Wie geht es der modernen Seele und was hilft uns, ein gutes Leben zu führen? Was fördert nachhaltigen Dialog und verantwortungsvolles Handeln über den Moment hinaus? Solche und andere Fragen stellten sich Navid Kermani, Jacques Picard und Christian Rutishauser auf einem Podium in Zürich, im Zürcher Institut für interreligiösen Dialog (ZIID.)
Francesco Papagni
Navid Kermani, Träger des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, ist Schriftsteller, Theatermann und in Deutschland eine öffentliche Person. Der Berner Jacques Picard hat ein Leben zwischen Universität, Theater und Kulturförderung geführt: Heute präsidiert er das ZIID. Christian Rutishauser muss man in der Schweiz nicht vorstellen: Er ist Jesuit, Judaistikprofessor und führt das Luzerner Institut für jüdisch-christlichen Dialog. Eine hochkarätige Besetzung also.
Navid Kermani ist unter anderem für seine eindrücklichen Reportagen aus den fürchterlichsten Konfliktzonen der Erde bekannt. In einem hochliterarischen Text trug er seine Erfahrungen in Äthiopien vor.
«Ich hätte viel mehr Not, hier zu sitzen und nichts zu tun.»
Wie halte er all das Leid aus, wurde er gefragt. Die Reisen seien physisch und psychisch anstrengend, gab der Literat zu, aber «ich hätte viel mehr Not, hier zu sitzen und nichts zu tun». Es gehe auch darum, humanitäre Katastrophen zu dokumentieren, über die niemand schreibe.
Deshalb reist Kermani bald in den Sudan. Aus Pflichtgefühl allein mache man so etwas nicht. Christian Rutishauser stimmte dem mit Verweis auf die Denkerin Hannah Arendt zu. Wenn er etwas tue, tue er es mit innerer Notwendigkeit, das Resultat falle einem dann zu.
Während seiner Reisen hat Kermani auch Befremdliches erlebt. Auf Lesbos sammelten sich während der Flüchtlingskrise europäische Helfer. Vielen von ihnen schien es mehr ums Erlebnis des Helfens, also um sie selbst zu gehen, als um den Menschen, denen geholfen werden sollte.
Alle drei Diskutanten verknüpften ihre Tätigkeit mit ihrer Lebensgeschichte. Navid Kermani wuchs in Deutschland in einer persischen Familie auf. Er galt nicht als Weisser. Heute ist er ein hochgeachtetes Mitglied der Hochkultur und wird als Weisser betrachtet.
«Weiss» sei also nicht eine Frage der Hautfarbe, vielmehr eine soziale Wirklichkeit, die zu Paradoxien führe. Kürzlich habe man ihm einen Auftritt abgelehnt, weil man «schon zwei weisse Männer auf dem Podium gehabt habe». Das belustigt ihn.
Jacques Picard nahm den Ball auf: In den USA wurden Iren und Italiener bis in die Fünfzigerjahre diskriminiert. Sie seien gar keine Weisse, sagten die angelsächsischen Amerikaner. Tatsächlich lautete «White Negroes» das Schimpfwort gegen sie. Heute sollen sich ihre Nachfahren gemäss den selbsternannten Antirassisten dafür entschuldigen, dass sie ein «weisses Privileg» beanspruchen würden.
Alle drei Podiumsteilnehmer sind in verschiedenen Traditionen beheimatet, die sich mit ihren je eigenen Erfahrungen verknüpfen. Kermani erzählte, dass ihm die deutschen Dichter, Adorno und Benjamin, geläufiger wären als die persischen Dichter, die er aber sehr schätze. Die Renaissance der Poesie im persisch-arabischen Raum sei ein Grund zur Hoffnung.
Auf Rutishausers Frage, ob dies die Gesellschaft verbessern könne, gab Kermani eine abschlägige Antwort: Man solle die Literatur, die Poesie um ihrer selbst willen studieren und nicht auf einen Zweck hin. Aber natürlich bedeute Hoffnung in diesem Zusammenhang auch, dass die Hoffnung besteht, dass Menschen, die sich mit Poesie beschäftigen zum Nach-Denken kämen.
Hannah Arendt, deren Jubiläum dieses Jahr gefeiert wird, war da noch skeptischer: Im berühmten Interview mit Günter Gaus 1964 sagte sie, manche KZ-Kommandanten hätten abends Hölderlin gelesen und Bach gehört.
Für Jacques Picard war die Entdeckung des Holocausts, über den in seiner jüdischen Familie in Bern nicht gesprochen wurde, ein Schock und der Beginn des Nachdenkens. Nachdenken, Reflexion ist nicht automatisch mit Intelligenz gegeben. Es muss erlernt werden und hat viel mit Erinnerung zu tun.
Nur Menschen, die bereit und willens sind, sich eigener Taten und auch historischer Taten zu erinnern, sind zum Nach-Denken fähig, schreibt Hannah Arendt in ihrer Vorlesung «Über das Böse».
Kermani wandte sich gegen alles Identitäre, gegen die Festlegung eines Menschen auf eine Dimension. Er lehne prinzipiell jedes Angebot ab, wenn er als Muslim eingeladen werde. Nun fände er sich doch auf einem Podium mit einem Juden und einem Christen wieder… Allgemeine Heiterkeit.
In der Halacha, dem jüdischen Religionsgesetz, bricht die Wahrung der Menschenwürde jedes religiöse Gebot. So kommentierte Picard die universale Bedeutung der Menschenwürde. Kermani schilderte eindrücklich die sorgfältige Waschung des Leichnams seines toten Vaters, eine muslimische Tradition.
Wieso einem toten Körper solche Aufmerksamkeit zuteilwerden? Gerade im Zwecklosen dieses Rituals liege der Trost – eine letzte Aufmerksamkeit gegenüber einem Toten bekunde die Würde des Menschen. Jedenfalls sei für ihn diese Erfahrung das Tröstlichste am ganzen Begräbnis gewesen.
Eine Frage aus dem Publikum wollte wissen, wie die Kirchen heute aus dem Niedergang herauskämen. Navid Kermani gab eine fulminante Antwort: Aufhören, das zu sagen, was alle eh schon wüssten. Vielmehr sich auf die Schönheit besinnen. Im bitterarmen Äthiopien habe er wunderschöne Kirchen, wunderschöne Messgewänder, wunderschöne Liturgien ohne Predigt erlebt. Die Kirchen sollten einen Ort der Ruhe und der Schönheit bieten, die den Menschen ermöglichten, aus dem Alltag herauszutreten.
Der Boom von Kulturveranstaltungen sei auch dadurch zu erklären, dass die Kirchen ihre Rolle nicht mehr wahrnehmen würden. Und er verwies auf die Freiburger Rede von Papst Benedikt XVI., die für eine Entweltlichung plädierte und die in Kirchenkreisen schlecht aufgenommen wurde. Die Macht verlieren, um wieder aufs Eigentliche zu kommen.
Der Jesuit Christian Rutishauser stimmte ein: Die Gestalt, die die Kirche im 19. und 20. Jahrhundert angenommen habe, vergehe. Damit habe er auch keine Mühe. In der Transformation werde eine neue Gestalt der Kirche entstehen.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant