In der Fondation Beyeler sind derzeit Werke der japanischen Künstlerin Yayoi Kusama zu sehen – die nicht nur im hohen Alter von 96 Jahren noch immer kreativ ist, sondern die ihr ganzes Leben in einem ganz eigenen Stil verarbeitet hat. Dabei stösst sie in Dimensionen des Unendlichen vor.
Wolfgang Holz
Wenn wir drei Punkte setzen am Ende eines Satzes, signalisieren wir dem Lesenden, dass wir etwas bewusst offenlassen. Dass wir etwas nicht beim Namen nennen wollen oder können. Dass wir intuitiv und emotional auf etwas anderes zu verweisen suchen. Punkt, Punkt, Punkt – drückt also in unserer Kommunikation eine gewisse Sprachlosigkeit aus.
Punkte, genauer gesagt: bunte Punkte – «polka dots» –, sind für die japanische Künstlerin Yayoi Kusama, deren Werke über eine Periode von 70 Jahren Schaffenszeit derzeit in der Fondation Beyeler ausgestellt sind, alles andere als Sprachlosigkeit.
Für sie sind Punkte, die sie setzt und mit denen sie unzählige ihrer farbigen Bilder übersät, eine existenzielle Form des Ausdrucks.
Mit ihnen verwandelt die Künstlerin, die als Kind schon Visionen und akustische Halluzinationen erlebte und später immer wieder Panikattacken erlitt, nicht nur ihre seelischen Empfindungen in eine abstrakte Bildsprache. In ihren Punkten spiegelt sich ihre Teilhabe an der Welt wie in einem Morsealphabet der ständigen Selbstvergewisserung.
Ein Punkt ist gleich Ich – eine Botschaft, die sie sozusagen aus ihrer Seele in die Seelen der Betrachtenden in die Welt funkt. Kunst wurde für Kusama auf diese Weise ein Mittel der Befreiung und der Selbsttherapie.
Dieser Versuch der Kontaktaufnahme mit der Aussenwelt ist schon in einem ganz frühen Porträt der Künstlerin von 1939 als Zehnjährige zu sehen. Das Selbstbildnis zeigt die junge Frau mit geschlossenen Augen und mit einem nach innen gerichtetem Blick. Ihr Gesicht ist mit Punkten überzogen, die sich als kleine Kringel in den Raum ausbreiten.
In dem späteren Bild «The Night» (»Die Nacht») von 1953 erstrahlt vor einem tiefschwarzen Hintergrund eine leuchtend ovale Form, die an ein Feuerwerk vor nächtlichem Himmel oder an einen winzigen Organismus unter dem Mikroskop erinnert. Das auf einen weissen Schleier gesetzte Blau wird durch pastose, pinkfarbene Tupfen gesteigert. Gesäumt wird die Form, die wie ein kleines Raumschiff dahin schwebt, von einer Wolke aus feinen und orangenen Punkten, die wie Funken glühen. Kusama dringt damit wie in kosmisch-spirituelle Dimensionen vor.
In vielen anderen grossflächigen, abstrakten Bildern erzeugt Kusama über ihre Punkte und netzartige Muster, die sich unendlich wiederholen, meditative Stimmungen. Diese öffnen dem Auge spirituelle Räume. Etwa in ihren monochromen, in weiss und rot gehaltenen «Infinity Nets» (»Unendlichkeitsnetze»). Diese lösen beim Betrachten flirrende Visionen aus, die übersinnlich wirken. Und stimulieren.
Teils werden auch Assoziationen an die Wirklichkeit hervorgerufen, wie etwa in «The Pacific Ocean» (1958), wo man die Gischt der Wellen hochspritzen zu hören und zu sehen meint. Auf dem 1,5 Meter mal 3 Meter grossen Gemälde «Flame» (»Flamme») 1992, glaubt man sogar, Spermien über die riesige pinke Bildfläche wuseln zu sehen. Eine bizarre Vitalität – die einen geradezu an die lustigen Spermienkostüme im Film mit Woody Allen erinnert.
Raumgreifend wachsen sich dann Kusamas Punkte in ihren jüngsten skulpturenhaften Darstellungen von Kürbissen aus, die durch schwarze Punkte gemustert sind.
In einem extra für die Ausstellung in der Fondation Beyeler geschaffenen, begehbaren Raum können Galeriebesuchende tatsächlich Unendlichkeit spüren – im sogenannten «Infinity Mirrored Room» (Unendlichkeits-Spiegel-Raum»). Diese immersive Installation suggeriert wörtlich im Untertitel, dass die «Polka-Punkte, beerdigt in der Unendlichkeit, ewig das Universum bedecken werden.»
Dieses monumentale Erlebnis der punktuellen Unendlichkeit kann sich zwar nur flüchtig beim Galeriebesuchenden einstellen – weil einem jeweils nur 35 Sekunden Unendlichkeit gegönnt wird aufgrund des massenhaften Andrangs an Neugierigen. Dennoch kommt man sich angesichts der riesenhaften Formen, die sich wie Ranken und Tentakel in einem gelbschwarzen Urwald winden, wie ein Ausserirdischer in einem futuristischen Ambiente vor. Ein Effekt, der durch die permanenten Spiegelungen und Widerspiegelungen tatsächlich bis ins Unendliche gesteigert wird.
Explizit spirituell wird Yayoi Kusama schliesslich in ihren Acryl-Arbeiten auf Leinwand «My Eternal Soul» (»Meine ewige Seele») von 2009 bis 2021. Insgesamt zwölf Jahre hat sie an dieser Gemäldeserie gearbeitet. Zunächst grundierte sie jedes Bild mit einer jeweils dominanten Farbe, auf die sie dann mit anderen kontrastierenden Farben ein dichtes Geflecht aus organischen und teils figürlichen Formen setzte, die oft zu schweben scheinen.
Seit 2018 hat die an Psychosen leidende Künstlerin, die freiwillig in einer psychiatrischen Klinik lebt, ihre Bildformate wieder verkleinert. Neben den vertrauten Motiven wie Punkten, Netzstrukturen, Augen und oft im Profil gezeigten Gesichtern begegnet man dort Wörtern und ganzen Gedichten auf Englisch und Japanisch: «Every day I pray for Love» (»Jeden Tag bete ich für Liebe»). Ihr Spiritualität wird damit auch sprachlich und mündet in ihren Slogan: «Love forever». Liebe für immer. Yayoi Kusama spricht wie eine wunderbare Urmutter der Kunst und der Natur.
*Die Ausstellung Yayoi Kusama in der Fondation Beyeler ist noch bis zum 25. Januar 2026 zu sehen.
**Kusama wurde 1929 im japanischen Matsumoto geboren. Im Alter von 20 Jahren studierte sie traditionelle Nihonga-Malerei in Kyoto, bevor sie zehn Jahre später Japan verliess und nach New York zog. Dort wurde sie, wie die Fondation Beyeler schreibt, «mit ihren bahnbrechenden experimentellen Arbeiten in einem breiten Spektrum an Medien zu einer zentralen Figur der Avantgarde der 1960-er Jahre». Seit 1973 lebt sie wieder in Japan.
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