Eine Ringvorlesung, die im laufenden Semester an der Uni Luzern stattfindet, beschäftigt sich mit der Frage, ob Religion denn überhaupt noch relevant sei. Im letzten Beitrag dieser Veranstaltungsreihe wird die gängige Säkularisierungsthese widerlegt: Wohl verlieren die Landeskirchen Mitglieder, doch gleichzeitig gewinnen neuartige Formen der Religiosität an Bedeutung.
Martin Baumann und Andreas Tunger-Zanetti*
Steigt oder schwindet die Relevanz von Religion in der heutigen Zeit. Einen erster Befund liefern die Zahlen des Bundesamtes für Statistik: Die Zahl von Mitgliedern in den Landeskirchen geht seit drei Jahrzehnten kontinuierlich zurück, bei den Reformierten setzte der Verlust schon früher ein.
Gehörten 1970 noch 95 Prozent der Bevölkerung den staatlich anerkannten Kirchen an, so waren es im Jahr 2023 noch 50 Prozent. Einen leichten Zuwachs verzeichnen hingegen gewisse christliche Freikirchen sowie insbesondere christlich-orthodoxe Kirchen. Ihr Anteil stieg aufgrund der Zuwanderung von 2 Prozent (1970) auf knapp 6 Prozent (2023).
Auch der Anteil Personen, die sich einer islamischen Richtung zugehörig fühlen, stieg aufgrund der Zuwanderung auf 6 Prozent an. Der Anteil von Personen, die nicht mehr einer religiösen Organisation angehören, stieg von 1 Prozent (1970) geradezu dramatisch auf 35 Prozent (2023). Soweit sind die Entwicklungen bekannt.
Wenn auch Religionsforschende nicht als Propheten auftreten sollten, so lässt doch der Mittelwert des Rückgangs bzw. des Zuwachses der zurückliegenden Jahrzehnte Aussagen über etwaige künftige Entwicklungen zu. Gemäss dieser vereinfachten Berechnung könnte sich im Jahr 2050 – also in 25 Jahren – der Anteil Mitglieder in der römisch-katholischen Kirche auf ca. 22 Prozent und derjenige in den evangelisch-reformierten Kirchen auf 4 Prozent reduzieren. Der Anteil weiterer christlicher Gemeinschaften könnte auf ca. 8 Prozent anwachsen, derjenige von islamischen Gemeinschaften möglicherweise auf 9 Prozent. Insbesondere der Anteil Personen ohne Zugehörigkeit zu einer religiösen Organisation würde auf über 50 Prozent ansteigen.
Der Befund ist eindeutig: Auf der individuellen Ebene verliert die Dimension der formalen religiösen Zugehörigkeit deutlich an Relevanz. Dieser Befund ist auch aus anderen westeuropäischen Staaten bekannt, wie nationale Zensuszahlen und Zahlen des Pew Research Center etwa zu Grossbritannien, Deutschland oder Polen ausweisen.
Der eindeutige Befund verleitet nicht wenige Beobachter, generell auf einen Relevanzverlust von Religion in westlichen Gesellschaften zu schliessen. Dies ist jedoch vorschnell und undifferenziert.
Seit den 1970er Jahren lassen sich in vielen westeuropäischen Ländern, ebenso in Nordamerika und Australien zahlreiche sinnstiftende Praktiken und Vorstellungen benennen, die landläufig unter den Begriffen der Esoterik und populären Spiritualität zusammengefasst werden.
Zu denken ist an die Rezeption von Formen ›asiatischer’ Praktiken wie buddhistische Meditation, hinduistisches und säkulares Yoga, Reiki, Qigong, Tai-Chi und anderes mehr. Ebenso hoch im Kurs stehen Vorstellungen zu heilenden Kristallen oder zu positiv wirkenden Kraftorten. Eine Vielzahl Medien bieten Kontakte zu Geistern und Vorfahren an.
