Warnungen vor «Maria Stella Matutina»: Bistum St. Gallen «evaluiert die Situation neu»

Ende November wurde bekannt, dass die Gemeinschaft der Schwestern von «Maria Stella Matutina» sich im Kloster Wonnenstein niederlassen wird. Das löst Besorgnis aus – denn die Gemeinschaft ist umstritten.

Barbara Ludwig

Die Gemeinschaft der Schwestern von «Maria Stella Matutina» (Maria Morgenstern) soll ab Advent 2026 im Kloster Wonnenstein einziehen. Der Trägerverein des ehemaligen Kapuzinerinnenklosters in Teufen gab Ende November bekannt, dass er mit der Gemeinschaft eine entsprechende Vereinbarung unterzeichnet habe.

Die Nachricht löste Besorgnis aus. Die Redaktion von kath.ch erhielt Zuschriften, die vor «Maria Stella Matutina» warnen. Zudem äusserte sich ein «Collectif Réparez» am 3. Dezember in mehreren Posts auf der Plattform X kritisch über den Entscheid, die Schwesterngemeinschaft in der Diözese St. Gallen anzusiedeln.

Bistum nimmt Reaktionen «sehr ernst»

Das «Collectif Réparez» ist ein Zusammenschluss von ehemaligen Mitgliedern der Johannesgemeinschaft, aus der «Maria Stella Matutina» – nach einer Abspaltung – hervorging. Falls die Ansiedlung nicht verhindert werde, könne das Bistum für «die Fortsetzung der von ehemaligen Mitgliedern beschriebenen Verfehlungen verantwortlich gemacht werden», hiess es in einem der Posts.

Die Warnungen erreichten auch das Bistum St. Gallen, das im Trägerverein des Klosters Wonnenstein vertreten ist:  «Viele Reaktionen haben uns vor eine neue Faktenlage gestellt», teilt die Kommunikationsbeauftragte des Bistums, Isabella Awad, auf Anfrage mit. «Wir nehmen die besorgten Äusserungen der Betroffenen und Schweizer Ordensoberen sehr ernst und evaluieren die Situation neu.»

Doch warum ist die 2014 in Spanien gegründete Gemeinschaft «Maria Stella Matutina» umstritten? Das hat viel mit ihrer Entstehungsgeschichte zu tun. Diese ist auf der Website des «Collectif Réparatif» dokumentiert. Auch die französische katholische Tageszeitung «La Croix» beschrieb sie in zwei Artikeln («Héritières des frères Philippe: l’incroyable cavale des soeurs de Maria Stella Matutina» vom 10. Juli 2023; «Stella Matutina: comment les dernières fidèles des frères Philippe ont manipulé le Vatican» vom 11. Juli 2023).

Die Gründerfigur – ein Missbrauchstäter

 «Maria Stella Matutina» ging hervor aus einer vom französischen Dominikaner Marie-Dominique Philippe (1912-2006) gegründeten Gemeinschaft Kontemplativer Schwestern innerhalb der Johannesgemeinschaft. Bei der Gründerfigur handelt es sich – wie man heute weiss – um einen Missbrauchstäter. 2019 stand der Pater im Zentrum des Arte-Dokfilms «Gottes missbrauchte Dienerinnen». Laut Sendung soll er über Jahre hinweg Ordensfrauen missbraucht haben.

2023 publizierte die Johannesgemeinschaft, ebenfalls eine Gründung des Dominikaners, einen Bericht über sexuellen und spirituellen Missbrauch, begangen durch Marie-Dominique Philippe und mindestens 72 Brüdern, wie auf der Newsseite cath.ch nachzulesen ist.

Missstände in Ursprungsgemeinschaft

Jahre früher schon – nämlich 2008 – gerieten die Kontemplativen Schwestern vom Heiligen Johannes ins Visier der kirchlichen Hierarchie. Der französische Kardinal Philippe Barbarin entschied im Juni 2009 die Führung der Gemeinschaft auszuwechseln.

Die Generaloberin und Mitgründerin Alix Parmentier wurde zum Rücktritt aufgefordert und durch eine neue Generaloberin ersetzt. «Diese Entscheidung folgt auf Feststellungen von Funktionsstörungen in der Unternehmensführung und Machtmissbrauch», heisst es auf der Webseite der Johannesbrüder.

