sich gegenseitig niedermetzeln. In vielen muslimischen Staaten konnte die Säkularisierung nicht Fuss fassen. Religiöser Pluralismus und religiöse Toleranz sind dort Fremdwörter, Religionsfrieden bleibt eine Zukunftshoffnung.

Die ewige Wiederkehr

Das «Gegeneinander» der Gläubigen hat zu Beginn der Neuzeit in der Schweiz und in Europa nicht nur viele Menschenleben gekostet, es hat auch unzählige Kunstwerke zerstört. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhundert wurden in der Schweiz in den reformierten Gebieten viele Kirchen leergeräumt. In Zürich etwa kam es im Sommer 1524 zu einem Bildersturm. Unter amtlicher Aufsicht und durch Zwingli angeleitet wurden die Kirchen «gereinigt»: Fresken wurden übermalt, Altäre zerhackt, Holzskulpturen verbrannt, Bibliotheken leergeräumt, Handschriften zerrissen, kostbare Silber-und Goldschmiedewerke eingeschmolzen, Edelsteine verhökert. Ähnliches ereignete sich in Basel, Bern, St. Gallen und in weiteren Orten der reformierten Schweiz. Vor allem Darstellungen der Gottesmutter erregten die Zerstörungswut der Bilderstürmer.

Das Foto von einer malträtierten Maria aus Ametis Schiesskeller lässt einen erschaudern. Es ist, als würde sich die Geschichte wiederholen.

Im Kreis der Scheinheiligen

Die allermeisten Christen in der Schweiz haben Ameti längst vergeben. Dass sie nun doch noch vor Gericht erscheinen muss, hat vielleicht auch sein Gutes, wenn die Publizität dieses Verfahrens dazu beitragen kann, kirchengeschichtliche Bildungsdefizite zu beheben.

Dass nun allerdings rechte Kreise dieses Verfahren zu einem Schauprozess machen möchten, um – warum eigentlich? – den Nachweis zu erbringen, dass hochgebildete, beruflich erfolgreiche Frauen, die auf der linken Ratsseite politisieren unschweizerisch sind? Dass diese Kreise Normen für religiöse Toleranz als Waffe gegen Andersdenkende missbrauchen, ist abscheulich. Das widerspricht der christlichen Ethik und dem Geist dieser Gesetze.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

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