Theo Pindl: «Die Christkatholische Kirche ist klein – aber spürbar wie das Salz in der Suppe»

Nächstes Jahr feiert die christkatholische Kirche ihr 150-Jahr-Jubiläum. Ein erstaunliches Jubiläum für eine so kleine kirchliche Gemeinschaft mit nur 12’000 Gläubigen in der Schweiz. Und doch ist die christkatholische Kirche nicht nur für viele römisch-katholische Gläubige vorbildhaft in punkto kirchliche Reformen. Indes, wie der christkatholische Pfarrer Theo Pindl im Interview mit kath.ch erklärt, gibt es Partizipationsprobleme.

Wolfgang Holz

Herr Pindl, nächstes Jahr feiert die christkatholische Kirche ihr 150-Jahr-Jubiläum. Inwiefern erfüllt Sie dies mit Freude und Zuversicht?

Theo Pindl: Mich freut und überrascht immer wieder, wie viel vom christkatholischen Mindset bei den Menschen anzutreffen ist, unabhängig davon, welcher Konfession sie angehören. Christkatholische Themen wie Partizipation, Gleichberechtigung, Gewissensfreiheit, Ehe für alle, freiwilliger Zölibat gehören offensichtlich nicht nur für unsere Kirchenmitglieder zur Grundausstattung einer glaubwürdigen Kirche.

Darin spiegelt sich für mich eine transkonfessionelle Gemeinsamkeit, die sich im kirchlichen Alltag als gelebte Gastfreundschaft ausdrückt. Als kleine Kirche sind wir zwar wenig sichtbar, aber doch spürbar – wie das Salz in der Suppe. So bin ich zuversichtlich, dass der Christkatholizismus auch künftig einen festen Platz in Kirche und Gesellschaft der Schweiz haben wird.

«Dieses Engagement gerade auch der vergangenen Generationen wert zu schätzen, gehört für mich zur Essenz unseres Jubiläums.»

Was würden Sie denn sagen, sind die Meilensteine von 150 Jahren christkatholischer Kirche im Rückblick?

Pindl: Zuallererst denke ich an die Menschen, die sich mit grossem «Feu sacré» für solche Meilensteine engagiert haben, wie zum Beispiel für die Liturgiereform, für den Dialog mit der orthodoxen Kirche oder die Ehe für alle. Heute, wo auch bei uns das Milizsystem an seine Grenzen kommt, wird uns deutlich bewusst, dass unsere Gemeinschaft von engagierten Menschen lebt.

Dieses Engagement gerade auch der vergangenen Generationen wertzuschätzen, gehört für mich zur Essenz unseres Jubiläums. Ein Highlight in unserer Geschichte ist für mich das sogenannte «Bonner Abkommen» von 1931: In drei kurzen Sätzen wurde damals die Kirchengemeinschaft mit der anglikanischen Kirche begründet.

«Ich bin überzeugt, dass wir mit einer jesuanischen Spiritualität eine Brücke schlagen können zu jenen, die sich von der Kirche abgewendet haben.»

Sie selbst haben gesagt bzw. sind davon überzeugt, dass die christkatholische Kirche sich neu erfinden müsse. Was meinen Sie damit und warum?

Pindl: Unsere Kirche muss jesuanischer werden, muss theologisch und praktisch mutiger noch die ur- und frühchristlichen Ursprünge unseres Glaubens in den Blick nehmen. Und das heisst zum Beispiel: Wegzukommen von der Priesterzentriertheit bei den Gottesdiensten, und das Mahl über alle konfessionellen und sonstigen Grenzen hinweg zu feiern. Nicht nur in Kirchenräumen, sondern im familiären Rahmen, der für das frühe Christentum der einzige Entfaltungsraum war.

Nach dem 1700-Jahr-Jubiläum des Glaubensbekenntnisses von Nizäa dieses Jahr konnte man ja den Eindruck gewinnen, das Christentum beginne erst mit dem Jahr 325. Da können wir nicht stehen bleiben. Ich bin überzeugt, dass wir mit einer jesuanischen Spiritualität eine Brücke schlagen können zu jenen, die sich von der Kirche abgewendet haben. Gleichzeitig können wir auch unsere eigene Kirche erneuern.  

«Das Zweite Vatikanische Konzil war wie ein Weckruf für die christkatholische Kirche.»