Wer praktiziert solche Formen von Esoterik und populärer Spiritualität und wie gross ist der Umfang einzuschätzen? Exemplarisch für westeuropäische Ländern geben erneut die Zahlen des Schweizer Bundesamtes für Statistik interessante Einblicke. Demnach verstehen sich mehr als 16 Prozent der Schweizer Bevölkerung oder ca. 1,3 Millionen Personen als spirituell und weitere um die 20 Prozent als religiös und spirituell. Diese Anteile sind für die Jahre 2014 bis 2024 weitgehend konstant geblieben, sogar leicht gewachsen, während der Anteil sich ausschliesslich religiös verstehender Personen deutlich zurückgegangen ist.
Als Teil der populären Spiritualität kann die Meditation, und hier insbesondere die Achtsamkeitsmeditation angesehen werden. Praktiken der Achtsamkeit reichen dabei von eindeutig buddhistischen Zen- und Vipassanā-Meditationsformen bis hin zu nicht-religiösen, weltanschaulich neutralen Vertiefungspraktiken wie der Mindfulness-based Stress Reduction Form.
Das Beispiel der Achtsamkeitsmeditation verdeutlicht zugleich, wie schwierig es ist, Grenzen zwischen religiösen, spirituellen und weltanschaulich neutralen Praktiken und Vorstellungen zu ziehen. Die Popularität der Meditation ist der Befragung zufolge nicht so sehr in geistig spirituellem Interesse begründet als vielmehr in Motiven des Stressabbaus, Verbesserung des körperlichen Befindens und Steigerung der geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit. Viele fühlen sich wohler, sind ausgeglichener und entspannter. Meditation ist demnach für viele sinnstiftend in profanem Sinne, um private und berufliche Anforderungen bewältigen zu können. Aufschlussreich ist schliesslich, dass sich unter den Personen ohne formale Religionszugehörigkeit 22 Prozent als spirituell verstehen.
Das Erlöschen der Mitgliedschaft in einer der Landeskirchen bedeutet demnach nicht Religionslosigkeit. Vielmehr verweist es darauf, dass hier Personen im Zuge von Individualisierung und Privatisierung selbstbestimmt ihre Formen individueller Religiosität praktizieren. Und, wichtig wahrzunehmen ist, dass ein substanzieller Anteil der Zugehörigen in der römisch-katholischen Kirche und den evangelisch-reformierten Kirchen sich als religiös und spirituell bzw. als primär spirituell verstehen.
Die Befunde deuten auf einen Wandel und eine Diversifizierung religiöser Praktiken und Vorstellungen innerhalb kirchlicher Religiositätsformen sowie ausserhalb organisierter Religion hin. Die statistischen Daten zeigen den nicht unerheblichen Umfang spiritueller Praktiken und Vorstellungen in der Schweiz auf.
Religionswissenschaftliche Studien verweisen auf neue Entwicklungen und den Wandel innerhalb christlich gebundener Religiosität und die Konsequenzen einer Selbstermächtigung des religiösen Subjekts für die Kirchen selbst. Insgesamt erscheint es angesichts der breiten Rezeption von Spiritualitätsvorstellungen und -praktiken und des Booms unterschiedlicher Achtsamkeitsmeditationen nicht abwegig, ein Fragezeichen hinter Individuums-bezogene Säkularisierungstheorien zu setzen.
Prozesse der Zuwanderung und Individualisierung veränderten die noch vor 50 Jahren bi- konfessionelle Schweizer Religionslandschaft zu einer religiös vielfältigen. Kantone, die gemäss Bundesverfassung für die Regelung des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat zuständig sind, reagierten auf die neue Situation unterschiedlich. Einige Kantone haben sich für eine proaktive Gestaltung des Verhältnisses zu den staatlich anerkannten und den nicht-anerkannten Religionsgemeinschaften entschieden. Andere Kantone verharren im Nichtstun und erachten es als nicht nötig, den veränderten Verhältnissen gebührende Aufmerksamkeit zu schenken.
Der Kanton St. Gallen initiierte die «St. Galler Erklärung für das Zusammenleben der Religionen und den interreligiösen Dialog» im Jahr 2005. Die unterzeichnenden Vertreter und Vertreterinnen von Religionsgemeinschaften verpflichten sich in dieser Charta der 11 Religionen zu gegenseitigem Respekt und zum Einsatz für ein friedliches Zusammenleben.
