Das Evangelium ist politisch, sagt der Basler Bischof Felix Gmür. Das bedeutet auch, sich für Frieden einzusetzen. Am Geburtsort Jesu hat er ein «Bewusstsein von Verletzlichkeit, Wehrlosigkeit und Ausgeliefertsein» der dort lebenden Menschen gespürt. Zu Weihnachten hätte er sich den Diakonat der Frau gewünscht.
Jacqueline Straub
Fröhliche Weihnachten. Was ist die Botschaft des Weihnachtsfests?
Bischof Felix Gmür*: Weihnachten bedeutet Veränderung und Neuanfang. Ebenso, dass der Mensch Aufmerksamkeit von Gott hat.
Inwiefern Neuanfang?
Gmür: Gott macht einen Neuanfang mit den Menschen, indem er den Menschen Jesus in die Welt schickt.
«Da muss man gar nicht viel theologisieren oder philosophieren.»
Wenn jemand vor Ihnen steht, der nicht an Gott glaubt, wie erklären Sie diesem Menschen Weihnachten?
Gmür: Jedem Menschen, so glaube ich, geht Weihnachten nah. Vor allem die Wärme und die Menschlichkeit, die einen Aspekt der Hoffnung in sich tragen. Und genau das ist die Botschaft von Weihnachten. Da muss man gar nicht viel theologisieren oder philosophieren.
Sie sprechen von Menschlichkeit und Wärme. Ein Priester hat in den USA aus Protest gegen die restriktive Migrationspolitik von US-Präsident Donald Trump ein Zeichen setzen wollen und vor seiner Kirche eine Krippe ohne Figuren, aber mit einem Schild, gestellt. Zu lesen ist da «ICE war hier.» ICE ist die US-Einwanderungsbehörde. Was sagen Sie dazu?
Gmür: Natürlich ist das eine Provokation. Den Inhalt finde ich aber sehr gut, weil das Evangelium immer politisch ist. Im Lukasevangelium steht ganz klar: Jesus ist der Messias, an ihn glauben wir und nicht an den römischen Kaiser. Die politische Situation ist auch Teil von der Wirklichkeit, in der wir leben. Diese darf und muss man als Christin oder Christ anschauen und darf auch kritisieren. Ich sehe darin absolut kein Problem.
«Es gibt Pro und Contra.»
Würden Sie als Bischof von Basel auch so eine Aktion machen?
Gmür: Das geht in die gleiche Richtung wie mit den Fahnen, die bei der Konzernverantwortungsinitiative an Kirchen hingen. Ich persönlich hätte das nicht gemacht. Ich hätte ein Podium dazu gemacht – um Pro und Contra zu diskutieren.
Bietet sich solch eine Diskussion an, wenn es um Menschenleben – wie in den USA – geht?
Gmür: Es gibt Pro und Contra, indem man der anderen Position zuhört und versucht zu verstehen. Das heisst nicht, dass man es gut findet.
Nach dem Lukasevangelium verkünden die Engel den Frieden. Wenn ich aber in die Welt blicke, ist an vielen Orten kein Frieden, sondern Krieg, Konflikt, Streit und Hass. Was sagen Sie Menschen, die in nicht-friedlichen Situationen leben?
Gmür: Menschen, die nicht im Frieden leben, kann man keinen einfachen Trost geben. Zuerst muss man mit diesen mitleiden – das ist ja auch jesuanisch. Frieden ist kein Automatismus und keine Selbstverständlichkeit. Die Friedensbotschaft ist ein Input an uns Menschen: Was können wir tun? Wie können wir dazu beitragen?
Wie können wir noch an den Friedensstifter glauben, wenn der Dritte Weltkrieg jederzeit ausbrechen könnte?
Gmür: Wir leben in Zeiten von Unsicherheit und Angst, ja, aber ein Blick in die Geschichtsbücher zeigt: In Krisenzeiten war die Hoffnung der Menschen grösser. Sie haben innere Kräfte geweckt. Krisen bringen den Glauben offenbar in Widerstandskräfte und fördern und erzeugen Überlebenskräfte.
Vor zwei Monaten waren Sie im Heiligen Land und haben Bethlehem besucht. Sie standen an dem Ort, an dem Jesus zur Welt kam. Doch nur unweit entfernt, im Gaza, herrscht Krieg. Wie haben Sie dort die Situation erlebt?
Gmür: Die Menschen im Westjordanland leben zwar nicht im Krieg, aber auch nicht im Frieden. Es ist nur eine Abwesenheit von Kriegshandlungen, wie schon zur Zeit, als Jesus zur Welt kam, der «Pax Romana» kein richtiger Frieden war. Die Situation heute ist extrem angespannt. Da braucht es menschliche Nähe. Das ist das Wichtigste. Und dort, wo man etwas machen kann, sollte man sich einsetzen. Alles andere sind politische Entscheide.
Was haben Sie in Bethlehem erlebt?