Jüngst hat sich das Zweite Vatikanische Konzil zum 60. Mal gejährt. Welche Bedeutung hatte dies für die Entwicklung der christkatholischen Kirche bzw. für das Verhältnis zur römisch-katholischen Kirche?

Pindl: Das Zweite Vatikanische Konzil war wie ein Weckruf für die christkatholische Kirche. Hoppla, sie bewegt sich ja doch! Erst als das Konzil «die Fenster weit aufmachte», wurde sich unsere Kirche bewusst, wie stark sie sich definiert hatte durch Abgrenzung zur römisch-katholischen Kirche.

Nun aber kamen sogar Impulse, die zu mehr Gemeinsamkeit einluden und auch zum Überdenken der eigenen Position. Deswegen sucht man seit dieser Zeit verstärkt den Dialog, auch auf offiziellem Weg. Auch wenn viele in unseren beiden Kirchen noch im «Unterschiede-Narrativ» verharren, aus meiner Sicht ist das Zweite Vatikanum ein Wendepunkt in unseren Beziehungen, der Beginn eines Wegs zunehmender Konvergenz. Diesen Weg sollten wir ohne Berührungsängste, mit grosser Offenheit und mit viel Kreativität weitergehen, damit wir die Kirchengemeinschaft nicht aus dem Blick verlieren.

«Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, Frauen in ihrer Berufung ernst zu nehmen.»

Die christkatholische Kirche erfährt ja in jüngster Zeit immer wieder Zuspruch in Form von Frauen aus der römisch-katholischen Kirche, die sich zu den Christkatholiken bekennen, weil sie dort als Frau zur Priesterin ordiniert werden können. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Pindl: Der Zuspruch war in den Jahren nach der Einführung der Frauenordination vor über 25 Jahren sogar grösser als heute. Von einer neuen Entwicklung kann also nicht gesprochen werden. Dass Frauen, die sich zur Diakonin oder Priesterin berufen fühlen, bei uns eine kirchliche Heimat finden, verstehe ich auch als ein kirchenpolitisches Signal: Es muss eine Selbstverständlichkeit sein, Frauen in ihrer Berufung ernst zu nehmen.

Allen Unkenrufen zum Trotz sehe ich hier bei unserer Schwesterkirche durchaus Bewegung. Theologisch wird auch dort immer mehr gesehen, dass der Ausschluss von Frauen vom kirchlichen Amt aus theologischer Sicht nicht länger haltbar ist. Der Ausspruch des  neuen Bischofs von St. Gallen, Beat Grögli, kommt da nicht von ungefähr: «Das Priestertum der Frau wird kommen!»

«Es gibt immer wieder Menschen, die sich ganz bewusst für unsere Kirche entscheiden.»

Ist die christkatholische Kirche so attraktiv, weil sie Wünsche römisch-katholischer Gläubigen erfüllen kann, die die römisch-katholische Kirche wohl auf Jahre hinaus noch nicht erfüllen kann oder will? Stichwort: Frauenordination.

Pindl: Das ist sicherlich in Einzelfällen so. Es gibt immer wieder Menschen, die sich ganz bewusst für unsere Kirche entscheiden. Der Grossteil bleibt jedoch in seiner Glaubensgemeinschaft, vor allem aus sozialen Gründen. Zudem gibt es heute keinen zwingenden Grund mehr, die Konfession zu wechseln. Zum einen wird kaum mehr ideologisch-konfessionell gedacht, zum anderen kann man, ohne Sanktionen zu befürchten, bei den anderen Glaubensgeschwistern andocken.

Bei einem meiner Gottesdienste versammelten sich orthodoxe, römisch-katholische, reformierte, anglikanische, konfessionslose Gläubige, und natürlich auch christkatholische. Das konfessionelle Zeitalter ist definitiv zu Ende, Cross-Over ist angesagt. Was uns der Heilige Geist damit wohl sagen will? Jedenfalls finde ich diese Situation spirituell ungemein bereichernd. Allerdings impliziert das auch, dass unsere Kirche zahlenmässig nicht mit grossen Zuwächsen rechnen kann.

Wenden sich der christkatholischen Kirche immer öfters auch Menschen aus anderen Konfessionen zu, soweit Sie dies beurteilen können?

Pindl: Hier gibt es keine neue Entwicklung. Traditionell sind es wie in den vergangenen Jahren auch vor allem Menschen aus der römisch-katholischen Kirche, die zu uns kommen.