Der Kanton Solothurn erarbeitete ebenso in einem mehrjährigen Prozess eine proaktive Religionspolitik, um über die anerkannten Kirchen hinaus ein Verhältnis zu den privatrechtlich organisierten Religionsgemeinschaften aufzubauen. Hierbei durften wir seitens des Luzerner Zentrums Religionsforschung mit einer wissenschaftlichen Expertise zu eben diesen privatrechtlichen Religionsgemeinschaften beratend zur Seite stehen. Der Kanton publizierte im November 2024 die Grundlagen der Kooperation von Staat und Religionsgemeinschaften und richtete zum Jahresbeginn 2025 offiziell die provisorisch bereits bestehende Koordinationsstelle Religionsfragen ein.
Diese Kantone, ebenso Basel-Stadt, Bern und Zürich, verweisen darauf, dass manche Kantonsregierungen den grundlegenden Wandel der Schweizer Religionslandschaft hin zu einer Religionspluralität nicht nur wahrgenommen haben. Vielmehr geht es ihnen um eine aktive Gestaltung einer zeitgemässen Religionspolitik. Sie nehmen alle Religionsgemeinschaften als wichtige zivilgesellschaftliche Akteure wahr und anerkennen, dass sie wertvolle Leistungen für ihre Mitglieder und die Gesellschaft erbringen.
Seitens des Luzerner Zentrums Religionsforschung durften wir diese Prozesse mit Studien zu Solothurn und Zürich und beratend zu Bern unterstützen. Religionswissenschaftliche Expertise analysierte hier nicht nur die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse und dokumentierte die kantonal je neu vorhandene Vielfalt an Religionen. Vielmehr flossen direkt oder indirekt die Erkenntnisse und Empfehlungen in die Gestaltung der Religionspolitik ein. Religionswissenschaftliche Forschung war bzw. ist insofern von Relevanz, als sie beiträgt, die neue Religionslandschaft zu dokumentieren, diese kriteriengestützt systematisch zu analysieren und faktenbasiert Handlungsfelder und Herausforderungen zu benennen.
Religion hat gesellschaftlich durch ihre Pluralität eine neue Relevanz gewonnen, der in einigen Kantonen Behörden, Politik und Justiz eine verstärkte Aufmerksamkeit widmen. Festzuhalten ist aber auch, dass die offizielle Politik zahlreicher Kantone, und hier prominent zentralschweizerischer Kantone, in punkto Religion noch im 19. Jh. und dessen absoluten christlichen Dominanzverhältnissen verharrt. Ein Handlungsbedarf für eine zeitgemässe Religionspolitik wird verneint.
Religion ist zurück auf der gesellschaftlichen Ebene, prominent ebenso auf der Weltbühne – das Erstarken religiöser Nationalismen in Indien, den USA, der Türkei und anderswo haben wir aus Zeitgründen hier ausgelassen. Wichtig wahrzunehmen ist, dass Religion als gesellschaftlicher Faktor nie verschwunden war, sondern stets – mal stärker, mal schwächer – präsent ist. Es ist die Wahrnehmung, dass Religion gesellschaftlich und individuell nicht mehr gefragt und im kontinuierlichen Niedergang sei. Selbstverständlich ist zu konstatieren, wie zuvor aufgezeigt, dass die Dimension formaler Zugehörigkeit zu einer Religion auf der individuellen Ebene in breiten Bevölkerungskreisen schwindet.
Auch ohne prophetische Begabung sind künftige Entwicklungen voraussagbar: Die Zahl der Mitglieder in den Landeskirchen wird weiter zurückgehen, die Anzahl Personen ohne formale Religionszugehörigkeit wird weiter deutlich ansteigen. Zugleich findet ein Wandel und eine Diversifizierung individueller Religiosität statt, Stichworte waren hier populäre Spiritualität, neue Formen von Sinnstiftung, religiöse Selbstermächtigung. Die Theorien der Individualisierung und des Marktmodells von Religion scheinen für die gegenwärtige Situation angemessener als eine undifferenzierte Säkularisierungstheorie.