Gmür: Es geht um das pure Überleben. Ich habe zwar nicht gespürt, dass die Menschen in Bethlehem Angst hätten, dass sie eine Bombe treffen könnte. Aber sie haben keinen wirtschaftlichen Austausch: Es gibt keine Touristen mehr, die meisten Hotels und Restaurants sind zu. Die vielen israelischen Checkpoints machen das Reisen im Westjordanland fast unmöglich. Den Leuten kommt es vor, als ob das israelische Militär sie zermürben möchte. Gleichzeitig sehe ich die jungen israelischen Soldatinnen und Soldaten, die dort stehen müssen. Sie sind auch gezwungen, etwas zu machen, was sie nicht machen wollen. Es gibt keinen Gewinner.
«Es gibt eine innere und eine äussere Dimension von Frieden.»
Haben Sie vor Ort den Frieden, den Gott vor über 2000 Jahren in die Welt geschickt hat, gespürt?
Gmür: Ja, ich habe den Frieden und auch die Menschwerdung gespürt. Es geht um uns Menschen. Die Menschen in Bethlehem haben ein Bewusstsein dafür, dass dort Gott Mensch wurde. Sie haben aber auch ein Bewusstsein von Verletzlichkeit, Wehrlosigkeit und Ausgeliefert sein.
Bethlehem spiegelt also die Umstände wider, unter denen Maria ihr Kind Jesus zur Welt brachte.
Gmür: Ja, absolut.
Was bedeutet für Sie ganz persönlich Frieden?
Gmür: Es gibt eine innere und eine äussere Dimension. Die äussere ist, dass wir hier in Frieden leben können. Und die innere Dimension ist Ruhe, Zufriedenheit und Vertrauen.
Sie predigen immer frei. Können Sie uns dennoch einen Hauptgedanken Ihrer Weihnachtspredigt nennen?
Gmür: Ich habe verschiedene Ideen im Kopf, die noch zusammenkommen müssen. Ich werde aber sicher über Verletzlichkeit und Geborgenheit predigen.
Wie verbringen Sie die Weihnachtstage?
Gmür: Wir feiern im Bischofshaus mit Gästen. Ich verbringe aber auch noch Zeit mit meiner Familie. Dazwischen feiere ich viele Gottesdienste.
«Es ist nicht mehr dunkel.»
Welche Kindheitserinnerungen haben Sie an Weihnachten und die Adventszeit?
Gmür: Die Adventszeit ist meine Haupterinnerung an meine Kindheit. Der Duft von Kerzen und Tannenzweigen – und Licht. Das Johannesevangelium sagt uns ja deutlich: An Weihnachten kommt das Licht in die Welt. Es ist nicht mehr dunkel. Aber vielleicht ist das Licht etwas weit weg.
Was empfehlen Sie Menschen, die das Licht in ihrem Leben kaum noch sehen?
Gmür: Sich dennoch daran zu orientieren.
Wie blicken Sie auf 2025 zurück?
Gmür: Oh, das habe ich noch nicht gemacht (lacht). 2025 ist ja das Heilige Jahr. Es steht unter dem Motto «Pilger der Hoffnung». Das hat mich begleitet: Schritt für Schritt unterwegs sein und zu wissen, dass es gut kommt.
Was steht im Bistum Basel im Jahr 2026 an?
Gmür: Ich möchte mich im neuen Jahr weiterhin für Synodalität einsetzen. Denn das muss noch weiter zu den Menschen gebracht werden. Ich wünsche mir sehr, dass Pfarreien und Kirchgemeinden das noch viel mehr implementieren und ein «Gespräch im Geist» zu den unterschiedlichen Themen, die vor Ort anstehen, führen.
Kürzlich hat die Studienkommission zum Frauendiakonat ihren Bericht veröffentlicht. Das Resultat: Vorerst kein Frauendiakonat. Hätten Sie sich ein positives Ergebnis zu Weihnachten gewünscht?
Gmür: Ja, denn es liegt doch schon alles auf dem Tisch. Aber vielleicht müssen jetzt theologische Prioritäten gesetzt werden.
«Das Frauendiakonat kann man jetzt doch auch einführen.»
Und die wären?
Gmür: Die Frage ist, ob nur etwas eingeführt werden kann, was es schon einmal in der Kirche gegeben hat. Ich erinnere an die Einführung des Ständigen Diakonats für Männer. Das hat es vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil nicht gegeben. Es wurde aus pastoraler Notwendigkeit eingeführt. Das Frauendiakonat kann man jetzt doch auch einführen und sagen, dass es pastoral und menschlich überfällig und nötig ist.
Plädieren Sie bei diesem Schritt – wie beim Ständigen Diakonat – für eine Regionalisierung?
Gmür: Ja. Es muss nicht überall gleich sein – aber überall muss es anerkannt sein, dass es an einem Ort so und am anderen Ort anders ist.
Denken Sie, dass Papst Leo XIV. die Dezentralisierung in der katholischen Kirche vorantreiben wird?
Gmür: Ich habe mit Papst Leo an der Weltsynode sehr viel gesprochen, aber nicht über so praktische Dinge. Ich habe aber das Gefühl, dass er sehr strukturiert ist. Ich hoffe sehr, dass das Diakonat der Frau kommt. Ich werde mich weiterhin dafür einsetzen. Aber jetzt möchte ich erstmal allen frohe und gesegnete Weihnachten wünschen.
*Felix Gmür ist Bischof des Bistums Basel.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant
https://www.kath.ch/newsd/bischof-felix-gmuer-an-weihnachten-geht-es-um-uns-menschen/