Peter Zürn: «Tochter Zion»

Radioprediger Peter Zürn geht in seiner Predigt zum 4. Adventssonntag dem Lied «Tochter Zion» auf den Grund. Was hat es mit dieser Tochter auf sich? Was meint Zion? Triumphgesang und Erweckungslied, Bibelzitate, selbst die Brücke von Weihnachten zu Ostern lassen sich im Lied erkennen.

Peter Zürn*

Ich singe gerne. So gut ich eben kann. Dieses Lied (Tochter Zion) singe ich besonders gerne. Vielleicht kennen Sie es. Die Melodie ist von Georg Friedrich Händel. Sie bleibt leicht im Gedächtnis. In der reformierten Kirche singt man das Lied oft an Weihnachten. In der römisch-katholischen Kirche in der Adventszeit. Am dritten Sonntag im Advent.

Diese Sonntage haben in der Kirche alle einen Namen. «Gaudete! Freut euch!» heisst der am dritten Advent.  Über ihm soll schon ein Schimmer der Weihnachtsfreude schweben. 

Die weibliche Person

Die Bezeichnung «Tochter Zion» hingegen ist uns wohl eher fremd, sowohl die Anrede als Tochter, als auch der Ortsname. Zion hiess zunächst einmal ein Hügel der Stadt Jerusalem. Genauer: der Südosthügel von Jerusalem. Er heisst heute noch Zionsberg. Später wird der Begriff «Zion» dann erweitert auf den Tempelberg mit dem Tempel als Wohnung Gottes. Und schliesslich steht Zion für die ganze Stadt Jerusalem. Die Bevölkerung wird als eine weibliche Person angesprochen, eben als  »Tochter Zion».

Zionismus

Uns heute ist Zion vielleicht am ehesten aus den Nachrichten bekannt. In Nachrichten aus dem Nahen Osten ist immer wieder die Rede von zionistischen Siedlern. Zionismus bedeutet das Streben nach einem unabhängigen jüdischen Staat. Die Bewegung entstand vor mehr als 100 Jahren als Reaktion auf zunehmenden Antisemitismus und leitet ihren Namen eben von diesem Hügel in Jerusalem ab. 1948 wurde der Staat Israel gegründet. Seine Grenzen sind umstritten und umkämpft. Der Kampf um sie erzeugt bis heute grosses Leid.

Und aus dem Wort Zionismus ist unterdessen ein Kampfbegriff geworden, – manche, die den Staat Israel ablehnen oder dessen Politik kritisieren, nutzen das Wort «Zionist» als Negativbezeichnung.

Triumphgesang des Kriegshelden

Der Zusammenhang von Zion und Kampf passt durchaus zum Weihnachtslied. Georg Friedrich Händel komponierte die Melodie 1747 in London für sein Oratorium «Joshua», also Josua. Und später hat er die Melodie noch in einem anderen Werk verwendet: Es war ein Triumphgesang für biblische Kriegshelden. Das passte in seine Zeit. Die Macht und Stärke Britanniens klang mit an. So wurde die Melodie immer wieder für militärische Zwecke eingesetzt.

Ein Lobpreis auf Jesus

Bis Händels Melodie 70 Jahre nach ihrer Entstehung, also um 1820, einen neuen Text bekam. Jetzt sollte damit einem König ganz anderer Art ein jubelnder Empfang bereitet werden: einem Fürst des Friedens.

Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!
Sieh, dein König kommt zu dir,
ja, er kommt, der Friedefürst.
Tochter Zion, freue dich,
jauchze laut, Jerusalem!

Dieser Text stammt vom evangelische Pfarrer Friedrich Heinrich Ranke. Er nahm die dritte Strophe von Händels Lied und übertrug den Lobpreis auf Jesus, der bei seinem Einzug in Jerusalem als König, der Frieden bringt, gefeiert wird.

In der Kirche erinnern wir Jesu einzig in Jerusalem und zwar am Palmsonntag, dem Sonntag vor Ostern. So heisst das Lied bei Ranke auch: «Am Palmsonntage» und ist kein Adventslied.

Brückenschlag von Weihachten zu Ostern

In der evangelischen Kirche wird die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem sowohl am Palmsonntag als auch am ersten Advent im Gottesdienst gelesen. Ein wunderbarer Brückenschlag von Weihnachten nach Ostern. Friedrich Heinrich Ranke schuf seinen Text 1820 in Würzburg. Da war die Sehnsucht nach Frieden gross.

Die Kriege gegen Napoleons Armeen lagen gerade ein paar Jahre zurück. Die Kämpfe von Studenten und Burschenschaften für Demokratie begannen gerade. Vielleicht standen Ranke auch die  sogenannten «Hepp-Hepp-Unruhen» von 1819 in Würzburg vor Augen. Das waren blutige Ausschreitungen gegen jüdische Menschen, die sich dann über ganz Deutschland ausbreiteten.

«Hep! Hep! Jud verreck!» wurde geschrien. Hinter dem Ausdruck «Hep» verbirgt sich ein lateinischer Satz: Hierosolyma, also Jersualem, est perdita Jerusalem ist verloren.

Sie merken: Tochter Zion ist ein hochpolitisches Lied.