«Wenn die Partizipation abnimmt, leidet auch die Synodalität.»

Synodalität ist das Schlagwort der Zeit in der römisch-katholischen Kirche. Wie synodal geht’s eigentlich in der christkatholischen Kirche zu?

Pindl: Wir sind, denke ich, zurecht stolz auf unsere «bischöflich-synodale Struktur», etwas vereinfacht gesagt: Wir sind von Kopf bis Fuss demokratisch eingestellt. «Die Leitung der Kirche obliegt der Synode, dem Bischof und dem Synodalrat gemeinsam», wie es in Artikel 3 unserer Verfassung heisst. In der Realität stehen wir jedoch vor grossen Herausforderungen: Denn es finden sich immer weniger Menschen, die sich für ein Amt in der Kirche bereit erklären. Wir haben kein Problem der Struktur, sondern der Partizipation.

Wenn die Partizipation abnimmt, leidet auch die Synodalität. Auch diese Schwierigkeit enthält jedoch eine Möglichkeit: Sich nämlich wieder stärker als lernende Kirche zu verstehen – früher nannte man das «ecclesia semper reformanda» – , die ihre Synodalität in einem breiten Gesprächsprozess selbstkritisch reflektiert. Das 150-Jahr-Jubiläum wäre hierzu eine gute Gelegenheit.

«Der gesellschaftliche Trend der Säkularisierung wirkt sich natürlich auch auf uns aus, wir leben ja nicht wie der kleine Prinz auf einem einsamen Planeten.»

Obwohl die christkatholische Kirche in einigen Dingen liberaler erscheint als die römisch-katholische Kirche – die Mitgliederzahl bleibt klein bei rund 12’000 Gläubigen schweizweit. Woran liegts? Kann die christkatholische Kirche letztendlich den gesellschaftlichen Trend der Säkularisation auch nicht drehen?

Pindl: Die Frage der Kleinheit beschäftigt uns seit den Zeiten Eduard Herzogs, dem ersten Bischof der christkatholischen Kirche. Vor 40 Jahren wurden die damals 18’000 Mitglieder als zu wenig beklagt, heute die 12’000. Der gesellschaftliche Trend der Säkularisierung wirkt sich natürlich auch auf uns aus, wir leben ja nicht wie der kleine Prinz auf einem einsamen Planeten.

Hinzu kommt der Traditionsbruch zwischen den Generationen, eine kippende Altersstruktur, und vor allem: Von einer liberalen Struktur kann man nicht automatisch spirituell abbeissen. Was hilft in solchen Zeiten? Darauf vertrauen, was uns biblisch verheissen ist: Aus dem kleinen Samenkorn etwas wachsen lassen. Im Kleinen glaubwürdig sein. Walk your talk. Neue Wege probieren, in der Liturgie, in der Pastoral, im diakonischen Handeln. Damit jetzt beginnen. Nicht warten, bis uns jemand dazu die Erlaubnis gibt. Gleichgesinnte suchen. Und die Freude nicht vergessen!

«Die Menschen suchen Gottesdienste, die ihre Seele anrühren, die ihr Herz wärmen, die sie zum Leben kommen lassen.»

Letzte Frage: Was suchen heute die Menschen Ihrer Meinung nach in der Kirche, wenn Sie noch in die Kirche gehen?

Pindl: Sie suchen gute Menschen, gute Orte, good vibrations. Sie suchen Gottesdienste, die ihre Seele anrühren, die ihr Herz wärmen, die sie zum Leben kommen lassen. Konfessionelle und dogmatische Codes spielen dabei keine Rolle. Das hat sich wohl am besten in den Gottesdiensten der Weihnachtstage gezeigt. Menschen von überall her versammelten sich, liesen sich ein auf den Trost der Welt. In einem Gedicht von Huub Osterhuis heisst es: «Reiss die Wolken auseinander und komm. Hier, jetzt, sei unser Gott.» Wer sonst sollte unsere Sehnsucht stillen?

*Theo Pindl (66) ist seit 2022 zuerst Diakon der christkatholischen Kirchgemeinde Baden-Brugg-Wettingen im Aargau. Der gebürtige Allgäuer, der aus Balderschwang stammt, wurde am 4. Februar 2024 in Zürich zum Priester geweiht. Seit Oktober 2025 spricht er im SRF zusammen mit vier anderen Seelsorgenden das «Wort zum Sonntag».


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