Dies trifft auch auf die Ebene der institutionalisierten, organisierten Religion zu. Zumindest weisen die drei zurückliegenden Jahrzehnte einen Boom religiöser Neugründungen in Folge von Prozessen der Immigration, der Individualisierung und der Binnendifferenzierung aus. Zugleich ist Vorsicht geboten, diesen Boom mit einem Religiöser-Werden der betreffenden Bevölkerung zu verwechseln.
Gesellschaftlich haben sich die Schweiz und viele westeuropäische Staaten von einer historisch begründeten Dominanz des katholischen oder protestantischen Christentums hin zu einer religionspluralen Situation entwickelt. Auch hier sind Immigrations- und Individualisierungsprozesse entscheidend. In der Schweiz reagierten einige Kantone auf die neuen Herausforderungen der Pluralität von Religionen mit einer neuen, proaktiven Religionspolitik.
Die Pluralität von Religionen betrifft auch gesellschaftliche Bereiche wie Schulen, Spitäler oder Justiz. Auch die direkte Demokratie und das zunehmende Unverständnis zwischen religiös Aktiven, religiös Inaktiven und völlig von Religion Distanzierten ist betroffen, gerade wenn es bei Abstimmungen über neu hinzugekommene Religionen geht.
Medien käme hier ein wichtiger Beitrag der Information und Vermittlung zu. Doch ähnlich wie zunehmend breiten Bevölkerungs-kreisen ein religiöser Analphabetismus zu eigen ist, so ist auch in vielen journalistischen Kreisen eine «religious illiteracy», ein Analphabetentum in Sachen Religion anzutreffen. Für eine sachgerechte Information über die gesellschaftlichen Herausforderungen, die die neue Pluralität der Religionen mit neuen Anfragen und Erwartungen mit sich bringt, ist dies nicht förderlich. Auch einem adäquaten Verständnis des weltweiten Erstarkens von Religion in Form religiöser Nationalismen sind damit Grenzen gesetzt.
Religion ist auf gesellschaftlicher und auch weiterhin auf individueller Ebene von Relevanz. Religionswissenschaftliche Expertise kann verhelfen, Entwicklungen dieser Relevanz aufzuzeigen und einzuordnen, systematisch- analytisch zu kontextuieren sowie sachbezogen und unabhängig zu beurteilen, um so Verständnisprozesse zu fördern.
An der Universität Luzern wird dies künftig fehlen. Denn die Universität Luzern, und hier die Kultur- und Sozialwissenschaftliche Fakultät, geht angesichts von Sparvorgaben infolge ungenügender Finanzierung der Universität durch ihren Trägerkanton einen anderen Weg. Sie hat beschlossen, die Professur für Religionswissenschaft nicht wiederzubesetzen und damit das Fachgebiet Religionswissenschaft in gut zwei Jahren einzustellen. Dieser unzeitgemässe und strategische Fehlentscheid ist zu bedauern. In öffentlichen Stellungnahmen äusserten viele ihr Unverständnis und ihre Verärgerung über diesen Beschluss. Für diese Unterstützung sei herzlich gedankt. Die Reaktionen zeigen, dass die Forschungen, Studien und Vermittlungen der zurückliegenden 25 Jahre als wertvoll für ein besseres Verständnis der neuen, religionspluralen Situation und ihren Herausforderungen angesehen werden.
*Dieser Text ist die stark gekürzte Version des Vorlesungsmanuskripts, das Martin Bauman und Andreas Tunger-Zanetti heute Abend um 16.15 Uhr im Rahmen der Ringvorlesung «Ist Religion noch relevant?» im Hörsaal 7 der Universität Luzern vortragen werden. Diese Veranstaltung ist zugleich auch die Abschiedsvorlesung von Martin Baumann, der seit 2001 als ordentlicher Professor für Religionswissenschaft an der Kultur- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät an der Universität Luzern tätig ist.
Kirche Schweiz – katholisch, aktuell, relevant