Stephan Schmid-Keiser: «Religion und praktizierter Glaube sind wie ein-ei-ige Zwillinge»

An der Universität Luzern wird es aufgrund von Sparplänen künftig kein Religionswissenschaftliches Seminar mehr geben. Stephan Schmid-Keiser hebt in seinem Beitrag hervor, wie wichtig Religionswissenschaften und Theologie sind. «Beide Disziplinen haben in der Bildungspraxis ihren Stellenwert und bleiben aufeinander angewiesen.»

Stephan Schmid-Keiser*

Soll man Theologie oder Religionswissenschaft studieren? Sich für diese Studiengänge gleichzeitig entscheiden, ist an der Universität Luzern nicht mehr möglich. Wie damit umgehen, wird zum Rätseln über die Zahl von Studierenden und die erforderliche Verstärkung der Grundfinanzierung einer Ausbildungsstätte, die existenzielle Bedürfnisse nach Spiritualität und Religion aus der Öffentlichkeit zu verdrängen scheint. Ohne darauf zu achten, dass sich eine gefährliche Mixtur aus Halbwissen und gegenseitiger Entfremdung in der Gesellschaft ausbreiten könnte.

Skepsis gegenüber Religionswissenschaft und Theologie

Beiden Fachrichtungen wird mit Skepsis begegnet. Ob dies mit der Spätwirkung religionskritischer Strömungen zu tun hat? Etwa im Stil von Goethes Faust, der sich am Ende seines Monologs für Magie entschied? Um erkennen zu können, «was die Welt im Innersten zusammenhält»? Und alle «Wirkenskraft und Samen» zu schauen, Faust «nicht mehr in Worten kramen» lässt? Obschon dem Magieverdacht entzogen, ringt Theologie darum, ihr Forschen zur Frage nach Gott in die Gegenwart zu tragen.

Unterdessen geht dieser Forschungszweig neue Wege, ist lebensnaher ausgerichtet als auch schon. Der Teufel wird nicht mehr an die Wand gemalt, obwohl die Realitäten des Bösen, der Ungerechtigkeit, der Friedlosigkeit grösste Herausforderungen bleiben. Im Kontakt mit der Theologie werden sich Studierende der Religionswissenschaft kaum dazu bequemen, mit Goethe einzustimmen: «Habe nun, ach! Philosophie, Juristerei und Medizin, Und leider auch Theologie durchaus studiert, mit heißem Bemühn. Da steh’ ich nun, ich armer Tor, Und bin so klug als wie zuvor!» (Goethe, Faust. Der Tragödie erster Teil, 1808. Szene: Nacht, Faust allein in seinem gotischen Zimmer).

Folgen für die Curriculum-Entwicklung der Religionspädagogik?

Aus welchen Kontexten kamen die beiden Fachrichtungen? War ihnen in der jüngeren Vergangenheit genügend Raum in der Universität zugewiesen? Wo standen sie in Konkurrenz? Wo haben sie voneinander profitiert? Welcher Philosophie gedient, die ihren Fachgebieten eigen ist? Welche Impulse würden sie heute aus ihren nicht mehr «gotischen» Zimmern locken können? Welche Folgen hätte dies zum Beispiel für eine interreligiös sensible, ökumenische Religionspädagogik, die mit einem neuen Curriculum näher zur theologischen Fakultät in Luzern rücken muss?

Vor 20 Jahren noch sprach man am Ende eines in Luzern durchgeführten Symposiums davon, gemeinsame Projekte an die Hand zu nehmen. Beiden wollte man als zwei Zugängen zur Religion gerecht werden, verschwieg dabei auch nicht, dass es Überschneidungen und strittige Punkte gibt. Damit einher ging die Profilierung der beiden Fächer, bei der etwa der Theologe Edmund Arens für eine religionstheoretisch kompetente und kommunikative Theologie eintrat, dies gegenüber der Neuausrichtung eines ehemaligen Ordensmanns, dem Religionswissenschaftler Richard Friedli, der nach einer «Spiritualität ohne Religionen» verlangte. (Vgl. Edmund Arens: Zwischen Konkurrenz und Komplementarität. Zum Verhältnis von Theologie und Religionswissenschaft, in: Or 70 (2006) 116-120).

