Nach dem Brand von Crans-Montana mit 40 Todesopfern und über 100 teils Schwerverletzten geht es nicht mehr nur um die Opfer, sondern auch um angebliche «Wallisereien», so der Alpenforscher Boris Previšić. Das Wallis werde nun zum Prügelknaben.
Wolfgang Holz
«Das Wallis ist über seine Sprachgrenze hinaus vor allem eines: katholisch», sagt der Alpenforscher Boris Previšić in einem Interview in der «Luzerner Zeitung». «Der ganze Kanton ist ein Bistum, nämlich Sitten. Das gibt ihm eine kulturelle Kohärenz, die schon seit dem Sonderbundkrieg 1847 immer wieder als Eigenbild reaktiviert wird. Im Kanton Graubünden ist das anders: Dieser ist nicht nur sprachlich, sondern auch religiös viel diverser und kann nicht so einfach als Einheit begriffen werden.»
Der Katholizismus habe das Wallis geprägt, so Previšić. Denn selbst, wenn man sich selbst nicht mehr als religiös beschreiben würde, sei ein gewisser Fatalismus zu beobachten. «Wenn etwas Schlimmes geschieht, dann hat das eben so sein müssen. Weil eine höhere Macht – sei das Gott, sei das der Berg – darüber entschieden hat. Dann ist auf einmal niemand für etwas verantwortlich.»
«Zum echten Urschweizer wurde der sogenannte Homo Alpinus erhoben: der Bergler, welcher der rauen Natur standhält, ihr aber auch ausgeliefert ist.»
Nach dem Ersten Weltkrieg, der die Schweiz beinahe auseinandergerissen habe, habe die Schweiz laut dem Alpenforscher mit der Geistigen Landesverteidigung der 1930er Jahre eine neue Selbstdefinition erlebt. «Zum echten Urschweizer wurde der sogenannte Homo Alpinus erhoben: der Bergler, von der Alpwirtschaft geprägt, welcher der rauen Natur standhält, ihr aber auch ausgeliefert ist. Der Urner, der Bündner, der Walliser», so Previšić im Interview mit der Luzerner Zeitung.
Dabei sei im Wallis – befördert nicht zuletzt durch die beliebte Fernsehserie «Tschugger» – zudem das positive und liebenswerte Bild eines Exoten in der Schweiz kreiert worden, das gerade zeige, dass man als Schweizer nicht nur «bünzlige Kontrollfreaks» und «Tüpflischiisser» hervorbringe, sondern quasi auch dem «Wilden und Rebellischen» Raum schenke. Allerdings scheitere dieses Image, sobald die Katastrophe eintreffe.
«Sobald der Berg, der Murgang, die Lawine oder der Flashover kommt, kippt das Fremd- und Eigenbild des Exoten, auf das man doch auch ein bisschen stolz ist, in das Stereotyp, mit dem man nichts mehr zu tun haben möchte: die Walliser und ihre Wallisereien», sagt der Alpenforscher Boris Previšić im Interview mit der «Luzerner Zeitung» klar.
Zwar sind wohl «behördliche Schlamperei» und «mafiöse Verstrickungen» für die Katastrophe von Crans-Montana verantwortlich. Doch wisse man inzwischen, dass «in der übrigen Schweiz zum Teil noch viel seltener kontrolliert wird. Das Wallis ist das schlechte Gewissen der Schweiz.»
*Dies sagte der Alpenforschers Boris Previšić im Interview «Das Wallis ist das schlechte Gewissen der Schweiz», das am 14. Januar in der «Luzerner Zeitung» erschienen ist.
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