Bischof Grögli: «Mich hat die Kraft des Glaubens gegen totalitäre Systeme fasziniert»

Der St. Galler Bischof Beat Grögli leitet am Sonntag den Gedenkgottesdienst des Hilfswerks Kirche in Not (ACN) gegen Christenverfolgung in der Luzerner Jesuitenkirche. Er kennt verfolgte Christen und ist überzeugt: Ihr Lebenszeugnis berührt auch Menschen hierzulande.

Barbara Ludwig

Sie sind Ehrengast und Prediger beim Gedenkgottesdienst von Kirche in Not für verfolgte Christen in der Luzerner Jesuitenkirche. Welchen Bezug haben Sie zu Kirche in Not?

Beat Grögli: Schon als Jugendlicher hat mich der Widerstand gegen totalitäre Systeme sehr interessiert – besonders gegen die Ideologien des Nationalsozialismus und des Kommunismus. Mich hat die Kraft aus dem Glauben fasziniert, die diese Menschen bestärkt hat. Von Dietrich Bonhoeffer habe ich fast alles gelesen. Über ihn habe ich meine theologische Magisterarbeit geschrieben.

Durch die Gemeinschaft Sant’Egidio in Rom bin ich auf Andrea Riccardis Buch über die Märtyrer des 20. Jahrhunderts und die Ikone «Die neuen Märtyrer» gestossen. Kirche in Not war auch schon in der Kathedrale St. Gallen zu Gast. Und einer der Mitarbeiter des Hilfswerkes hat dasselbe Gymnasium besucht wie ich.

«In Europa gilt die Devise: Jeder und jede darf glauben, was er oder sie will, aber bitte privat.»

Nach Angaben von Kirche in Not sind etwa 220 Millionen Christen direkter Verfolgung ausgesetzt. Den meisten Menschen hierzulande scheint das egal, zumindest gibt es keine grossen Demonstrationen zugunsten verfolgter Christen. Beschäftigt Sie diese fehlende Solidarität in weiten Kreisen der Bevölkerung? Wie denken Sie darüber?

Grögli: Seit der Aufklärung gilt in Europa die Devise – fast wie ein Dogma: Jeder und jede darf glauben, was er oder sie will, aber bitte privat. Die verfolgten Christen «stören» diese Sichtweise massiv: Sie ziehen sich mit ihrem Glauben nicht in einen privaten Innenraum zurück. Oft spielen auch wirtschaftliche Interessen eine grosse Rolle. Mit China zum Beispiel will es niemand verscherzen, obwohl wir genau wissen, wie stark dort die Kirchen kontrolliert und beschnitten werden.

Insgesamt bin ich mir aber nicht so sicher, ob bei uns die Solidarität mit verfolgten Christen tatsächlich so klein ist. Ihr Lebenszeugnis berührt auch bei uns viele Menschen.

Kennen Sie persönlich Christen und Christinnen, die wegen ihres Glaubens Nachteile erleiden, vielleicht gar verfolgt werden? Wie kam es dazu?

Grögli: Seit meinem Theologiestudium in Innsbruck habe ich Kontakt mit Menschen in der Ukraine. 1996 war ich zum ersten Mal in diesem Land und habe die Auswirkungen der kommunistischen Herrschaft noch stark gespürt. Später haben wir die Patenschaft für einen chinesischen Priester übernommen, der in Innsbruck doktorierte. Mit ihm stehe ich immer noch im Mail-Kontakt und erlebe so sehr nahe, wie vorsichtig er sich bewegen muss. Durch die Freundschaft mit einem kolumbianischen Priester und heutigen Bischof Luis Manuel Alí Herrera habe ich mehr erfahren über die Rolle der Kirche in Lateinamerika.

Dass eine Kirche in der Not auch über viele Jahre ohne Priester und ohne Eucharistiefeiern überleben kann, weiss ich aus den persönlichen Berichten eines Priester-Freundes, der im kommunistischen Albanien aufgewachsen ist.

«Gläubige Menschen geben mir zu verstehen, dass sie sich lieber nicht als solche bekennen möchten.»

Mich beschäftigt aber auch die Situation bei uns: Religion ist für viele ein Tabu-Thema; nicht wenige gläubige Menschen geben mir zu verstehen, dass sie sich lieber nicht als solche bekennen möchten – aus Angst vor blöden Sprüchen.

Was haben Sie aus der Begegnung mit diesen Menschen für sich oder ihren Glauben mitgenommen?

Grögli: Am Ende ist das Leben immer eine Entscheidung. Zu was sage ich ja, wo sage ich nein? Das Glaubenszeugnis dieser Menschen gibt mir Mut zur Wahrheit. Zugleich beschämt mich dann mein Kleinglaube.

«Besonders stark empfinde ich das Zeugnis der Versöhnung, das verfolgte Christen geben.»

Besonders stark empfinde ich das Zeugnis der Versöhnung, das verfolgte Christen geben: Dass Menschen aus dem Glauben heraus vergeben können, obwohl sie schweres Unrecht erleiden.

Können Sie uns den Kerngedanken Ihrer Predigt vom kommenden Sonntag verraten?

Grögli: Die Lesung aus dem Propheten-Buch Jesaja formuliert einen grossen Anspruch: ein Glaube für alle Nationen, Heil, das bis an das Ende der Erde reicht. Ja, ich bin überzeugt, dass der christliche Glaube wahr ist und dass er der Welt und dem Menschen guttut. Und doch kann ich diesen Glauben anderen nicht aufzwingen. Glauben kann man nur in Freiheit.

Die Welt macht uns gerade etwas anderes vor: das Recht des Stärkeren, der sich mit Macht durchsetzt. Auf diese Macht muss Religion verzichten.

Und dann feiern wir die Hoffnung der mutigen Zeugen des Glaubens: «eine Hoffnung voll Unsterblichkeit, eine unbewaffnete Hoffnung», wie Papst Leo sagt.

Am Sonntag, 18. Januar, um 10 Uhr, findet in der Jesuitenkirche Luzern der jährliche Gedenkgottesdienst für bedrängte und verfolgte Christen statt, organisiert vom Hilfswerk Kirche in Not (ACN). Bischof Beat Grögli von St. Gallen steht als Ehrengast und Prediger der Heiligen Messe vor. Diese umrahmen musikalisch die Solosängerin und Jodlerin Nicole Flühler und der Jodlerklub Alpnach.


Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant

https://www.kath.ch/newsd/bischof-groegli-mich-hat-die-kraft-des-glaubens-gegen-totalitaere-systeme-fasziniert/