Eigene Fachgebiet nicht eng fassen

Interessant ist nun, dass im Rahmen der Religionspädagogik vor 50 Jahren Hubertus Halbfas die Weichen anders gestellt haben wollte (Vgl. ders.: Religion. Bibliothek Themen der Theologie. Ergänzungsband, 1976, 197-199). Im Anschluss an Josef Noltes Theologia experimentalis. Übergänge zu einer Metatheologie, nahm Halbfas F. Nietzsches Ruf auf: «Nichts für sich allein!» und ergänzte diesen selbstkritisch. Das Christliche nämlich könne «nichts für sich allein in Anspruch nehmen». Das war ein Aufruf, das eigene Fachgebiet nicht eng zu fassen. Religionen seien «gesellschaftlich konstruierte Sinnwelten oder Offenbarungsereignisse oder beides zugleich», unterstrich Halbfas.

Und: In jedem Fall seien sie «Konstruktion und Ereignis», im «Auf und Ab der Geschichte unterstellt». Weit vorausschauend wollte Halbfas die einseitige Zuordnung der Religionspädagogik zu Kirche und Theologie nicht hinnehmen und forderte eine Religionsdidaktik als «Sprachlehre der Religionen». Nicht mehr institutionelle Eigeninteressen sollten diese definieren, sondern eine Religionspädagogik sei zu entwickeln, die sich «wissenschaftstheoretisch (zumindest: auch) innerhalb der Religionswissenschaften platziert». Halbfas stand für eine Bildungskonzeption, «die offene Lernprozesse zwischen den Kulturen und Religionen der Welt gestattet».

Spiritualität als Triebfeder

Theologie und Religionswissenschaft wären vor diesem Hintergrund für die Religionspädagogik weit offene Zimmer, in denen nicht zuletzt Spiritualität als Triebfeder menschlicher Sinnsuche erforscht und für die Bildungspraxis kontinuierlich kritisch vermittelt würde. Dies gilt besonders für «die Frage nach Gott», die sich länger schon aus religionsphilosophischer Sicht zur Sinnfrage und damit zur Frage nach «Hoffnung überhaupt» gewandelt hat.

Dies konnte Heinz Robert Schlette in einem dem Schweizer Philosophen Hans Saner gewidmeten Vortrag 1998 festhalten, indem er sich daran machte, nichts weniger als «die religionsphilosophische Gesamtlage zu präzisieren» (ders.: Was bedeutet «die Frage nach Gott» heute? in: Or 63 (1999) I, 50-53; II, 63-66). Dass Schlette dabei den «mühsamen Prozeß der Emanzipation der Religionswissenschaft von den christlich-kirchlichen Theologien» ansprach, jedoch die «methodischen Darlegungen der Vertreter dieses recht eigenartigen Faches» nicht «im einzelnen» untersuchte, verdiente heute weiterer Aufarbeitung.

Wie ein-ei-ige Zwillinge

Ist nun neben der Religionswissenschaft bald auch das Fach Theologie in die Enge getrieben? Wie es scheint, hat die Bildungspolitik nicht erkannt, dass Religion und praktizierter Glaube wie ein-ei-ige Zwillinge sind, die besonderer Beachtung im wissenschaftlichen Diskurs bedürfen. Beide Disziplinen – Theologie und Religionswissenschaften – haben in der Bildungspraxis ihren Stellenwert und bleiben aufeinander angewiesen. Eine Curriculum-Entwicklung der hier genannten Fächer müsste darüber hinaus die Religionssoziologie und die Psychologie miteinbeziehen. Unabdingbar für diese Entwicklung wäre jedoch, dass sich die Bildungsdirektionen aller Zentralschweizer Kantone darüber einig würden, die Grundfinanzierung der Universität Luzern zu erhöhen. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

*Stephan Schmid-Keiser ist in Liturgiewissenschaft und Sakramententheologie promovierter Theologe und Seelsorger. 


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