Das Gemälde «Salvator Mundi», das Leonardo da Vinci zugeschrieben wird, ist rätselhaft. Auch seine Botschaft ist vielseitig interpretierbar. «Bilderversteher» und Künstler Wolfgang Beltracchi, vor Jahren noch als Kunstfälscher im Gefängnis, nutzt dies und zeigt seine eigene Sicht des Weltenretters Christus in der Luzerner St. Johannes-Kirche. Der Weltenretter mutiert dabei zum kommentierenden (Zu-) Seher des Weltgeschehens.
Wolfgang Holz
Mit der rechten Hand, mit Zeige- und Mittelfinger, spendet Christus dem Betrachtenden frontal den Segen. In seiner Linken hält er auf Brusthöhe eine gläserne Kugel, eine stilisierte Form des Reichsapfels. So ist Jesus auf dem legendären Gemälde «Salvator Mundi» abgebildet.
Diese Darstellung von Jesus Christus, die dem italienischen Renaissance-Künstler Leonardo da Vinci zugeschrieben wird, ist ein Bildklassiker. Sie gehört zur sogenannten «christlichen Ikonografie». Und auch der Titel gibt uns weitere Informationen, denn die lateinischen Worte «Salvator Mundi» bedeuten «Retter der Welt».
In der christlichen Ikonografie ist das Bild von Jesus Christus mit erhobener rechter Hand und linker Hand, die einen Reichsapfel hält, eine gängige Darstellung. Vor allem von orthodox-byzantinischen Ikonen kennt man diese Darstellung, die aber auch zahlreichen Malern der nördlichen Renaissance zugeschrieben wird.
Andererseits ist diese Christus-Inszenierung «Salvator Mundi» auch ein Rätsel. Da ist erstens die Form des Reichsapfels als gläserne Kugel, die man in der linken Hand Christi sieht. Sie wird normalerweise mit einem Kreuz an der Spitze dargestellt, aber in da Vincis Darstellung ist die Kugel ohne Kreuz.
Der Globus steht wohl symbolisch für die Erde, und das Kreuz symbolisiert Jesus Christus als «Herrscher» der Erde. Und da ist zweitens die Tatsache, dass Leonardo da Vinci zwar als Kreator des weltbekannten Gemäldes, seiner männlichen «Mona Lisa» quasi, gehandelt wird. Aber bis heute ist dies nicht eindeutig. Das Ölgemälde wird auf die Zeit um 1500 datiert.
Insgesamt gilt die Provenienz des Gemäldes als nur lückenhaft belegt. Vereinzelte Erwähnungen, bei denen jedoch unsicher ist, ob sie sich auf das Gemälde beziehen, finden sich für den Zeitraum von 1650 bis 1763. Erst nach dem Jahr 1900 finden sich sichere Nachweise, wenngleich das Gemälde zu diesem Zeitpunkt einem Schüler aus dem Kreis Leonardos zugeschrieben wurde.
Absolut sicher ist dagegen, dass trotz dieser Ungeklärtheit das restaurierte Gemälde 2017 als das bislang teuerste Kunstwerk bei Christie’s in New York für einen Kaufpreis von sage und schreibe 450 Millionen US-Dollars versteigert wurde. Der Käufer des Bildes – wohl verführt durch die Mystik des Bildes? – sowie der Standort des Bildes sind bis heute unbekannt.
Bei so vielen Rätseln ist es eigentlich kein Wunder, dass der frühere Kunstfälscher und jetzige Künstler Wolfgang Beltracchi, sich in den vergangenen Jahren dazu animiert gefühlt hat, das Motiv des «Salvator Mundi» neu zu interpretieren.
13 seiner Entwürfe sind in der katholischen Luzerner Johannes-Kirche interessant im Kirchenraum platziert – man gewinnt fast den Eindruck, dass die «Weltenretter» Beltracchis auf diese Weise mit den Kirchenbesuchenden aus verschiedenen Blickwinkeln optisch dialogisieren.
Nicht zuletzt konterkarieren sie aber auch das Sakrale des Raums – denn in der Sicht Beltracchis, der sich selbst als religiös bezeichnet, ist Jesus längst nicht mehr nur ein Weltenretter und Erlöser. Sondern eher jemand, der der Welt, die heutzutage mehr denn aus den Fugen geraten zu sein scheint, nur noch als kontemplativer, scheinbar machtloser Zeitgenosse gegenüber steht.
Die Rolle des Bildes als Hoffnungszeichen hat sich zum Katastrophenszenario gewandelt – allen voran jene Darstellung von Jesus Christus als «Seher mit Atompilz». In dem Bild hält Christus die Weltkugel mit zwei Händen – darin spiegelt sich die Atombombenexplosion von Hiroshima. Auf dem Hintergrund des Bildes sind die Gerippe der zerstörten Häuser zu sehen. In anderen Kugeln flackert das Licht von Ungeheuern, Drachen und Dämonen. Oder etwa das Porträt von Julia Fokina, Muse des Starfotografen Alberto Venzago, die sich als US-Sheriff mit ausgestrecktem Mittelfinger in den Kopf schiesst.
Heiterer wirken dagegen Beltracchis Stilisierungen des «Salvator Mundi»-Motivs. Denn zum einen hat er die Christus-Darstellung im Pop-Art-Stil eines Roy Lichtensteins persifliert. Nach dem Motto: «Netlix and Chill…» Zum anderen hat er Christus in die kantige Welt kubistischer Künstler wie Picasso oder der orphistischen Eheleute Delaunay übersetzt – wobei der Eiffelturm dann tatsächlich plötzlich in der Glaskugel aufschimmert. Kopfüber. Ästhetische Spielereien.
Die bange Frage – vielleicht ist es fast schon eine Glaubensfrage –, die man sich am Ende der Ausstellung stellen mag, ist, ob Jesus Christus nicht nur künstlerisch immer noch ein Heiland sein kann, der uns segnet und beschützt. Der Ausstellungsort der Luzerner Johanneskirche, die wie ein religiöses Bollwerk daherkommt, lässt einen durchaus weiter daran glauben.
*Die Ausstellung in der katholischen Johanneskirche Luzern ist noch bis Sonntag, 11. Januar 2026, täglich von 8 bis 18 Uhr zu sehen.
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