Ungehorsam gegenüber Kirche

Ein Teil der Schwestern wollte die Entscheidungen der kirchlichen Hierarchie nicht akzeptieren und verweigerte der neuen Generaloberin den Gehorsam. Es kam zu Abgängen in der Ursprungsgemeinschaft. Im November 2009 wurde die Gemeinschaft unter Aufsicht eines apostolischen Kommissars gestellt. Rom verlangte von den vier ehemaligen Führungsfiguren – darunter Alix Parmentier, Marthe Hubac, Isabelle Hubac – ausserhalb der Gemeinschaft zu leben.

Misserfolge – und dann eine Neugründung

2012 gründeten abtrünnige Schwestern eine neue Gemeinschaft unter dem Namen «Institut der Schwestern von Saint Jean und Saint Dominique» – nachdem ein Versuch, sich in Mexiko niederzulassen, gescheitert war. 70 Novizinnen schlossen sich der neuen Gemeinschaft an. Doch Papst Benedikt XVI. löste das Institut im Januar 2013 auf.

Ein Jahr später gelang es den Schwestern indes, in Spanien Fuss zu fassen – und auch eine neue Gemeinschaft zu gründen. «La Croix» (11. Juli 2023) zufolge erhielten die Schwestern dank dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. eine zweite Chance. Im Juli 2014 unterzeichnete José Ignacio Munilla, Bischof von San Sebastian in Spanien, mit dem Segen von Rom im Kloster der Dreifaltigkeit in Bergara die Statuten von «Maria Stella Matutina»

Auflagen missachtet?

Doch es gab Auflagen: Alix Parmentier (2016 verstorben), Marthe und Isabelle Hubac sowie eine weitere Schwester müssen vom religiösen Leben ausgeschlossen werden. Laut der Zeitung «La Croix» (11. Juli 2023) blieb diese Auflage aber toter Buchstabe. «In der Realität blieben die Ausschlussdekrete unwirksam, bis Kardinal Braz de Aviz darauf bestand, sie am 19. Juli 2021, also sieben Jahre später, in Kraft zu setzen.» Keine der sanktionierten Frauen habe die Gemeinschaft bis heute verlassen. «Sie üben sogar weiterhin die vollständige Kontrolle über sie aus», so die Zeitung.

Dies schreibt auch eine ehemalige Novizin namens Jennifer Deal in einem mehrseitigen Dokument mit Datum vom 16. Juni 2023. Sie hat nach eigenen Angaben vom September 2019 bis November 2020 und später vom September 2021 bis März 2022 in einer Niederlassung von «Maria Stella Matutina» gelebt. Laut der ehemaligen Novizin werden Pater Marie-Dominique Philippe und Alix Parmentier weiterhin «wie Heilige» verehrt.

Psychischer Druck und Depressionen?

Jennifer Deal schildert in ihrem Zeugnis weitere problematische Aspekte. U.a. eine mangelnde Vorsicht bei der Aufnahme von Kandidatinnen, eine ungenügende Ausbildung mit einem Fokus auf die Philosophie von Marie-Dominique Philippe, ein Mangel an spiritueller Begleitung, Abschottung und eine sektiererische Haltung.

Fünfzehn Jahre nach den schwerwiegenden Missständen, die bei den Kontemplativen Schwestern von Saint-Jean zu psychischen Leiden geführt hatten, scheine sich in Stella Matutina nichts geändert zu haben, schreibt «La Croix» (11. Juli 2023).

Die Zeugenaussagen, zu denen die Zeitung Zugang habe, «beschreiben denselben hektischen Tagesablauf, die Mahlzeiten, die allein in der Zelle eingenommen werden, das Betteln, den Einfluss und den psychischen Druck der Oberinnen, die an der Spitze eines pyramidenförmigen und infantilisierenden Systems stehen, die Erschöpfung, die Depressionen und die Selbstmordversuche, die vor den Familien verheimlicht werden…»

Gemeinschaft spricht von Verleumdung

Kath.ch hat die Gemeinschaft «Maria Stella Matutina» um eine Stellungnahme zu den Vorwürfen gebeten.

«Unsere Gemeinschaft wurde mit der Erlaubnis und Unterstützung von Papst Franziskus und unseren legitimen Autoritäten in der Kirche gegründet, und gemeinsam mit ihnen betrachten wir alle diese Fragen», antwortet Generalpriorin Schwester Mary Thomas auf eine Reihe von Fragen. Den Brief von Jennifer Deal bezeichnet die Generalpriorin als Verleumdung.

«Maria Stella Matutina» hat nach eigenen Angaben weltweit 25 Priorate und ist in verschiedenen Diözesen in Europa, Asien, Afrika, Amerika und Australien präsent. Der Hauptsitz befindet sich in Parma (Italien). In der Schweiz gibt es bislang keine Niederlassung. (ergänzt, 23.12.25, bal)


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