Ein Lied aus Bibelzitaten

Der Text besteht aus Zitaten aus der Bibel. Im Buch des Propheten Sacharja heisst es: «Du, Tochter Zion, freue dich sehr, und du, Tochter Jerusalem, jauchze! Siehe, dein König kommt zu dir, ein Gerechter und ein Helfer, arm ist er und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen der Eselin. Der Prophet Sacharja lässt Gott sprechen und eine Vision vom Frieden entwerfen: Denn ich will die Kampfwagen vernichten und die Streitrosse in Jerusalem,
und der Kriegsbogen soll zerbrochen werden. Denn er, der Friedensfürst, wird Frieden gebieten den Völkern, und seine Herrschaft wird sein von einem Meer bis zum andern und vom Strom bis an die Enden der Erde.»

Andere biblische Friedensvisionen klingen hier an. Etwa die von den Schwertern, die zu Pflugscharen um geschmiedet werden. Schwerter zu Pflugscharen. Das wurde zum Symbol der Friedensbewegung verbunden  mit dem Appell nach Abrüstung.

Ein Erweckungslied

Doch zurück zu Händels Melodie. Sie ist durch den Text von Ranke noch bekannter geworden. Mit seinem neuen Text schmiedet Ranke gleichsam auch die musikalischen Schwerter Händels um zu friedlichen Pflugscharen.

Friedrich Heinrich Ranke gehörte zur sogenannten Erweckungsbewegung. Menschen sollten zu neuem Glaubensleben «erweckt» werden. Dem dient auch das Lied: In dem Moment, in dem die Gemeinde als «Tochter Zion» das Lied anstimmt, werden die Gläubigen gleichsam «erweckt» und umgestaltet in das Gottesvolk, das sehnsüchtig den Friedensfürst erwartet.

Ein Psalmenlied

Zur Tochter Zion werden, ist das auch etwas für uns? Schauen wir dafür nochmal in die Bibel: Zion kommt auch in den Psalmen vor, dem Gebet- und Gesangbuch der Bibel. Vor allem in den sogenannten Wallfahrtspsalmen, die von der Wallfahrt nach Jerusalem, nach Zion, sprechen. Zion bringt also in Bewegung. Die katholische Liturgie bewahrt etwas davon, wenn im Gottesdienst am Weihnachtsmorgen der Bibelvers von den Töchtern Zions erklingt. Und zwar dann, wenn die Menschen eingeladen sind, zur Kommunion zu gehen. Zion ist ein Wallfahrtsort.

Ein Lied gegen Vereinzelung

Die Theologin Klara Butting übersetzt das hebräische  Wort für Wallfahrt mit «in die Gänge kommen». Die Psalmen und das Lied «Tochter Zion» sind Lieder zum «In- die-Gänge kommen». Sie wollen körperlich und geistig in Bewegung setzen. Sie wollen, sagt Klara Butting, Menschen aufrichten und mitnehmen zum aufrechten Gang. Mitnehmen, miteinander gehen, miteinander singen.

Es sind Lieder gegen Vereinzelung. Das Ziel ist Zion. Die Psalmen nennen den Zion oft Wohnort oder Ruheort Gottes In der ganzen Bibel geht es darum, einen solchen Ruheort zu finden: für Gott und für Menschen. Einen Ort, wo wir aufhören zu kämpfen und zur Ruhe kommen. Wo zum Vorschein kommt, worum es von Anfang an geht. Zion ist ein Versprechen, ist Hoffnung und Ziel, Aufgabe und Richtung für unser Handeln in dieser Welt.

Es beginnt in Zion, in Jerusalem, sagt Klara Butting, nicht weil das ein besonders heiliger Ort wäre, sondern weil Hoffnung sich an konkreten Orten zeigen und bewähren muss. Die Bibel erzählt, dass Gott mit bestimmten Menschen und an konkreten Orten beginnt, um die Welt zu verwandeln. Mit mir und dir an unserem Zion.

Ein Ort des Segens

Und Zion ist auch ein Ort des Segens. An vielen Stellen in der Bibel ist die Rede davon, dass Gott Menschen segnet. Im Psalm 134, dem letzten der Wallfahrtspsalmen, die in die Gänge bringen wollen, ist die Rede davon, dass Menschen Gott segnen. Das gibt es nur hier. Nur im Haus Gottes am Zion. Hier schliesst sich der Segenskreis. Von Gott zu den Menschen. Und von Menschen zu Gott. Segen bringt in Beziehung.

Am Zion wenden sich Menschen Gott zu, sagt Klara Butting, stellen Gott ihre Kraft zur Verfügung. Damit Zion werde, was es ist: Ruheort, wo das Leben das kommen wird, schon gefeiert wird und eine Ahnung entsteht, was wir noch für Wunder zu erwarten haben.

Zion ist dort, wo gehört und erlebt wird, dass jede Frau und jeder Mann ein Recht hat auf ein unbedrohtes Leben, ein Zuhause. Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem! Ich singe gerne. So gut ich eben kann. Dieses Lied singe ich besonders gerne. Amen.

*Peter Zürn ist römisch-katholischer Theologe und arbeitet in Klingnau.  

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